WissensWert 04 / 2017

Ihre Bibliothek – qualifiziert, kooperativ, zuverlässig

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2017
 

Inhalt

1. Künstlerbücher als Dokumente der Performancekunst
2. Die Bibliothek im April 2017
3. Geschmacksfragen
4. Bücher in Ausstellungen: Giorgio Vasari "Vite De' Piu Eccelenti Architetti, Pittori, Et Scultori Italiani". Firenze 1550 und 1568
5. WWW-WissensWert: Vasari Scrittore
6. Wissenswertes – Warum sind wir Rechts- oder Linkshänder?

Liebe Leserinnen und Leser!

Im März erhielt die Bibliothek ein vorgezogenes Ostergeschenk. 17 Jahre lang hatte der alte Buchkopierer seine Dienste getan. Im vergangenen Jahr war es dann vorbei. Dank der überaus großzügigen Unterstützung der Freunde der Kunsthalle konnte die Bibliothek am 6. März einen neuen Buchscanner aufstellen lassen. Es dauerte noch eine Woche, bis alle Funktionen im Gerät programmiert waren. Denn natürlich liegen auch 17 Jahre technische Weiterentwicklung in dem neuen Scanner, was viele zusätzliche Möglichkeiten bedeutet. Diese können die Kollegen der Hamburger Kunsthalle nutzen. Fortan kann die Bibliothekauch im Studiensaal wieder Kopien in schwarz-weiß und neuerdings auch in Farbe sowie einen Scan auf einen mitgebrachten USB-Stick anbieten. Für WissensWert wurde der Buchscanner bereits eingesetzt. Einige der Bilder in dieser Ausgabe wurden auf diese Weise erzeugt. Wir freuen uns sehr über diese Neuanschaffung und danken den Freunden der Kunsthalle sehr herzlich!


Der neue Buchscanner in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, HH

Ob man eine Kopie lieber in Papier- oder elektronischer Form haben möchte, mag vielleicht eine Geschmacksfrage sein. Wie oft am Tag müssen wir derartige Entscheidungen treffen? Aber warum präferieren wir das eine und lehnen das andere ab? WissensWert versucht eine Antwort zu finden.

Danach betrachten wir die Ausgaben von Giorgio Vasaris Lebensbeschreibungen von italienischen Künstlern, deren zweite Auflage von 1568 in der Ausstellung „Von der Poesie der venezianischen Malerei“ gezeigt wird. Giorgio Vasari steht auch im Mittelpunkt der Internetressource. WWW-WissensWert stellt die Datenbank „Vasari Scrittore“ vor. Mit welcher Hand Vasari seine Texte und Briefe verfasste, ist nicht bekannt. Die Rubrik „WissensWertes“ spürt den Ursachen nach, warum Menschen Rechts- oder Linkshänder werden. Zuvor, im ersten Artikel, werden Künstlerbücher als Dokumente der Aktionskunst beleuchtet.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin der Bibliothek

1. Künstlerbücher als Dokumente der Performancekunst

Die Exposition Internationale du Surréalisme, die von Januar bis Februar 1938 in der Galerie des Beaux-Arts in Paris stattfand, war die erste inszenierte Ausstellung. Ihr Katalog umfasst nur 7 Seiten. Gestaltet wurde er von den Künstlern rund um André Breton (1896-1966) wie ein Theaterzettel.


Titelblatt. In: Exposition Internationale du Surréalisme. Paris 1938. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=678788146 © Hamburger Kunsthalle

Die Nähe zum Theater ist die Charakteristik der Performance- oder Aktionskunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Künstler wollten traditionelle Kunstformen aufbrechen. Dasselbe gilt auch für die Künstlerbücher. Was ist Kunst? Was ist Realität? Was ist Leben? Nach den Schrecken der NS-Herrschaft und der Brutalität des Zweiten Weltkrieges waren dies die vorherrschenden Fragen, die sich die Künstler stellten. 1959 lud Alan Kaprow (1927-2006) erstmals zu einem „Happening“ in die Reuben Gallery in New York ein. Im gleichen Jahr veranstaltete Nam June Paik (1932-2006) in Düsseldorf seine „Hommage an John Cage“. Beide Ereignisse markieren den Einzug einer neuer Gattung in die Bildende Kunst.

Dabei gab es Performances bereits in anderen Zusammenhängen. Als narratives Element stehen sie im Mittelpunkt jeder Theateraufführung. Doch die Aktionen der Bildenden Künstler haben nichts Erzählendes. Mitunter besteht eine Ähnlichkeit zum Ritus, wie man ihn von religiösen Handlungen kennt. Einige Künstler sahen sich in der Rolle des Schamanen. Anlehnungen an die lebenden Bilder, eine beliebte Tradition aus dem 19. Jahrhundert, lassen sich erkennen, wobei sich in der Aktionskunst alles auf den Künstler als integralem Bestandteil des Kunstwerks, als Zentrum konzentriert. Die Handlung, die Aktion, das Prozesshafte stehen also im Vordergrund. Und auch der Zuschauer, das Publikum ist ein wichtiges Element einer jeden Performance. Bei den ersten Aktionen nahm es direkt am Entstehungsprozess des Kunstwerks teil. Bisher hatten die Künstler zurückgezogen in ihren Ateliers gearbeitet und das Publikum sah nur das Resultat ihrer Arbeit. Nun gingen die Künstler hinaus in die Galerien und auf die Straße. Ziel war es, ein größeres Publikum zu erreichen. Kunst sollte für alle da sein. In diesem Protest gegen den etablierten Kunstmarkt entstanden auch die ersten Künstlerbücher der 1960er Jahre.

Happening und Fluxus waren die Kunstrichtungen, in denen die meisten Aktionen stattfanden. Wolf Vostell (1932-1998) war ein bedeutender Vertreter dieser Bewegung. Am 26. März 1966 formulierte er sein „Happening-Manifest“, ebenfalls als Aktion.


Titelblatt. In: Vostell, Wolf (1932-1998): Happening-Manifest. New York 1966. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=857623745. © Hamburger Kunsthalle

Zahlreiche Anleitungen, Aktionstexte und Manifeste sind von Wolf Vostell erhalten. Sie wurden als lose Blätter, in Schnellheftern aufbewahrt, auf Matrizen oder Xerox-Geräten kopiert oder als Publikationen veröffentlicht. Bereits 1959 gründete Wolf Vostell das Happening-Archiv in Berlin. Er sammelte alles, was die Kunst seiner Generation dokumentieren konnte. Seit 2006 befindet sich dieses Archiv im Museo Vostell Malpartida im spanischen Malpartida de Cáceres (http://museovostell.gobex.es/). Die Frage ist, was von einer Performance bleibt. Wie kann man eine Kunst überliefern, die die Form der Einmaligkeit wählte? Doch wie die frühe Archivgründung zeigt, mag es den Künstlern auch selbst um eine Dokumentation ihrer Arbeit gegangen sein.

Von einer Performance bleiben erst einmal die Gegenstände, die der Künstler während der Aktion genutzt hat. Manche Künstler haben Protokolle oder Dokumentationen in schriftlicher Form erstellt. In Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln berichten die Zuschauer von den Aktionen, oder es wurden Interviews mit den Künstlern abgedruckt. Einige Künstler beauftragten befreundete Fotografen, die Aktionen im Bild festzuhalten. Mitunter fanden die Fotos anschließend Eingang in eine Publikation, die der Künstler selbst zusammenstellte und herausgab – ein Künstlerbuch. Die Anfänge der Performancekunst fallen in die Anfänge der Videotechnik. Auch diese Technik wurde für das Festhalten von Performances genutzt. Es gab sogar Aktionen, die alleine vor der Kamera stattfanden (z. B. Valie Export (*1940): Remote … Remote…, 1973, http://www.valieexport.at/de/werke/werke/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=1989&tx_ttnews%5BbackPid%5D=4&cHash=6430d29c2b). Das Publikum erfuhr von einer Aktion nur über das unscharfe Medium des Films. Was Realität, was Fiktion ist, wurde absichtlich im Unklaren gelassen.

Immer wieder diskutieren Wissenschaftler, welchen Stellenwert die hinterlassenen Zeugnisse von Aktionen haben. Handelt es sich dabei um Kunstwerke? Oder steht der dokumentarische Wert im Mittelpunkt? Eindeutig beantworten läßt sich diese Frage wohl nicht. Eines kann man jedenfalls beobachten: die Dokumentationen einzelner Aktionen wurden selbst zu wertvollen Sammelobjekten. Schließlich sind sie die letzten Relikte des Kunstwerks an sich. Durch eine Ausstellung im Museum erfahren sie eine Aufwertung, die das Dokument zum Kunstwerk werden lässt.

Auch in der Sammlung der Hamburger Kunsthalle befinden sich derartige Publikationen. Wer das Transparente Museum vom Café Liebermann her betritt, trifft als erstes auf ein Video der Aktion „Imponderabilia Bologna“ von Marina Abramović (*1946) und Ulay (Frank Uwe Laysiepen, *1943) aus dem Jahr 1977. Das Paar hatte sich wie antike Statuen an den Eingang zu einer Ausstellung gestellt, und diesen durch ihre nackten Körper eingeschränkt. Die Besucher mussten sich durch diese Situation der Enge und Körperlichkeit drängen. Ihre Gesichter sprechen Bände. Ungewollt wurden sie Teil der Performance und traten in direkten Kontakt zu den Künstlern. Abramović und Ulay ging es immer um Beziehungen, welcher Art auch immer. Bei der beschriebenen Performance kam das Aushalten einer irritierenden, vielleicht sogar belastenden Situation hinzu. Von 1975-1988 arbeiteten die beiden Künstler zusammen. In ihren Performances traten sie steht als gleichberechtigt auf, was die wirklich emanzipierte Stellung der Frau demonstrieren sollte. Zahlreiche Performances wurden dokumentiert. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt vier Künstlerbücher, die die performative Arbeit der Künstler widerspiegeln.


Zwei Künstlerbücher von Marina Abramović und Ulay. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/SET=3/TTL=1/CMD?ACT=AND&IKT=4&SRT=YOP&TRM=Performances © Hamburger Kunsthalle

Haben Abramović und Ulay den Zuschauer explizit in die Performance eingebunden, so hatte Joseph Beuys (1921-1986) zuvor genau das Gegenteil getan. Bei seiner Aktion am 26. November 1965 sperrte er das Publikum aus der Galerie Schmela in Düsseldorf aus. Durch ein Schaufenster blickte es in den Innenraum der Galerie, wo der Künstler einem toten Hasen Bilder erklärte. Marina Abramović, eine große Befürworterin von Reenactement, stellte die Aktion 2005 im Guggenheim Museum in New York noch einmal nach. Auch Christof Schlingensief (1960-2010) ließ sie in stark veränderter Form in zwei Filmen wiederaufleben. Über Beuys’ Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“, die als eines seiner Hauptwerke gilt, wurden viele Bücher und Artikel geschrieben. Es gibt zudem Fotos und Filmaufnahmen (https://www.youtube.com/watch?v=z_VPN8M1SGw).

Eine weitere Aktion von Joseph Beuys wurde in Buchform festgehalten. Am Freitag, den 30. Oktober 1970 führte Beuys in der Eat Gallery am Burgplatz in Düsseldorf die Aktion „Freitagsobjekt. 1a gebratene Fischgräte“ auf. Beuys hatte einige Tage zuvor 25 Heringe gekauft und diese gebraten, zum Teil eingelegt, andere gegessen und die Fischgräten aufbewahrt. In der Galerie fädelte er dann die Gräten auf und heftete sie mit dem Kopfteil nach unten an die Wand. Beuys selbst ließ sich unterhalb des Knies an jedes Hosenbein einen Trockenfisch nähen – links abwärts, rechts aufwärts gerichtet. Sein Gesicht bestrich sich der Künstler mit Asche und Holzkohle. Er hängte sich drei Kassettenrecorder um, die mit seinem Namen und dem Braunkreuz versehen waren. Er zerriss das Einwickelpapier der Fische und beschriftete es. Danach stand er drei Stunden lang auf einen Stock gestützt in einer Ecke des Raumes. Ziel der Aktion war es, Multiples zu erzeugen. Das Papier wurde zu deren Zertifikat.

Das Künstlerbuch zu dieser Aktion ist in zwei Teile geteilt. Der erste besteht aus einem Interview von Joseph Beuys und Daniel Spoerri (*1930), dem Galerieinhaber. Das Gespräch fand einige Tage nach der Aktion statt. Es ist ein manchmal sachlich, mitunter ironisch geführter Dialog zwischen den beiden Fluxuskünstlern. Sie diskutieren über Essbarkeit, über die Symbole der Aktion und über die Entstehung des Multiples. Die Fotos von Bernd Jansen (*1945) rufen im zweiten Teil des Buches Beuys’ Aktion lebhaft wieder in Erinnerung. Das Künstlerbuch erschien in einer Auflage von 700 Exemplaren in der Edition Hundertmark. Noch bis zum 18. Juni 2017 wird ein Exemplar in der Ausstellung „Liebling Moyland“ im Museum Schloss Moyland gezeigt (http://www.moyland.de/ausstellungen/liebling-moyland.html). Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt ebenfalls ein Exemplar (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=19234515X). Bis vor einiger Zeit stand es noch zwischen den Fachbüchern über den Künstler und wurde gar nicht als Künstlerbuch erkannt, ein Schicksal, das diese Gattung in vielen Bibliotheken trifft. Inzwischen hat sich das in der Hamburger Kunsthalle geändert und das Buch wurde der Sammlung der Künstlerbücher zugeordnet.

In einem Interview mit Jörg Schellmann (*1944) und Bernd Klüser (*1930) nannte Joseph Beuys die Editionen „eine Art Erinnerungsstütze“. „Jede Edition hat für mich den Charakter eines Kondenskerns, an dem sich Dinge ansetzen können. (…) Das ist wie eine Antenne, die irgendwo steht, mit der man in Verbindung bleibt.“ Des Weiteren spricht er in dem Werkverzeichnis seiner Multiples von „physischen Vehikeln in Form von Editionen“, die seine Ideen zugänglich machen sollen.

Bei der beschriebenen Aktion von Joseph Beuys drängte sich das Publikum an einem einzigen Fenster, um der Performance folgen zu können. Ein anderer Künstler hätte seine Aktionen am liebsten direkt auf die Straße verlegt. Da dies jedoch mit Genehmigungen einherging, definierte er die Galerie als seine Straße und lud möglichst viele Menschen ein, an seiner Show teilzunehmen. Auch von Vito Acconi (*1940), jenem Künstler, besitzt die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle zwei Künstlerbücher, die sich direkt auf seine Aktionen beziehen. Hierbei handelt es sich um kleine Publikationen, die nur wenige Seiten umfassen. Sie enthalten Fotos und Notizen rund um die Performances (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/SET=5/TTL=1/CMD?ACT=AND&IKT=5025&SRT=YOP&TRM=Ill.XX.%3F%3F%3F).

Tatsächlich auf die Straße verlegte ein anderer Künstler seine Aktionen. Der ungarische Künstler Endre Tót (*1937) organisierte eine  Demonstration, bei der die Teilnehmer Schilder, mit Nullen beschrieben, hochhielten. Die „Zero Demo“ fand von 1991 bis 2015 an verschiedenen Orten statt, unter anderem auch in Hamburg (Film der ersten „Zero Demo“ in Oxford, 1991, https://www.youtube.com/watch?v=nKdi7MN7lCQ). Die Null spielt ebenso in den Büchern des Künstlers eine Rolle. Diese beziehen sich allerdings nie auf seine Aktionen, sondern stehen separat als vollständig selbstständige Werke im vielfältigen Gesamtoeuvre Tóts. Dokumentiert wurden die Performances durch Fotos und Videos.

So unterschiedlich wie die Performances sind auch die Zeugnisse, die von ihnen übrig bleiben und die Kunst weiterleben lassen. Die auf diese Weise entstandenen Bücher können wiederum Kunstobjekte sein, wenn sie vom Künstler als solche konzipiert wurden. Sie können Dokumente enthalten, die im Vorfeld der Aktion entstanden sind, die zur Aktion beigetragen haben oder die während der Aktion erstellt wurden. Manche Künstlerbücher entstehen während einer Aktion, um diese als eigenständiges experimentell-buchkünstlerisches Medium zu begleiten.

Wer mehr lesen möchte:
Jappe, Elisabeth: Performance, Ritual, Prozeß. Handbuch der Aktionskunst in Europa. München 1993
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=132063689

Moments. Eine Geschichte der Performance in 10 Akten. Katalog der Ausstellung Karlsruhe 2012-2013. Köln 2013
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=73772546X

Schneede, Uwe M: Joseph Beuys. Die Aktionen. Kommentiertes Werkverzeichnis mit fotografischen Dokumentationen. Ostfildern-Ruit 1994
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=147814146

Ulay / Abramović: Performances 1976-1988. Katalog der Ausstellung Eindhoven 1997
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=467160333

2. Die Bibliothek im April 2017

Veranstaltungen:
Samstag, 22.4.2017, Lange Nacht der Museen
20.15-20.45 Uhr Das schöne Buch. Führung von Andrea Joosten zu illustrierten Büchern und Künstlerbüchern aus der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle
22.15-22.45 Uhr Das schöne Buch. Führung von Andrea Joosten zu illustrierten Büchern und Künstlerbüchern aus der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle
http://www.langenachtdermuseen-hamburg.de/museen/hamburger-kunsthalle/

Sonntag, 23.4.2017, 10-18 Uhr, Welttag des Buches
Lagerverkauf des Museumsshops und Doublettenverkauf der Bibliothek im Werner-Otto-Saal

Samstag, 29.4.2017, 11-ca. 12.30 Uhr
Exkursion der Freunde der Kunsthalle zum Museum der Arbeit
Besichtigung der Stein- und Buchdruckwerkstätten und Vorstellung des Kunst-Buchprojektes ALLES mit einer kurzen Lesung der Autorin Cornelia Manikowsky und Anwesenheit der Künstlerin Muriel Zoe
Begleitung: Andrea Joosten
Anmeldung: anna.cohrs@freunde-der-kunsthalle.de
Teilnahmebeitrag: 12,00 €

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:
Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Transparentes-Museum/articles/Transparentes-Museum.html

24.2.-21.5.2017
Die Poesie der venezianischen Malerei. Paris Bordone, Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto, Tizian
Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/die-poesie-der-venezianischen-malerei

24.2.-21.5.2017
Holzschnitte aus der Zeit Tizians
Hamburger Kunsthalle, Harzen-Kabinett
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/holzschnitte-aus-der-zeit-tizians

Handapparate im Studiensaal:

Die Poesie der venezianischen Malerei

Warten

Zeichnungsräume

3. Geschmacksfragen

„Ihre Meinung ist uns wichtig“ – überall werden wir heute gebeten, Dinge oder Erlebnisse zu bewerten. Auch Museen bleiben da nicht ausgeschlossen. Auf Reiseportalen, in den Social Media und z. B. auf der Internetseite von Hamburg-Tourismus kann man seine Meinung zu einzelnen Institutionen abgeben. Manchmal vergibt man sogenannte Likes, entweder anhand von Sternen oder man schreibt mit Worten ein kurzes Statement, das mehr oder weniger persönlich formuliert ist. Auf jeden Fall beeinflussen diese Bewertungen den Blick anderer Internet-Nutzer. Wie aber kommt es zu einer Bewertung? Was ist eigentlich Geschmack? Wie kommt es, dass wir für bestimmte Dinge eine Vorliebe haben und für andere nicht?

Der Begriff „Geschmack“ wurde viele Jahrhunderte lang alleine für das sensorische Erlebnis benutzt. Erst im Zuge der Aufklärung wurde diesem Begriff auch eine Bedeutung als raffinierte Urteilskraft zugewiesen. Der Philosoph Eduard Burke (1729-1797) stellt in seinem Buch „A philosophical enquiry into the origin of our ideas of the sublime and beautiful“ in der zweiten Auflage 1759 einen Essay über den Geschmack voran.


Titelblatt. In: Burke, Eduard (1729-1797): Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen. Hamburg 1989. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=15805248X © Hamburger Kunsthalle

Er definiert den Begriff, in dem sich das Vergnügen der Sinne mit der Urteilskraft der Vernunft mische. Burke beeinflusste Immanuel Kant (1724-1804) und viele andere Philosophen, die zum Thema nachhaltig arbeiteten. Der Geschmack war das zentrale Thema der Aufklärung. Er wurde im Rahmen der Kunsttheorie diskutiert. In der Morallehre sprach man vom „guten Geschmack“, der eine Norm darstellte. Diese Werte wurden von der Gesellschaft festgelegt, womit der Geschmack auch zu einem sozialen Instrument wurde. Im 19. Jahrhundert wurde der Geschmack nicht mehr alleine diskutiert, sondern als Mode gelebt. Statussymbole entstanden, die den Anschluss an Gleichgesinnte oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe symbolisierten. Der Geschmack drang in den Alltag ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und ganz besonders im 20. Jahrhundert versuchte man durch Meinungsumfragen den Geschmack vorhersehbar zu machen. Man suchte nach einer Art „Geschmacksformel“, um das Verhalten der Menschen vorhersagen zu können.

Heute wissen wir, dass Vorliegen selten zu begründen sind. Sie beziehen sich auf bestimmte Kategorien, sind kontextabhängig, konstruiert, vergleichend, nicht angeboren und extrem anpassungsfähig. Sie entstehen durch kulturelles Lernen, psychologische Verzerrung, inhärende Eigenschaften und Einflüsse aus dem Umfeld. Geschmacksbildung liegt stets eine Entscheidung zugrunde. Man entscheidet sich für eine Lieblingsfarbe und gleichzeitig gegen viele andere. Man mag ein Kunstwerk in einer Ausstellung und entscheidet sich, es sich genauer anzusehen oder mag es nicht und geht schnell zum nächsten über.

Auch über den Kunstgeschmack gibt es viele Untersuchungen und Erklärungsversuche. Die erste Befragung in einem Museum fand 1871 in Dresden statt. Ausgestellt waren dort Werke von Hans Holbein (1473-1543), darunter sein Gemälde „Madonna des Bürgermeisters Meyer“. Doch dieses Werk gab es gleich zweimal. Keiner war sich sicher, ob das Gemälde aus Dresden oder die Leihgabe aus Darmstadt als echt bezeichnet werden durfte. Bei einem handelte es sich jedenfalls um eine Fälschung, was unter den Experten zu einem heftigen Streit führte. Der ehemalige Physikprofessor Gustav Fechner (1801-1887) befragte damals die Museumsbesucher, welche Madonna auf eine schönere Art dargestellt sei. Über die Ergebnisse kann man lange streiten, doch erstmals wurden die Besucher in einem Museum nach ihrer Meinung gefragt. Dass diese das irritiert haben muss, zeigt, dass kaum einer der verteilten 1.000 Fragebögen ausgefüllt wurde. Diejenigen, die ihre Meinung jedoch abgaben, bevorzugten die Darmstädter Madonna, die auch heute unter den Kunstexperten als die Echte gilt.


Titelblatt. In: Fechner, Gustav Theodor (1801-1887): Über die Aechtheitsfrage der Holbein‘schen Madonna. Discussion und Acten. Leipzig 1871. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146308670 © Hamburger Kunsthalle

Welche Möglichkeiten hat man als Museum, das Besucherverhalten zu ergründen und Indizien für den Geschmack zu finden? Es gibt einen großen Unterschied zu anderen kulturellen Einrichtungen, wie z. B. dem Theater oder einem Konzerthaus. Im Museum bestimmen die Besucher selbst, wieviel Zeit sie einem Kunstwerk widmen möchten. Sagt also die Verweildauer etwas über den Geschmack aus? „Ja“, sagen die Wissenschaftler. Man weiß, dass der durchschnittliche Museumsbesucher nur wenige Sekunden vor einem Bild verbringt. Schließlich bietet das Museum eine große Fülle an hochrangiger Kunst und man möchte für sein Eintrittsgeld möglichst viel sehen. Wie aber entscheiden wir über den Nutzen? Welche Werke betrachten wir länger? Welche übergehen wir lieber? Experimente haben gezeigt, dass der Mensch schon innerhalb der ersten 50 Millisekunden, in denen er ein Kunstwerk betrachtet, ein erstes Geschmacksurteil fällt. Ein zweiter Blick auf das Werk lässt uns dann Stil- und semantische Bedeutungsfragen abhandeln sowie eine erste Meinung bilden. Viele Besucher belassen es bei diesen beiden Schritten.

Das erste Geschmacksurteil ist ein reines Bauchgefühl, bei dem man von vielen Faktoren beeinflusst werden kann. Die Anordnung des Werkes im Raum spielt ein Rolle. Die Informationen, die man mit einem Blick auf dem Titelschild erhascht, können das Urteil beeinflussen. Aber auch die anderen Menschen im Raum – Besucher oder Aufsichten – können zur Entscheidung beitragen, ob wir ein Bild näher betrachten werden oder nicht.

Dass wir bereits so früh überhaupt ein Urteil fällen, ist ein kognitiver Mechanismus gegen die Reizüberflutung. Im Museum erwartet man etwas Außergewöhnliches. Rituale bilden den Rahmen für dieses Erlebnis. Die meisten Menschen begegnen Kunst nicht jeden Tag. Die Institution des Museums ist ein Schutzraum, der vom Alltäglichen befreit. Alles erhält eine Wichtigkeit. Man sieht Dinge, die man sonst vielleicht übersehen hätte. Deshalb möchte man soviel wie möglich ansehen. Man weiß, dass die Verweildauer vor den einzelnen Kunstwerken von Besuchern abnimmt, je größer das Museum ist. Fragt man die Besucher, warum ihnen ein bestimmtes Bild besonders gut gefällt und ein anderes nicht, können sie dies häufig nur sehr oberflächlich erklären. Oftmals hängt dies damit zusammen, dass uns ein Kunstwerk emotional berührt. Die Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass die Reaktion des Gehirns auf ein Kunstwerk, das wir mögen, derjenigen der Selbstreflexion ähnelt. Uns gefällt besser, was wir häufiger sehen. Auch Wissen kann unsere Gefühle beeinflussen. Gute Kunst weicht immer ein wenig von bekannten Mustern ab und fordert damit den Betrachter heraus. Das Gehirn behält Werke besser, die versuchen, Grenzen auszuloten.

„Über Geschmack lässt sich nicht streiten,“ sagt der Volksmund und deutet damit die Vielfältigkeit an. Die Frage nach dem Geschmack ist ein häufig untersuchtes und beschriebenes Phänomen, das sich dennoch nicht vorhersagen lässt. Viele Geschmacksrätsel sind immer noch nicht gelöst.

Wer mehr lesen möchte:
Amann, Wilhelm: Die stille Arbeit des Geschmacks“. Die Kategorie des Geschmacks in der Ästhetik Schillers und in den Debatten der Aufklärung. Würzburg 1999

Burke, Eduard (1729-1797): Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen. Hamburg 1989
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=15805248X

Fechner, Gustav Theodor (1801-1887): Über die Aechtheitsfrage der Holbein‘schen Madonna. Discussion und Acten. Leipzig 1871
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146308670

Vanderbilt, Frank: Geschmack. Warum wir mögen, was wir mögen. München 2016

4. Bücher in Ausstellungen: Giorgio Vasari "Vite De' Piu Eccelenti Architetti, Pittori, Et Scultori Italiani". Firenze 1550 und 1568

Die Ausstellung “Die Poesie der venezianischen Malerei“, die bis zum 21. Mai 2017 im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart gezeigt wird, befasst sich mit Venedig in der Zeit zwischen 1510 und 1560. Vier große Malerpersönlichkeiten standen im Wettstreit um die Gunst der bürgerlichen und kirchlichen Auftraggeber. Tizian (1477-1576) führte diese Riege unangefochten an, zu der des weiteren Jacopo Palma, genannt il Veccio (der Ältere, 1480-1528), Lorenzo Lotto (1480-1556) und Paris Bordone (1500-1571) gehörten. Sie prägten die venezianische Malerei im 16. Jahrhundert und verliehen ihr eine innovative Weiterentwicklung, z. B. indem sie neue Motive aus der antiken und zeitgenössischen Lyrik auswählten und diese in der Malerei etablierten.

Die Stellung der Künstler wandelte sich in dieser Zeit gewaltig. 1550 veröffentlichte Giorgio Vasari (1511-1574) die erste Auflage seiner „Vite De' Piu Eccelenti Architetti, Pittori, Et Scultori Italiani“.


Maestro Cristofano: Titelblatt in verziertem architektonischen Rahmen mit allegorischen Figuren, dem Wappen der Medici und unten der Stadtvedute von Florenz. In: Vasari, Giorgio: "LE VITE DE' PIV ECCELLENTI ARCHITETTI, PITTORI, ET SCVLTORI ITALIANI". Bd. 1, Florenz 1550. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146180100 © Hamburger Kunsthalle. Foto: C. Irrgang, Hamburg

Erstmals wurden Künstlerbiographien für so wichtig erachtet, dass man sie aufschrieb. Für die Künstler bedeutete dies einen Aufstieg, der sie weg vom reinen Handwerk zu einem eigenen Stand führte. Für die Kunstgeschichte sind Vasaris Viten die ersten schriftlichen Quellen, die sich nicht rein mit der Maltechnik beschäftigen, sondern Leben und Werk der Künstler beschreiben. Nicht umsonst nennt man Vasari deshalb auch den „Vater der Kunstgeschichte“, denn er zeigte eine künstlerische Entwicklung auf, die für ihn im Werk von Michelangelo (1475-1569) als Höhepunkt endete.

Vasari war Florentiner. Im Gegensatz zu den Venezianern legten die Florentiner Wert auf die Idee des „Disegno“, während die Künstler in Venedig ihren Schwerpunkt auf die Farben und die Nachahmung nach der Natur legten. Auch Vasari war diesem Prinzip der Trennung von Entwurf und Ausführung verschrieben. Mit seinen Biographien verfolgte er neben der sozialen Höherstellung der Künstler auch die Gründung einer Akademie im Zeichen des „Disegno“ in Florenz.

Das ist der Hintergrund, der es verständlich macht, warum man eine Biographie Tizians in Vasaris erster Auflage vergeblich sucht. Der bedeutendste venezianische Maler kam schlichtweg gar nicht vor. Wie in der März-Ausgabe von „WissensWert“ berichtet, wandte sich insbesondere Ludovico Dolce (1508-1568) mit seiner Schrift „Dialogo della pittura, intitolato l’Aretino“ 1557 gegen diese für ihn unverzeihliche Fehlstelle. Sein Buch enthält eine erste Biographie des Meisters.

Bald schon nach dem Erscheinen der ersten Auflage machte sich Vasari daran, eine überarbeitete Ausgabe zu schreiben. Hierin sollte die für Venezianer schmerzliche Lücke geschlossen werden. Im Mai 1566 reiste er nach Venedig und besuchte Tizian, seinen Freund, wie er den Maler später nannte. Zudem traf er sich mit anderen Künstlern, darunter auch Paris Bordone. 1568 schließlich erschien die erweiterte Neuauflage, die im dritten Band einen Text über Tizian enthält. Vasari lobt den venezianischen Maler, relativiert dieses jedoch später, indem er z. B. in den Text Biographien seiner Schüler einstreut.


Textstelle über Paris Bordone. In: Vasari, Giorgio (1511-1574): Das Leben der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister. Von Cimabue bis zum Jahr 1576. Band 6. Erste Übersetzung ins Deutsche von Ludwig Schorn (1793-1842). Stuttgart und Tübingen 1849, S. 64. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=198506899 © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, HH

Die Abschnitte über Paris Bordone fallen überaus positiv aus und lassen seinen Lehrer durch kleine negative Aussagen in keinem guten Licht erscheinen. Bordone kam als achtjähriger Junge als Lehrling in die Werkstatt Tizians. Er verließ diese schon bald wieder, weil „er erkannte, dass dieser Mann nicht sehr darauf bedacht war, seine Lehrlinge zu unterrichten, obwohl sie ihn inständig und geduldig um seine bessere Behandlung baten“ (zit. nach der neuesten Vasari-Ausgabe (s.u.), S. 52-53). Ob sich dies wirklich so zutrug, weiß man nicht, denn Vasari arbeitete nicht derart wissenschaftlich, wie wir es heute gewohnt sind, indem alle Behauptungen belegt werden müssen. Vasaris Texte wimmeln von derartigen Aussagen, weshalb es immer wieder neue annotierte Editionen gibt, die den aktuellen Stand der Forschung widerspiegeln. Die letzte erschien 2004-2015 bei Wagenbach in Berlin. Die Biographie Tizians (und Bordones) füllt dabei einen ganzen 143-seitigen Band.

Aber zurück zu Vasaris Text. Wie bei den anderen Künstlern auch beschreibt der Autor nicht nur das Leben, sondern ebenso die geschaffenen Werke. Er schildert Bordone als einen erfolgreichen Maler, der zunächst nach Vincenza ging und auch in seiner Heimatstadt Treviso arbeitete, ehe er nach Venedig zurückkehrte. Später wirkte er in Frankreich und begann seine internationale Karriere, die ihm Auftraggeber in Polen, Flandern und Augsburg, zudem im italienischen Genua und Mailand verschaffte. Mit 75 Jahren setzte sich Bordone zur Ruhe. Dies wiederum wird im Kontrast zu Tizian betont, dem Vasari vorwarf, dass er noch im hohen Alter malte, was angeblich zu Lasten der Qualität seines Spätwerks ging.

Vasaris Tizian-Biographie wurde heftig kritisiert. Annibale Carracci (1560-1609), Maler und Kupferstecher in Rom sowie die venezianischen Maler Carlo Ridolfi (1594-1658) und Marco Boschini (1613-1678) schrieben als Resultat ihre eigenen Künstlerbiographien. Gerade Boschini gilt als einer der wichtigsten Verteidiger der venezianischen Malerei. Trotz aller Kritik sind Vasaris Viten enorm wichtig, und sie übten einen großen Einfluss auf die Kunsttheorie und die spätere Kunstgeschichtsschreibung aus. Das gedruckte Wort hatte Macht. Tizian wurde für eine lange Zeit nicht als Künstler anerkannt. Für nachfolgende Maler jedoch war er prägend, nicht nur für seinen berühmten Schüler und Widersacher Paris Bordone.

Wer mehr lesen möchte:
Boschini, Marco: Le Ricche Minere Della Pittura Veneziana. Venezia 1674
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=391514555

Ridolfi, Carlo: Le Maraviglie dell' arte : ovvero le vite degli illustri pittori Veneti e dello Stato. Vol. 1-2. Padua 1835-1837
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=461789191

Vasari, Giorgio: Das Leben des Tizian. Berlin 2005
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=476543274

5. WWW-WissensWert: Vasari Scrittore

Giorgio Vasari ging als erster Künstlerbiograph in die Geschichte ein. Seine Lebensbeschreibungen von verstorbenen und lebenden Künstlern setzten in vielfacher Hinsicht Maßstäbe. Dabei agierte Vasari nicht als Historiker im heutigen Sinne. Seine Widmung unterschrieb er mit „Maler aus Arezzo“. Er sah sich selbst also in erster Linie als Künstler. Interessant ist, dass es bis heute im Italienischen einen gemeinsamen Begriff für Handwerker, Künstler, Schöpfer gibt – „artefice“, den Vasari häufig benutzt. Mit seinen Biographien hob Vasari die Künstler aus dem Handwerkerstand heraus und setzt sie tatsächlich einem Schöpfer gleich.

Vasaris Schriften haben die Kunstgeschichte geprägt. Seine Viten werden bis heute immer wieder erforscht, editiert und kommentiert. Alleine in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle füllen die verschiedenen Ausgaben fünf Regalmeter. Die Forschung beschränkte sich zunächst auf italienische Ausgaben. Die erste Übersetzung ins Deutsche von Ludwig Schorn (1793-1842) erschien erst 1832-1849 bei Cotta in Stuttgart und Tübingen (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=198506813). Sie enthält gleich zahlreiche Anmerkungen des Herausgebers zum Originaltext. Ein Band dieser Ausgabe ist derzeit in der Ausstellung „Die Poesie der venezianischen Malerei“ zu sehen. Alle anderen können im Studiensaal von Kupferstichkabinett und Bibliothek gelesen werden. Je weiter die Forschung schreitet, umso umfangreicher gestalten sich die Kommentare, die inzwischen mitunter mehr Raum einnehmen, als Vasaris ursprünglicher Text.

Zum 500. Geburtstag des Künstlers haben die Fondazione Memoforte, die Regione Toscana und das Kunsthistorischen Institut in Florenz eine Plattform ins Netz gestellt, die den Schriftsteller Vasari in den Mittelpunkt stellt. „Vasari Scrittore“ vereinigt alle Schriften von und an Vasari in einer Datenbank. Dazu gehören beide Ausgaben der Viten (1550 und 1568), die Vasari selbst noch bearbeitete, eine Briefsammlung mit Briefen von und an ihn sowie seine niedergeschriebenen Erinnerungen und Überlegungen – der gesamte schriftliche Nachlass aus den Jahren 1527-1588.


Eingangsbildschirm zu „Vasari Scrittore“. Quelle: http://vasariscrittore.memofonte.it/home

Im „Archivia Scritti“ sind diese Quellen recherchierbar. Das Suchmenü erlaubt eine detaillierte Suche nach Jahr, Dokumentart, Biographien, Absender und Empfänger von Briefen und ihren Aufenthaltsorten sowie eine Freitextsuche. Das Suchmenü ist in italienischer Sprache, so wie auch die digitalisierten Quellen nicht in einer Übersetzung sondern in der Originalsprache vorliegen. Gibt man bei „Luogo Mittente“ (Ort des Absenders) „Venezia“ ein, so erhält man eine Liste von Menschen, die Vasari per Brief aus Venedig kontaktierten. Das Ergebnis zeigt, dass der Florentiner zwischen 1536-1550 in regem Briefkontakt zu dem bedeutenden Schriftsteller Pietro Aretino (1492-1556) stand, der von Rom nach Venedig gezogen war. Eine Freitextsuche nach „Tiziano“ zeigt auch, dass sich Vasari und Arteino bereits über den venezianischen Künstler austauschten. Dennoch fand er erst in der zweiten Auflage Eingang in die Viten. Weiterhin erhielt Vasari Briefe aus Venedig von Gabriel Fiamma (1522-1589), einem Theologen, der ebenso als Schriftsteller tätig war und u.a. zahlreiche Gedichte schrieb, die z. B. von Orlando Lasso (1532-1594) vertont wurden. Den weitaus größten Briefwechsel pflegte Vasari jedoch mit dem florentiner Humanisten Cosimo Bartoli (1503-1572), der als Diplomat in Venedig weilte. Bartoli versorgte den Künstler auch mit vielen Details über die venezianischen Maler und arbeitete auf diese Weise an der erweiterten Ausgabe der Viten mit.

Recherchiert man übrigens nach „Bondone“, so erhält man tatsächlich nur den Hinweis auf die Nennung des Namens von Paris Bordone in den Lebensbeschreibungen von Giotto und Tizian. Einen schriftlichen Austausch mit anderen über den venezianischen Künstler hat es nicht gegeben. Das Wissen über seinen Lebenslauf erhielt Vasari also ausschließlich durch seinen Besuch 1566.


Suchmaske von „Vasari Scrittore“. Quelle: http://vasariscrittore.memofonte.it/archivio

Die Suchmöglichkeiten sind ein großes Plus der Datenbank „Vasari Scrittore“. Ob per Suchschlitz oder Register man erhält rasch einen Überblick über gesuchte Textstellen oder zitierte Personen. Um das Ergebnis sehen zu können, muss man den Bildschirm herunterscrollen. Da das Suchmenü stehen bleibt, kann man das Ergebnis leicht übersehen. Ansonsten ist die Handhabung einfach. Aufgelistet werden der Dokumenttyp, das Datum, eine kurze Beschreibung und die Quelle. Klickt man den Button „Apri“ an, öffnet sich ein zusätzliches Fenster mit dem Text. Die Suchworte sind hier bereits hervorgehoben, so dass man die gesuchte Textstelle schnell findet.

Giorgio Vasari war der Erste, der die Leben von Künstlern verschriftlichte. Die von ihm zur Beschreibung der Werke benutzten Worte kann man als erstes kunsthistorisches Fachvokabular angesehen. Zum Projekt gehört deshalb auch ein Stichwortverzeichnis (Lemmario artistico), das diese verwendeten Bezeichnungen alphabetisch auflistet. Insgesamt gesehen bietet die Plattform „Vasari Scrittore“ einen guten Einstieg in den Ursprung der Kunstgeschichte und leistet einen interessanten Beitrag für die Quellenforschung.

6. Wissenswertes – Warum sind wir Rechts- oder Linkshänder?

Leonardo da Vinci (1452-1519), Michelangelo (1475-1564), Paul Klee (1879-1940) und Pablo Picasso (1881-1973) - sie haben eines gemeinsam. Alle diese Künstler schrieben mit der linken Hand. Erstaunlich viele Kreative befinden sich unter den Linkshändern. Weshalb jedoch die einen Menschen mit der rechten, andere mit der linken Hand schreiben, war bisher nicht bekannt.

Die Forscher brachten die Fähigkeit mit dem Gehirn in Verbindung. Die Schlüsselrolle sollte ein Gen namens „LRRTM1“ spielen, das verwaltet, welcher Teil des Gehirns spezifische Funktionen erfüllt. Es ist dafür zuständig, wo die Sprache oder das Gefühl lokalisiert sind. Doch erklärt das noch nicht in Gänze, warum jemand Links- oder Rechtshänder ist. Entsprechend viele Mythen ranken sich um diese Ausrichtung. Die erhöhte Kreativität ist ja eine gute Eigenschaft. Es gibt jedoch weitaus mehr negative Zuschreibungen gegenüber links schreibenden Menschen. Schließlich hat man viele Jahre lang versucht, diese Menschen umzutrainieren. Links war eben die böse Seite, die der Teufel besetzte, während Christus zur Rechten Gottes sitzt. Das Christentum hat diese Symbolik allerdings nicht erst erfunden. Bereits in der Antike gab es ähnliche Muster. Schon Platon (zwischen 400-300 v. Chr.) deutete auf die Unterschiedlichkeit der beiden Seiten hin. Die Vorurteile sitzen also tief und fest.

Viele Generationen über suchten die Forscher nach Erklärungen. Jetzt scheint die Ruhr-Universität Bochum einen Schritt weitergekommen zu sein. In einer Presseerklärung vom 17. Februar 2017 berichten die Bochumer Wissenschaftler von den erstaunlichen Ergebnissen eines Forschungsprojekts, das das Team rund um Sebastian Ocklenburg, Judith Schmitz und Onur Güntürkün gemeinsam mit niederländischen und südafrikanischen Kollegen durchgeführt hat. Sie kommen zu dem Ergebnis, das nicht das Gehirn für die Asymmetrie zuständig ist. Damit werfen sie alles bisher Vermutete über Bord. Bereits im Mutterleib liege der Ursprung. Ausgewertet hatte man Ultraschalluntersuchungen ab der achten Schwangerschaftswoche der 1980er Jahre . Schon hier konnte man eine Präferenz des Phötus‘ für eine rechte oder linke Seite erkennen. Ab der 13. Schwangerschaftswoche lutscht er bereits am Daumen und benutzt dazu die bevorzugte Seite. Diese Bewegungen werden über den motorischen Cortex im Gehirn gesteuert, der ein entsprechendes Signal an das Rückenmark weiterleitet. Und von dort aus wird die Bewegung schließlich umgesetzt. Diese Erkenntnisse schließen den Einfluss des Gehirns ja noch nicht aus. Doch die Forscher beobachteten schon Vorstufen der Händigkeit, als die motorische Großhirnrinde des Phötus‘ noch gar nicht ausgebildet war. Übrig bleib also das Rückenmark, in dem die Information hinterlegt zu sein scheint, ob jemand Links- und Rechtshänder ist. Die Forscher fanden genau die gesuchten Genexpressionen im Rückenmark, die bereits in einem frühen Schwangerschaftsstadium (8.-12. Woche) nachzuweisen sind. Auch eine genaue Genaktivität konnte beschrieben werden, die Einflüsse durch die Umwelt widerspiegeln, und uns zu dem werden lassen, was wir bevorzugt sind – Links- oder Rechtshänder.

Wer mehr lesen möchte:
Epigenetic regulation of lateralized fetal spiral gene expression underlies hemspheric asymmetries. In: elife, 2017
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5295814/

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im Mai 2017.

Wir würden uns freuen, wenn Sie „WissensWert“ auch Ihren Freunden und Bekannten weiterempfehlen, indem Sie diese E-Mail einfach weiterleiten.

Wünsche und Kommentare nehmen wir jederzeit gerne entgegen
bibliothek@hamburger-kunsthalle.de

Sollten Sie den Newsletter nicht mehr beziehen wollen, genügt eine Mail an bibliothek@hamburger-kunsthalle.de