PANEL 5: WIEDERKEHR DER AVANTGARDEN. MUSIK UND AUTONOMIE NACH DER DIGITALISIERUNG / MIT JENS BALZER,Hebbel am Ufer |
PANEL 5: WIEDERKEHR DER AVANTGARDEN. MUSIK UND AUTONOMIE NACH DER DIGITALISIERUNG / MIT JENS BALZER, DIEDRICH DIEDERICHSEN, BRANDEN W. JOSEPH, SABINE SANIO / ANSCHL. CHILL-OUT, MP3-DISCO
18. JAN. 09 / 21.00 UHR / HAU 2
Was einmal emphatisch als »Pop« ausgerufen wurde, scheint sich gegenwärtig in zwei gegenläufige und doch einander bedingende Entwicklungen zu spalten. Überspitzt ausgedrückt, gibt es einen Billigsektor, der sich allein noch über das Marktgeschehen zu finanzieren vermag. Dieses Modell findet seine letzte Konsequenz im allgegenwärtigen und überall erhältlichen Klingelton. Der ist zwar nicht sonderlich viel wert, verspricht aber gerade noch genügend kulturelle Information, um seinem Besitzer einen Distinktionsgewinn gegenüber kulturell weniger gewitzten Mitmenschen zu verschaffen.
Auf der anderen Seite des Spektrums scheint sich ein High-End-Bereich für eine gebildete Oberschicht mit der entsprechenden Finanzkraft herauszubilden. Er entfernt sich von den Imperativen der Massenkultur – möglichst viele Exemplare von einem Produkt zu einem gleichmäßig niedrigen Stückpreis verkaufen – und knüpft Allianzen zu den Ökonomien der Bildenden Kunst und angrenzender Bereiche der Hochkultur.
Parallel zu diesen Tendenzen lässt sich momentan beobachten, wie sich die für das Modell »Pop« einst konstitutive Verbindung von Bild und Klang entkoppelt. Mit ihrer Löslösung von einem physischen Festkörper, der sie einst der Warenform und den Gesetzen ökonomischer Verwertbarkeit zuführte, und ihrer Rückkehr in den Zustand der Immaterialität gewinnt das avantgardistische Projekt einer »reinen« und von der kapitalistischen Reproduktion freigestellten Musik neue Aktualität.
Wie lassen sich die immer üppiger wuchernden künstlerischen Praktiken zwischen Neo-Avantgarde, Neuer Musik und Sound Art beschreiben? Was bedeutet dieser Trend hin zur Autonomisierung für die Rolle, die eine dramatisch sich verändernde Gesellschaft einer ihrer wichtigsten Ausdrucksformen gibt?
Haben wir es hier mit einem weiteren Fall einer Nischenkultur zu tun, in der es sich Expertenkulturen, freigestellt von der Frage nach der sozialen Relevanz, gemütlich machen können? Oder erleben wir – ganz im Gegenteil – eine Emanzipation der Musik, die zu einer Ausbreitung (institutions-)kritischer Ansätze vom Feld der Bildenden Kunst in die Massenkultur und damit auch zu ihrer Politisierung führen könnte?
Mit: Jens Balzer, Diedrich Diederichsen, Branden W. Joseph, Sabine Sanio, David Toop
Im Rahmen des Festivals Dancing With Myself.
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