DER GOLDENE DRACHEVon Roland SchimmelpfennigStadttheater Ingolstadt |
Im Mittelpunkt steht das China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“. Hier wird in der winzigen Küche zwischen zischenden Gaskochern einem jungen Chinesen ohne Aufenthaltsgenehmigung ein furchtbar schmerzender Schneidezahn mit einer Rohrzange gezogen. Und dieser Zahn gelangt auf dem Weg der Thai-Suppe, in der er aus Versehen landete, in den Mund einer Stewardess, Stammkundin im Schnellrestaurant, welches die Anwohner der Umgebung mit seinen asiatischen Schnellgerichten auch als Take-Away zu versorgen weiß. Dem jungen Liebespaar in der Dachwohnung des Hauses passiert etwas, das auf keinen Fall passieren sollte. Eine Etage tiefer verlässt eine Frau, die ihren Mann nie verlassen wollte, ihren Mann. Der benachbarte Lebensmittelhändler entdeckt ein ungeahnt lukratives Nebengeschäft.
Und dann erzählt jemand von der hungrigen Grille, die im Winter zum Opfer der geschäftstüchtigen Ameise wird. Die den ganzen dunklen Winter von den anderen Ameisen missbraucht wird, ohne zu merken, dass längst Frühling ist. Und schmerzhaft vertraut erscheint das Schicksal der kleinen Asiatin, die beim Verlassen ihres dunklen Zimmerchens dem betrunkenen Kumpel des Lebensmittelhändlers in die Arme läuft. Der doch nur mal ein bisschen von ihrer Fremdheit kosten wollte. Leider etwas unachtsam. So was Zartes geht halt schnell kaputt. Und als der junge Chinese nach der Rohrzangenoperation verblutet, wickelt man ihn in einen großen Drachenteppich und wirft ihn in den Fluss. Von dort schwimmt er endlich wieder nach Hause, nach China, leider tot und leider ohne die Schwester, die zu finden das erklärte Ziel seiner Reise war.
Als Fantasie auf die Fabel von der fleissigen Ameise und der lustigen, aber faulen Grille hat Roland Schimmelpfennig ein poetisches und berührendes Stück geschrieben. Mit minimalen theatralen Mitteln erzählt es von der Brutalität unserer globalisierten Zeit, in der die Grillen von den Ameisen auf ganze neue Art kolonialisiert werden. Was hat mein Leben mit dem jungen Chinesen, der mir im Schnellrestaurant gegenüber die Thai-Suppe serviert, zu tun? Hängen unsere Schicksale zusammen und wenn ja, dann wie? Sind wir in der Lage, die Zufälle, vielleicht auch Zusammenhänge und Abhängigkeiten, die unsere Lebenspläne so schmerzhaft angreifbar machen und spielend Kontinente überschreiten, als Möglichkeiten zu verstehen?
Der Autor betrachtet die Verhältnisse im und um den Goldenen Drachen aus den verschiedensten Perspektiven. Jedes Verhaltensmuster bekommt durch einen Kunstgriff andere Färbungen, denn die Männer sollen hier von den Frauen, die Frauen von den Männern, die Jungen von den Alten und die Alten von den Jungen gespielt werden. Das Ergebnis ist poetisch, brutal, rätselhaft und berührend.
Roland Schimmelpfennig wurde 1967 in Göttingen geboren. Er arbeitete zunächst als freier Journalist und Autor in Istanbul, bevor er 1990 ein Regiestudium an der Otto-Falkenberg-Schule in München begann. Nach dem Abschluss wurde er Regieassistent und später Mitarbeiter der künstlerischen Leitung an den Münchner Kammerspielen.
Roland Schimmelpfennig war in der Spielzeit 1999/2000 an der Berliner Schaubühne als Dramaturg und Autor engagiert. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen:
Else-Lasker-Schüler-Preis, Einladung zu den Mülheimer Theatertagen 2000, 2001 und 2002
Nestroy-Preis 2002 als bester Nachwuchsautor, Einladung zu den Mülheimer Theatertagen 2003 mit dem Stück "Vorher/Nachher", 2005 mit dem Stück "Die Frau von früher",
2009 mit dem Stück "Hier und Jetzt", Nestroy-Theaterpreis für das beste Stück (Besuch bei dem Vater), 2009, Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis 2010.
Das Stück wurde 2009 am Wiener Burgtheater in der Regie des Autors uraufgeführt und erlebt in Ingolstadt seine deutsche Erstaufführung.
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