WissensWert 05 / 2018

Information & Dokumentation
Bibliothek, Archive, Digitalisierung

 

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2018
 
 
 
 
 
 

 


 

Inhalt

1. Die Archive der Hamburger Kunsthalle
2. Information & Dokumentation im Mai 2018
3. Jacob Burckhardt zum 200. Geburtstag
4. Das schönste gedruckte Buch der Renaissance
5. WWW-WissensWert: Abbildungssammlung von Jacob Burckhardt
6. Wissenswertes – Wie der Künstler Michelangelo Musiker inspirierte

Liebe Leserinnen und Leser!

Der 200. Geburtstag des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt (1818-1897) prägt „WissensWert“ im Mai. Ihm, dem Entdecker der Renaissance und Mitbegründer der Kunstgeschichte als Universitätsfach, ist der dritte Artikel dieser Ausgabe gewidmet. Der darauffolgende Text stellt das schönste gedruckte Buch der Renaissance vor. Die Rubrik „WissensWertes“ befasst sich mit Werken der Musik, die von dem bedeutendsten Künstler der Renaissance, Michelangelo Buonarotti (1475-1564), inspiriert wurden.

Jacob Burckhardt lebte im 19. Jahrhundert. Die Diatechnik gab es noch nicht. Ganz neu aber war die Fotografie. So legte Burckhardt eine eigene Sammlung von Reproduktionen von Kunst- und Bauwerken an, die er als Vergleichsabbildungen in seinen Vorträgen und Vorlesungen nutzte. „WWW-WissensWert“ stellt seine digitalisierte Abbildungssammlung vor, die von der Universitätsbibliothek Basel ins Internet gestellt wurde.

Auch Alfred Lichtwark (1852-1914) und Gustav Pauli (1866-1938) bedienten sich in ihren Vorträgen der gleichen Technik. So besitzt die Hamburger Kunsthalle eine große Reproduktionssammlung, die ebenso Beispiele aus der frühen Geschichte der Fotografie enthält. Seit Januar dieses Jahres gehört sie organisatorisch zu den Archiven der Hamburger Kunsthalle, die viele weitere Materialien beherbergen. „WissensWert“ beginnt mit einem ersten Überblick und stellt die einzelnen Archivbereiche vor.

Die intensive Beschäftigung der Bibliothek mit den Künstlerbüchern in ihrem Bestand hat Nachwirkungen. Natürlich wird die wunderbare Sammlung weitergeführt. Die Aufnahme der Künstlerbücher im Bibliothekskatalog ist nicht immer ganz leicht. Einige Kriterien, die die Publikationen charakterisieren (z. B. unterschiedliche Ausgaben, mehrteilige Werke oder einzelne Beigaben) werden in der üblichen bibliothekarischen Titelaufnahme nicht ausreichend berücksichtigt. Eine Beschreibung von verwendeten Materialien (z. B. für den Einband) sowie Aussagen zur Typografie sind für die normale Buchproduktion nicht vorgesehen, können für Künstlerbücher aber wichtige Kriterien sein. Aus diesem Grund hat der Standardisierungsausschuss der deutschsprachigen Länder (D-A-CH) der Gründung einer neuen Sonderarbeitsgruppe Künstlerbücher für die Formulierung von Empfehlungen zur Katalogisierung im Rahmen der international gültigen Regeln RDA (Ressource Description & Access) zugestimmt. Am 17. April 2018 traf sich das ca. zehnköpfige Gremium in Frankfurt am Main in der Deutschen Nationalbibliothek und legte ein erstes Arbeitspensum fest. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle ist in der AG vertreten und wird sich vornehmlich um die Zusammenarbeit mit der internationalen Fachcommunity kümmern.

„WissensWert“ möchte Ihnen auch in diesem Monat wieder zeigen, wie vielfältig die Arbeit im Bereich von Bibliotheken und Archiven, Dokumentation und Digitalisierung sein kann.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin Information & Dokumentation

1. Die Archive der Hamburger Kunsthalle

„Die Bestände des Historischen Archivs der Hamburger Kunsthalle werden in der kommenden Zeit umfassender bearbeitet und eine archivgerechte Aufstellung erfahren.“ So liest man auf der Homepage des Historischen Archivs im Bereich der Sammlungen der Hamburger Kunsthalle. Was steckt dahinter? Viel mehr, als dieser Satz vermuten lässt.

Seit dem ersten Januar 2018 gehören die Archive zur neu gegründeten Abteilung Information & Dokumentation. Das gibt die Chance, erstmals in der Geschichte der Hamburger Kunsthalle alle Archivalien zusammenzuführen und eine neue umfassende Struktur zu bilden.

In den letzten Monaten wurde von Henrike Schröder eine erste Bestandsaufnahme geleistet, ein großer Schritt, um einen Überblick über alle Archivalien zu erhalten. 15 Standorte konnten nach einem festen Schema erfasst werden. Die Materialien spiegeln eine große Bandbreite wider. So befinden sich in den Archiven: Akten in Ordnern, Mappen, Archivkartons oder anderen Kartons, Pläne, Plakate, Presseartikel, Publikationen, Drucksachen, Reproduktionen (Fotografien, Druckgraphik), Fotografien, Negative auf Glasplatten, Dias, Ektachrome, Röntgenaufnahmen der Restauratoren, Filmmaterial, Tonbänder, Videos, CDs, DVDs und Schallplattenhüllen – historische Dokumente aus der Arbeit der Hamburger Kunsthalle, aber auch Nachlässe von Künstlern, Sammlern oder Kollegen.

Der Zustand der Archivalien ist sehr unterschiedlich. Manche lagern in säurefreien Materialien, wie es für sie am besten ist, andere wurden in ihrem ursprünglichen Behältnis belassen. Das können eine Mappe, ein Ordner oder ein einfacher Karton sein. Hier ist dringender Handlungsbedarf gegeben, um den Erhaltungszustand nicht zu verschlechtern. Eine Umbettung kostet Geld. Archivgerechte Behältnisse sind nicht billig, doch eine Restaurierung des historisch wertvollen Materials wäre noch wesentlich teurer. Deshalb ist die Hamburger Kunsthalle bemüht, bereits für die konservatorisch notwendigen Maßnahmen geeignete Geldgeber zu finden. Einer von ihnen sind die Freunde der Kunsthalle, die es ermöglicht haben, dass derzeit ein großes Konvolut aus dem Direktoren- und Verwaltungsarchiv von einer Spezialfirma gereinigt und umgebettet werden kann. Erst nach einer solchen Maßnahme kann man an eine Erschließung durch eine Fachkraft und eine Benutzung der Archivalien denken.


Archivalien aus dem Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle, die derzeit gereinigt und umgebettet werden © Hamburger Kunsthalle. Foto: Henrike Schröder, Hamburg

Der überwiegende Teil der Bestände ist nur sehr rudimentär erschlossen. Noch nicht einmal für die Hälfte gibt es ein erstes Findbuch oder eine Kartei. Deshalb ist die jetzt erfolgte Bestandsaufnahme so hilfreich. Sie ist die Grundlage für die Zusammenführung der Archivalien in ein Archiv, das aus zwei großen Bereichen bestehen wird – aus dem Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle (HAHK) und dem Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle (KAHK).

Das Historische Archiv vereint alle Materialien, die in der Hamburger Kunsthalle entstanden sind oder einen unmittelbaren Bezug zur Arbeit des Museums haben. Dazu gehört das bereits erwähnte Direktoren- und Verwaltungsarchiv. Es enthält den Schriftverkehr der Direktoren, aber auch Aktenmaterial, das im Zusammenhang mit der Sammlung des Museums, der Organisation der Ausstellungen oder aus der Verwaltung stammt. „Die Archivalien dokumentieren die gesamte Geschichte der Hamburger Kunsthalle und die Aktivitäten der im und für das Museum tätigen Personen.“ So hat es Ute Haug, die diesen Teil des Historischen Archivs Hamburger Kunsthalle bisher betreute, auf der Homepage vermerkt. Für das Direktoren- und Verwaltungsarchiv gibt es ein erstes Findbuch, das schätzungsweise ein Drittel der Bestände grob verzeichnet. Für die Aufstellung muss eine neue Ordnung erarbeitet werden, da in der Vergangenheit mit unterschiedlichen Systematiken gearbeitet wurde.


Bereits umgebettete Archivalien im Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle. Foto: Henrike Schröder, Hamburg

Zum Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle gehört zukünftig weiterhin ein Bildarchiv, das fotografische Materialien zur Sammlung der Hamburger Kunsthalle – vom Glasnegativ bis zum Ektachrom – vereint. Manche dieser Archivalien bedürfen dringend einer archivgerechten Lagerung. Zu den Glasnegativen gibt es beispielsweise eine Zettelkartei, die jedoch überprüft werden muss. Zudem ging in der Vergangenheit jegliche Ordnung der Bestände verloren. Eine ganz andere Situation findet man bei den Schwarz-Weiß-Negativen und im Ektachrom-Archiv vor. Das Bildmaterial wird hier in einzelnen Hüllen und Umschlägen geordnet in Karteikästen aufbewahrt. Sieben Zugangsbücher verzeichnen die Fotografien. Erschließende Register oder Karteien gibt es nicht.


Ein Schrank aus dem Bildarchiv des Historischen Archivs Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle. Foto: Henrike Schröder, Hamburg

Unter den vorgefundenen Archivalien befinden sich auch einzelne Bauzeichnungen und Pläne, die die Gebäude und das Grundstück der Hamburger Kunsthalle verzeichnen. Insgesamt ist die Überlieferung in diesem Bereich jedoch sehr schlecht. Die vorhandenen Archivalien sollen in einem zukünftigen Planarchiv dem Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle zusammengeführt werden.

Über viele Jahre hinweg wurde von der Bibliothek ein Publikationsarchiv, das ein Exemplar einer jeden Publikation, die vom Museum herausgegeben wird, sammelt, sowie das Pressearchiv geführt. Bis vor einigen Jahren hatte die Hamburger Kunsthalle einen Presseausschnittsdienst beauftragt, alle Artikel zu sammeln, in denen das Museum erwähnt wurde. In der Bibliothek wurden diese Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften nach einer eigenen Systematik geordnet und zum Teil in Archivmappen aufbewahrt. Es gibt ein erstes Findbuch, das sich auf der Homepage, derzeit noch auf den Seiten unter den Sondersammlungen der Bibliothek befindet.

Auch weitere Werbematerialien, wie z. B. die Plakate, die bisher im Kupferstichkabinett verwahrt werden, sollen dem Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle zugeführt werden.

Aus der Museumsarbeit entstanden zudem Ton- und Filmaufnahmen – ein letzter Bereich des Historischen Archivs Hamburger Kunsthalle. Diese Archivalien wurden zwar aufgehoben, aber noch in keiner Weise geordnet oder erschlossen.

Das Historische Archiv Hamburger Kunsthalle verzeichnet zukünftig also deutlich mehr Bestände als die auf der Homepage derzeit noch genannten 200 Regalmeter. Es ist gut, dass die Vielzahl der Materialien vorhanden ist und im Laufe der Jahre, z.B. im Zweiten Weltkrieg, nicht viel verloren ging. So lässt sich mit Hilfe der Archivalien die Museumsgeschichte nachvollziehen und Einzelaspekte zur Institution, seiner Sammlung und seinen Aktivitäten erforschen.

Neben ganz auf das eigene Haus bezogenen Archivalien besitzt die Hamburger Kunsthalle aber auch Archive, die zwar einen Bezug zum Museum haben, aber nur im Umkreis desselben entstanden. Diese Bestände sollen dem Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle (KAHK) zugeführt werden. Dabei handelt es sich um Nachlässe von Künstlern, Sammlern und Wissenschaftlern. Als Beispiel sei hier der Nachlass des Kunsthändlers und -sammlers Georg Ernst Harzen (1790-1863) genannt. Harzen hatte der Kunsthalle testamentarisch nicht nur seine Sammlung sondern ebenso seinen schriftlichen Nachlass vermacht. Da Harzen in der Hamburger Kunstwelt des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle einnahm, spiegelt sein Nachlass auch einen Teil des Hamburger Kulturlebens aus der Vorgeschichte der Hamburger Kunsthalle wider. Zu Harzens Umfeld gehörten auch die Malerbrüder Gensler, Günter (1803-1884), Johann Jacob (1808-1845) und Martin (1811-1881), deren Nachlass sich ebenfalls in der Hamburger Kunsthalle befindet.

Diese und weitere ähnliche Archivalien gelangten über den direkten Kontakt der Direktoren oder Kustoden in den Bestand und wurden in der Bibliothek verwaltet. Hierbei handelt es sich wohl um den bisher am besten erschlossenen Archivbestand, denn die Bibliothek führt die Archivalien in einem eigenen Bereich im Zettelkatalog auf.


Zettelkasten für Archivalien im Studiensaal © Hamburger Kunsthalle. Foto: Henrike Schröder, Hamburg

Die Karteikarten wurden nach festgeschriebenen Hausregeln angefertigt. Die Archivalien gehörten zu den Sondersammlungen der Bibliothek, genauso wie die große Reproduktionssammlung, der zweite Bereich des Kunstarchivs Hamburger Kunsthalle. Bereits Alfred Lichtwark (1852-1914) hatte damit begonnen, das damals neue Medium der Reproduktionsfotografie zu sammeln. Die im Lauf der Jahrzehnte gekauften Fotografien sind zum Teil sehr hochwertig und stammen von namhaften Fotografen aus der Frühzeit des Mediums, wie z. B. dem Atelier Adolphe Braun aus dem Elsaß oder den Brüdern Alinari aus Florenz. Die gesamte Reproduktionssammlung umfasst geschätzte 40.000 Objekte. Ein erstes Findbuch, das die Systematik widerspiegelt, steht auf der Homepage, noch unter den Sondersammlungen der Bibliothek.


Blick in das Reproduktionsarchiv des Kunstarchivs Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle. Foto: Henrike Schröder, Hamburg

Was werden die nächsten Schritte sein? Parallel zur bereits erwähnten Reinigung und Umbettung einzelner Archivalien aus dem Historischen Archiv wird die reguläre Benutzung vorbereitet. Dazu müssen Bereiche definiert werden, die einer Benutzung unterzogen werden können. Einige Archivbereiche wird man aus organisatorischen oder konservatorischen Gründen von einer solchen erst einmal ausschließen müssen. Die Archive brauchen eine erste Benutzungsordnung, die die Regeln für den archivgerechten Umgang mit den Materialien im Studiensaal festlegt. Die zukünftigen Archive sollen offen sein, jedoch muss man auch den Erhalt des überwiegend unikaten Materials bedenken. Derzeit ist eine Benutzung nur in Ausnahmefällen möglich. Nach den Sommerferien werden einzelne Archivbereiche nach den festzulegenden Regeln einer Benutzung zugänglich gemacht werden können. So sehen es die Planungen vor. Daneben wird an der Erschließung der Bestände gearbeitet. Die Archive brauchen eine neue umfassende Systematik und eine fachgerechte Software, mit der alle Bestände in unterschiedlicher Erschließungstiefe katalogisiert werden können.

Für alle Aktivitäten werden Sponsoren und Mäzene gesucht. Es müssen Fördergelder beantragt werden. Die Aufarbeitung kann nur in kleinen Schritten erfolgen. Es wird noch lange dauern, bis eine Art von Alltag in den Archiven der Hamburger Kunsthalle eintreten wird. Zunächst müssen Grundlagen geschaffen werden. Der Überblick, der jetzt vorliegt, ist dazu ein erster und wichtiger Schritt.

2. Information & Dokumentation im Mai 2018

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:

Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/transparentes-museum

10.5.-9.9.2018
Licht und Leinwand. Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
https://www.gnm.de/ausstellungen/aktuell-und-vorschau/licht-und-leinwand/

Handapparate im Studiensaal:
Thomas Gainsborough
 

3. Jacob Burckhardt zum 200. Geburtstag

Vor 200 Jahren, am Montag, den 25. Mai 1818 wurde Jacob Christoph Burckhardt als viertes Kind von Jacob und Susanna Burckhardt in Basel geboren. Der kleine Jacob kam in eine Schweizer Familie des „Basler Daigs“, was bedeutet, dass sie zur Oberschicht gehörte. Jacob Burckhardts Vater war ein Pfarrer der reformierten Kirche. Seine Mutter starb, als der Junge noch nicht einmal zwölf Jahre alt war. 1837 schloss er das Gymnasium ab, auf dem er eine humanistische Bildung erhalten hatte. Auf Wunsch seines Vaters studierte er zunächst Theologie. Doch schon früh hörte er zudem Vorlesungen in Geschichte. So ist es nicht verwunderlich, dass er bereits nach vier Semestern nach Berlin ging und sich dort u. a. in Geschichte einschrieb. Die Berliner Museen, die er häufig besuchte, waren für ihn eine Quelle des Lernens und Genießens.

Geprägt haben ihn die Vorlesungen von Leopold von Ranke (1795-1886), einem Historiker, den man als Begründer der modernen Geschichtswissenschaften bezeichnen kann, Franz Kugler (1808-1858), einem Historiker und Kunsthistoriker sowie ausgezeichneten Italienkenner, und Jacob Grimm (1785-1863), der als Sprach- und Literaturwissenschaftler an der Friedrich-Wilhelms-Universität lehrte.

Jacob Grimm war u.a. Mitglied einer spätromantischen Dichtervereinigung. Gottfried Kinkel (1815-1882) hatte die literarische Gruppe „Der Maikäfer“ am 29. Juni 1840 in Bonn gegründet. Als Jacob Burckhardt im Sommer 1841 für ein Semester nach Bonn wechselte, wurde auch er Mitglied dieses Bundes; ja bei seiner Rückkehr nach Berlin gründete er sogar eine Filial-Mau. Der Maikäferbund zeichnete sich durch gesellige Abende aus. Bei Wein und Gesang wurde auch gedichtet. Die Ergebnisse veröffentlichte man in der wöchentlichen Vereins-Zeitung „Der Maikäfer. Eine Zeitschrift für Nicht-Philister“. Diese mauserte sich von einer Satire-Zeitschrift auf das Bonner Spießbürgertum zu einem wichtigen literarischen Organ. Auch Jacob Burckhardt veröffentlichte hier Gedichte. 1848 wurde die Vereinigung im Vorfeld der Revolution verboten.

Jacob Burckhardt war da schon längst wieder in der Schweiz bzw. in Italien, wohin er zwischen 1846 und 1848 ausgiebige Reisen unternahm. Er lebte als Journalist und „Brockhaus-Autor“. 1855 bot man ihm eine Professur für Kunstgeschichte an der Universität Zürich an. Er blieb dort für drei Jahre und übernahm 1858 den Lehrstuhl für Geschichte und Kunstgeschichte in Basel – eine ideale Kombination, denn Burckhardt interessierte sowohl die Kultur- als auch die Kunstgeschichte. Aus heutiger Sicht betrachtet, gehört er zu den bedeutendsten Geschichtsschreibern des 19. Jahrhunderts. Er zählt zu den Mitbegründern der Kunstgeschichte als Fachwissenschaft. Sein Hauptverdienst aber ist die Entdeckung der italienischen Renaissance als kultur- und kunstgeschichtliche Epoche.


Titelblatt. In: Jacob Burckhardt (1818-1897): Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuß der Kunstwerke Italiens. Bd. 1. Leipzig 1879, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=342446088 © Hamburger Kunsthalle

Eines seiner Hauptwerke widmete er seinem Lehrer Franz Kugler. Der „Cicerone“ ist eine Beschreibung der italienischen Kunstwerke, geordnet nach Gattungen, Regionen, Stilen und Personen. Wie einen „Baedecker“ kann man ihn als Reiseführer mit sich führen. Der Untertitel „Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens“ unterstreicht die sinnliche Herangehensweise Burckhardts. Er wollte stets zum Anschauen und Genießen der Kunstwerke anregen. Seine Beschreibungen führen in archäologische, historische und künstlerische Hintergründe ein. Burckhardt scheut keine Wertungen. Er war ein Mann von traditionellen und konservativen Prinzipien. Verschwiegen werden soll nicht, dass seine antisemitischen Äußerungen heute immer wieder zu Diskussionen führen, z. B. wenn die Schweizer Nationalbank sein Portrait auf dem 1.000 Frankenschein abdruckt oder Preise nach ihm benannt werden.

Für Jacob Burckhardt war die Renaissance neben der Antike und Gotik das dritte Goldene Zeitalter. Das Buch „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ist seine vorletzte noch zu Lebzeiten veröffentlichte Schrift. Sie beschreibt die Kulturgeschichte am Beginn der Neuzeit, ganz losgelöst von der bildenden Kunst. Damit prägte Burckhardt das historische Denken und das Verständnis für die europäische Kultur bis weit in unsere Zeit.


Titelblatt mit dem handschriftlichen Eigentumsvermerk „Commeter“. In: Jacob Burckhardt (1818-1897): Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel 1860, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=138757003 © Hamburger Kunsthalle

In der Kunstgeschichte wagte er einen Blick fern ab von den Künstlern selbst, hin zu Auftraggebern und Mäzenen, zu technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Jacob Burckhardt lehrte in Basel bis zum Jahr 1893. Dann musste der 75-Jährige seine Professur wegen eines asthmatischen Leidens aufgeben. Seine Schüler beschreiben ihn als charismatischen Redner. Der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin (1864-1945) benutzte das Wort „Ergriffenheit“ und sprach von einer einzigartigen Stimme, die ihm noch nach vielen Jahren im Ohr läge. Friedrich Nietzsche (1844-1900) nannte Burckhardts Vorlesungen die ersten, die ihm Vergnügen bereitet hätten. In seinen Vorträgen und Schriften wandte sich Burckhardt an ein breites Publikum. Seine zahlreichen Briefe und Vorlesungsmanuskripte wurden nach seinem Tod veröffentlicht. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt alle wichtigen Werke des bedeutenden Kunsthistorikers. Eine Recherche nach dem Autor Jacob Burckhardt im Bibliothekskatalog ergibt 108 Treffer.

Wer mehr lesen möchte:
Kaegi, Werner, "Burckhardt, Jacob" in: Neue Deutsche Biographie. Bd. 3: Bürklein-Dittmer. Berlin 1957, S. 36-38
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=125594917
Online-Version: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851752X.html#ndbcontent

Kägi, Werner: Jacob Burckhardt. Eine Biographie. 7 Bde. Basel 1947-1982
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=029624789

Maikuma, Yoshihiko: Der Begriff der Kultur bei Warburg, Nietzsche und Burckhardt. Königstein / Ts. 1985
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=024871796

Sitt, Martina: Kriterien der Kunstkritik. Jacob Burckhardts veröffentlichte Ästhetik als Schlüssel seines Rangsystems. Wien [u.a.]1992
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=119353733

Schlink, Wilhelm: Jacob Burckhardt über den „Genuss der Kunstwerke“. Sonderdruck aus: Trierer Beiträge. Aus Forschung und Lehre an der Universität Trier, 11, 1982, 7
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=735593507

4. Das schönste gedruckte Buch der Renaissance

Die „Hypnerotomachia Poliphili“ gibt mehr Rätsel auf als Antworten. Das beginnt bereits bei dem seltsamen Titel, setzt sich über den Inhalt des Textes fort, bis hin zur unbekannten Autoren- und Künstlerschaft. Was weiß man eigentlich über dieses Buch; das so viele Künstler beeinflusste?

Bekannt ist der Drucker und da bereits stößt man auf einen großen Namen: Aldo Manuzio (1449-1515). Sein berühmtes Signet, der Delphin, der sich um einen Anker rankt, ist jedoch nicht im Buch abgebildet. Er führte es erst ab 1502. Da war das Zeitalter der Inkunabeln bereits beendet. Der Buchdruck lag nicht mehr in der Wiege; man hatte zahlreiche Erfahrungen mit dem neuen Medium gemacht. Die „Hypnerotomachia Poliphili“ aber gehört noch zu den Wiegendrucken. Sie entstand 1499 in seiner Offizin in Venedig, die der aus der Romagna stammende Teobaldo Manucci unter dem Namen Aldo Manuzio (auch: Aldus Manutius) eröffnete. In Ferrara hatte er eine humanistische Bildung erhalten, war des Lateinischen und des Griechischen mächtig und kannte die antiken Klassiker. Wir befinden uns in der Renaissance. Die antiken Texte, die im Mittelalter verschüttet waren, wurden wiederentdeckte. Auch davon zeugt die „Hypnerotomachia Poliphili“.

Doch bleiben wir zunächst bei ihrem Drucker. Manuzios Betrieb wurde zum größten seiner Zeit überhaupt. Zeitweise stellte er 1.000 Bücher im Monat her. Und alle Ausgaben waren sorgfältig redigiert und gestaltet. Das trifft auch auf die „Hypnerotomachia Poliphili“ zu. Für dieses Buch entwickelte Francesco Griffo (1450-1518), Stempelschneider bei Manuzio, eine eigene, verbesserte Variante der Antiqua. Die Höhe und Breite des Satzspiegels entsprechen dem Goldenen Schnitt, der ein ideales Prinzip ästhetischer Proportionierung darstellt. Vollkommen kann man auch das Zusammenspiel von Illustrationen, Anfangsbuchstaben und Schriftsatz nennen. Es lässt eine jede der 234 ungezählten Seiten des Foliobandes ein eigenes Kunstwerk werden. Aus diesem Grund wurden von dem Exemplar der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle in der „Sammlung online“ auch häufig die gesamten Seiten abgebildet, wo die Datenbank sich ansonsten eher auf einzelne Buchillustrationen beschränkt. In der „Hypnerotomachia Poliphili“ kann man diese kaum losgelöst von der gesamten Komposition sehen.


Seite in: Colonna, Francesco: Hypnerotomachia Poliphili. Venetiis 1499, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146205235 © Hamburger Kunsthalle/bpk

Zu dieser Komposition gehört ebenso der Inhalt der durch Text und Illustrationen vermittelt werden soll. Die „Hypnerotomachia Poliphili“ ist da ein für die Renaissance sehr typisches Exemplar. Das Zeitalter steht an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Vieles verändert sich. Große Entdeckungen werden gemacht. Die Naturwissenschaften formieren sich. Man besinnt sich auf das alte Wissen der antiken Welt. Die moderne Technik des Buchdrucks schließlich kann die neuen Erkenntnisse festhalten und verbreiten. Das hat Auswirkungen auf die Gegenwart. Die „Hypnerotomachia Poliphili“ steht genau an diesem Punkt der Kulturgeschichte. Inhaltlich spiegelt sie viele dieser Entwicklungen wider und verwirrt gleichzeitig durch zahlreiche verdichtete und heterogene Elemente.

Das beginnt schon bei der Sprache – eine Mischung aus Griechisch und Latein bildet den Titel „Hypnerotomachia Poliphili, ubi humana omnia non nisi somnium esse docet, atque obiter plurima acitu sane quam digna commemorat“ (Dies ist der Traum-Liebeskampf des Poliphilo, worin gelehrt wird, dass alles Menschliche nichts als ein Traum ist und worin ausserdem noch vieles aufbewahrt wird, was wissenswert und heilsam ist. Übersetzung nach Birchler s.u.)

Titelseite. In: Colonna, Francesco: Hypnerotomachia Poliphili. Venetiis 1499, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146205235 © Hamburger Kunsthalle/bpk

Der weitere Text enthält Teile aus dem in Norditalien gesprochenen Dialekt, für den sich seine Bewohner stark machten, um das Lateinische als Wissenschaftssprache abzulösen. Dennoch findet man Lateinismen im Text, genauso wie griechische Worte, hebräische Anklänge, Neuschöpfungen des Verfassers als auch ägyptisch anmutende Schriftzeichen.

Genauso verwirrend ist die erzählte Geschichte, wenn man überhaupt von einer solchen reden kann. Der Anfang des allegorischen Romans erinnert an Dantes „Göttliche Komödie“, später könnte Petrarcas „Laura und Boccacio“ ein Vorbild gewesen sein. Den Inhalt wiederzugeben ist kaum möglich. Der Held Poliphilo schläft ein und träumt einen Liebestraum, in dem er sich auf den Weg zu seiner Polia macht. Auf diesem durchschreitet er einen finsteren Wald, eine antike Ruinenstadt und gelangt schließlich in das Reich der Königin Eleuterilida, die ihm nach einem Läuterungsbad Begleiterinnen mit auf den Weg gibt. Dieser führt ihn durch Gärten und ein Labyrinth bis zu den drei Pforten der Königin Telosia, die mit arabischen, hebräischen, griechischen und lateinischen Schriftzeichen versehen sind. Poliphilo begegnet Triumphzügen, erlebt Zeremonien und Zaubererscheinungen, bis er schließlich auf der Liebesinsel der Venus zu seiner Polia findet.

Poliphilo schläft unter einem Baum ein. In: Colonna, Francesco: Hypnerotomachia Poliphili. Venetiis 1499, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146205235 © Hamburger Kunsthalle/bpk

Der zweite Teil des Romans besteht aus Liebesbeteuerungen, Anspielungen auf antike Mythologien und der Geschichte Polias, die letztendlich mit ihrer Himmelfahrt endet. Obwohl nur halb so lang wie der erste Teil wird der zweite immer verwirrender und schwerer lesbar.

Die „Hypnerotomachia Poliphili“ vermischt nicht nur die Sprachen, sondern ebenso drei verschiedene inhaltliche Aspekte: die Wiederentdeckung der antiken Kultur, die Verehrung der Frau als Aufgabe eines kultivierten Mannes und alchemistische Ideen von der Verwandlung der Stoffe. Verwandlung, Läuterung und Erneuerung können als die Leitmotive bezeichnet werden. Sie stehen auch für alle Ungereimtheiten und Übergänge des 15. Jahrhunderts, einer vom Mittelalter geprägten Gesellschaft auf dem Weg in die Neuzeit.

Der Verfasser des Textes ist, wie bereits erwähnt, unbekannt. Schon in der Renaissance galt ein Mönch namens Francesco Colonna (ca. 1433-1527) als sein Autor. Sein Name ist verschlüsselt im Buch zu finden. Doch die Forschung hat auch andere Verfasser ins Spiel gebracht: den genialen Architekten, Künstler und Gelehrten Leon Battista Alberti (1404-1472) zum Beispiel oder Aldo Manuzio selbst.

Auch über den Schöpfer der 181 Holzschnitte, die das Buch enthält, weiß man nichts. Aufgrund ihrer hohen Qualität wurde vermutet, dass er aus dem Umkreis von Andrea Mantegna (1431-1506) und Giovanni Bellini (1437-1516) stammte. Genaues jedoch ist nicht bekannt, denn es lassen sich unter den zeitgenössischen italienischen Graphiken keine Parallelen ermitteln. Die Komposition der einzelnen Holzschnitte besticht durch eine klare Gliederung und perfekte Balance. Die lineare Zeichnung des Dargestellten verzichtet auf jegliche Schatten. Bestechend sind die Einzelheiten, die die architektonischen Elemente aufweisen. Erkennbar sind klassische Säulenordnungen, frühgotische Knospenkapitelle sowie Rahmenpilaster. Die Wiedergabe der Perspektive ist gekonnt. Neben den Architekturforschern kommen auch die Gartenarchitekten auf ihre Kosten. Die Darstellung der Triumphzüge zeichnet sich durch üppige Dekorationsformen aus. Die Holzschnitte kennzeichnet ein klarer Rhythmus.

Berühmt geworden ist die Darstellung einer antiken Ruinenstadt, die Jacob Burckhardt in seinem Buch „Die Kultur der Renaissance in Italien“ als die erste Ansicht dieser Art bezeichnete. Ein Holzschnitt zeigt einen Elefanten mit einem Obelisken auf dem Rücken. Diese Darstellung soll Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) zu seinem Obeliskenelefanten inspiriert haben, der noch heute auf der Piazza della Minerva in Rom steht.


Elefantenobelisk. In: Colonna, Francesco: Hypnerotomachia Poliphili. Venetiis 1499, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146205235 © Hamburger Kunsthalle/bpk

Es gibt zahlreiche Parallelen zwischen Motiven aus der „Hypnerotomachia Poliphili“ und späteren Werken der Bildenden Kunst, Musik oder Literatur. Das Buch beeinflusste Architekten und Gartengestalter. Besonders intensiv haben sich die Alchemisten mit ihm auseinandergesetzt. 1499 erschien die Erstausgabe der „Hypnerotomachia Poliphili“. Bis 1883 entstanden zehn Neudrucke. Schon früh wurde der Text ins Französische und Englische übersetzt. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst im Jahr 2014 (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=786683678).

Immer wieder haben sich die Wissenschaftler mit der „Hypnerotomachia Poliphili“ befasst und dennoch konnten die vielen Rätsel, die das Buch aufwirft, bis heute nicht gelöst werden. Einig jedoch ist man sich bei der Qualität der künstlerischen Ausführung sowohl des Drucks als auch der Illustrationen, die die „Hypnerotomachia Poliphili“ zum schönsten gedruckten Buch der Renaissance machen.

Wer mehr lesen möchte:
Birchler, Linus: Über die „Hypnerotomachia Poliphili“. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft. 1, 1958, 1, S. 37-47
http://doi.org/10.5169/seals-387833

Bredekamp, Horst: Die Stabilität des Instabilen in der „Hypnerotomachia Poliphili“. In: Ars et scriptura. Festschrift für Rudolf Preimesberger zum 65. Geburtstag. Berlin 2001, S. 17-34
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=593506480

Colonna, Francesco: Hypnerotomachia Poliphili. Übersetzt und Kommentiert von Thomas Reiser. Breitenbrunn 2014
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=786683678

Heyden-Rynsch, Verena von der: Aldus Manuzio. Vom Drucken und Verbreiten schöner Bücher. Berlin 2014
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=773497498

Stewering, Roswitha: Architektur und Natur in der "Hypnerotomachia Poliphili" (Manutius 1499) und die Zuschreibung des Werkes an Niccolo Lelio Cosmico. Hamburg 1996
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=231012977

5. WWW-WissensWert: Abbildungssammlung von Jacob Burckhardt

Die Betrachtung der Werke stand für Jacob Burckhardt ganz im Zentrum der Kunstwissenschaft. Das intensive Anschauen eines Werkes war wichtiger als alles erworbene Wissen über selbiges. Seine Auffassung von Kunstgeschichte beruhte auf dem Vergleich. Dem Museumsbesuch und dem Anschauen der Originale kam dadurch eine immens hohe Bedeutung zu. Was jedoch, wenn man nicht ständig reisen kann? Zu Burckhardts Lebzeiten war die Welt einem enormen Wandel unterworfen. Durch die Eisenbahnen wurde das Reisen leichter. Die technische Entwicklung der Fotografie kam dem Kunsthistoriker entgegen.

In seinem 55. Lebensjahr beschloss Burckhardt regelmäßig kunsthistorische Vorlesungen anzubieten. Dafür brauchte er Anschauungsmaterial und Vergleichsabbildungen. Er begann, fotografische Reproduktionen von Kunstwerken zu sammeln. 1874 kann als die Geburtsstunde seiner Abbildungssammlung betrachtet werden. Er kaufte die Fotografien auf seinen Reisen, später auch nach Katalogen. In 25 Jahren kamen auf diese Weise weit über 10.000 Fotografien von Werken der bildenden Kunst und Bauwerken, von der Antike bis über die Renaissance hinaus, zusammen. Er befestigte jedes Bild auf einem Karton, den er selbst beschriftete. Für seine Abbildungssammlung entwickelte er eine eigene Systematik.


Systematik der Abbildungssammlung von Jacob Buckhardt. Quelle: http://www.ub.unibas.ch/ub-hauptbibliothek/wir-ueber-uns/weiteres/jacob-burckhardt-edition/abbildungssammlung/

Eine Kartei über die Fotografien gab es nicht, aber zusammen mit seinen Vorlesungsmanuskripten und seiner Bibliothek ergeben sie einen eigenen kunstwissenschaftlichen Apparat, der die Arbeitsweise eines Kunsthistorikers im 19. Jahrhundert widerspiegelt. Jacob Burckhardt baute seine Abbildungssammlung systematisch auf und aus. Seinen Manuskripten legte er Listen mit Abbildungsnachweisen bei, die immer wieder ergänzt, überarbeitet und neu strukturiert wurden. Sie erschließen die Fotografien neben der Systematik auf eine thematische Art und Weise.

Zwar stand für Burckhardt das Studium des Originals stets an erster Stelle, aber die Fotografie kam ihm mitunter doch nah heran. In seinen Schriften liest man an einigen Stellen den Hinweis „laut Photographie“ oder „nach der Photographie zu urtheilen“. Burckhardt äußerte auch, dass ihm die Arbeit mit seiner Abbildungssammlung regelrecht Vergnügen bereitet habe. Nach einem Umzug schreibt, er, dass er sehnsüchtig auf die Schränke warte, die er beim Schreiner für die Fotografiensammlung bestellt habe.

Nach Burckhardts Tod ging der größte Teil der Abbildungssammlung an seine Freunde und Reisebegleiter Robert Grüninger (1849-1924) und Gustav Stehelin (1842-1901). 1985 kamen aus dem Nachlass Grüningers etwa 9.500 Fotografien als Dauerleihgabe an die Universitätsbibliothek Basel. Aufbewahrt werden sie in 90 Mappen. Die einzelnen Fotografien sind noch auf dem Karton aufgezogen, den Burckhardt selbst beschriftete. Gustav Stehelin verkaufte fast 3.000 geerbte Fotografien an das Kunsthistorische Institut in Florenz. Ein drittes Konvolut von 30 Mappen mit Fotografien, Kupferstichen und Lithographien erbte Jacob Oeri (1844-1908), der das Material dem altphilologischen Seminar der Universität Basel vermachte. Drei weitere Mappen mit 350 Fotografien wurden der Universitätsbibliothek Basel 1982 durch das Rudolf Oeri-Archiv geschenkt.


Datenbankeintrag aus der digitalisierten Abbildungssammlung Jacob Burckhardts. Quelle: http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-847

Auf diese Weise blieb ein Großteil der Burckhardtschen Abbildungssammlung für die Nachwelt erhalten. Allein vier Pakete mit 328 Fotografien von Gemälden italienischer Maler sind bis heute verschollen. In der Hauptsache besteht die Abbildungssammlung Jacob Burckhardts aus Fotografien zur Architektur, Plastik und Malerei. Hinzu kommen einige Blätter aus Abbildungswerken, Grundrisse sowie Zeitungsartikel und Zeitschriftenhefte.

Seit 2009 wird die Sammlung von der Universitätsbibliothek Basel digitalisiert. Dies dient dem Schutz der Originale und der Verfügbarmachung für eine breitere Öffentlichkeit. Das Findbuch zum Nachlass Jacob Burckhardts verzeichnet drei Abteilungen für die Abbildungssammlung: Abteilung A: Bilder zur Kunstgeschichte: Antike, Architektur, Plastik und Kunsthandwerk; Abteilung B: Bilder zur Kunstgeschichte (Depositum aus dem Kunstmuseum), Abteilung C: Kunstfotografien, v. a. aus Oberitalien.

Diese Struktur wurde für die Präsentation der Digitalisate übernommen. Im Handschriftenkatalog wird die Sammlung auf drei Ebenen erschlossen. Den drei Abteilungen wurde eine vierte für Fotografien zur Kunstgeschichte v. a. Italien hinzugefügt. Alle vier Abteilungen sind in die einzelnen Mappen unterteilt. Jede Mappe erhält eine thematische Untergliederung, in der mehrere Fotografien in einem Konvolut dargeboten werden. Noch kann nicht jede Fotografie einzeln beschrieben werden. Dazu bedarf es weiterer Forschungsprojekte. Doch bietet diese Struktur bereits einen guten Einstieg in die Denk- und Herangehensweise Jacob Burckhardts. Die Abbildungssammlung ist zugleich ein Dokument in der Geschichte der Fotografie als auch in der Entwicklung der Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert.

Wer mehr lesen möchte:
Meier, Nikolaus: Der mit der Mappe. Jacob Burckhardt und die Reproduktionsphotographie. In: Jacob Burckhardt. Storia della cultura, storia dell’arte. Kat. der Ausstellung Florenz 2002. Venezia 2002, S. 259-297

Struchholz, Edith: Von der Anschauung ausgehen – Jacob Burckhardts Fotosammlung und seine kunsthistorischen Texte. In: Photo archives and photographic memory of art history. Berlin 2009, S. 169-180
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=795311524

6. Wissenswertes – Wie der Künstler Michelangelo Musiker inspirierte

Die Idee des Gesamtkunstwerks entstand in der Zeit der Romantik im 19. Jahrhundert. Ein solches verbindet die verschiedenen Künste – Musik, Tanz, Literatur und Bildende Kunst – miteinander. Der Begriff ist eng mit Richard Wagner (1813-1883) verbunden, der ihn 1849 in zwei Essays benutzte. Die Beschäftigung mit einer jeweils anderen Kunst führte zu diversen Wechselwirkungen, die die Künste zusammenrücken ließ.

Etwa zu dieser Zeit komponierte Franz Liszt (1811-1886) seine „Années de pélerinage“ (Perlenjahre), Stücke, in denen er seine Reiseerfahrungen verarbeitete. Die Werke beziehen sich häufig auf die Literatur, doch im zweiten, Italien gewidmeten Band nimmt Liszt in drei Stücken Bezug zur Bildenden Kunst. 1837-1839 hatte der Komponist Italien bereist. In Florenz beeindruckte ihn vor allem die Skulptur Michelangelos (1475-1564) auf dem Grab Lorenzo de’ Medicis (1449-1492). „Il Penseroso“ (Der Nachdenkliche) diente als Vorlage für ein gleichnamiges Klavierstück, das in die Sammlung seiner „Wanderjahre“ Einzug fand. Punktierte Rhythmen und vollgriffige Akkorde in einer erstaunlichen Chromatik tragen zur düsteren Stimmung des Stückes bei – ein Trauermarsch, der sich vor lauter Statik kaum vom Fleck zu bewegen scheint. 1839 schrieb Liszt die erste Fassung, die er zwischen 1846 und 1849 noch einmal überarbeitete. Er stellte dem Stück ein Gedicht Michelangelos voran:

Caro m' è 'l sonno,
e più l'esser di sasso,
mentre che 'l danno e la vergogna dura:
Non veder, non sentir, m' è gran ventura;
però non mi destar, deh! parla basso.

Schlaf ist mir lieb, doch über alles preise
Ich, Stein zu sein. Währt Schande und Zerstören,
Nenn ich es Glück: nicht sehen und nicht hören.
Drum wage nicht zu wecken. Ach! Sprich leise.
(Übersetzung nach Rainer Maria Rilke)

Zugleich äußerte Liszt den Wunsch, dass das Stück in einer Orchesterversion bei seiner Beerdigung gespielt werden solle.

Michelangelos Werke begeisterten zahlreiche Musiker. Seit dem 19. Jahrhundert nahmen Komponisten immer wieder Bezug auf den großen Renaissance-Künstler. Meistens wurden seine Gedichte vertont.


Einband. In: Michelangelo: Lebensberichte, Briefe, Gespräche, Gedichte. Zürich 1985. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=023533277 © Hamburger Kunsthalle

Richard Strauss (1864-1949) beispielsweise komponierte 1884-86 das Madrigal „Ins Joch beug ich den Nacken“ für eine mittlere Singstimme mit Klavierbegleitung (op. 15). Hugo Wolf (1860-1903) vertonte gleich drei Gedichte Michelangelos in der Übersetzung von Walter Heinrich Robert-Tornow (1852-1895). Benjamin Britten (1913-1976) schrieb einen ganzen Liederzyklus nach Sonetten des Künstlers, sieben Lieder für Tenor und Klavier (op. 22). Sie entstanden 1940 während Brittens selbst gewähltem Exil in den USA. Die Lieder knüpfen eindeutig an die italienische Belcanto-Tradition an, bei der der Gesang die Form diktiert. Britten schrieb den Zyklus für seine Muse und seinen Partner, den Tenor Peter Pears (1910-1986).

Zum 500. Geburtstag Michelangelos im Jahr 1975 schuf der russische Komponist Dmitri Šostakovitč (1906-1975) eine Suite aus acht Sonetten, einem Madrigal, einem Epigramm und einem Epitaph nach Texten des Künstlers. Diese faszinierten den Musiker aufgrund ihrer philosophischen Gedanken, der humanistischen Ausrichtung und der tiefgehenden Urteile über das Schaffen und die Liebe. Šostakovitč nutzte das Jubiläum, um eigene persönliche Aussagen und Erfahrungen von Trauer und Resignation einen musikalischen Raum geben zu können.

Die jüngste und wohl umstrittenste Hommage an den „Göttlichen“, wie Michelangelo auch genannt wurde, stammt aus einer ganz anderen Musikrichtung. Der deutsche Rapper iranischer Herkunft Nimo (*1995) widmete dem Genie im vergangenen Jahr einen Song. Für Diskussionen sorgte das Video, in dem der Sänger mit seinen Fingern ein Dreieck formt, als Auge der Vorsehung, wie es die Illuminati nutzten, und möglichen Verschwörungstheorien den Raum gab.

Die älteste Vertonung von Gedichten Michelangelos findet man im Werk von Jacopo Peri (1561-1633), il Zazzerino (der Zottelige) genannt. Peri zählt zu den Wegbereitern der italienischen Oper. Er wurde noch zu Lebzeiten Michelangelos in Rom geboren, wirkte später aber in Florenz, wo er die Werke der bildenden Kunst kennenlernte. An der Wende zum 17. Jahrhundert schrieb Peri die Lieder der Anthologie „Le varie musiche“ für den Tenor Giulio Caccini (1551-1618). Das neue an dieser Musik war die Einführung des Rezitativs, eines instrumental begleiteten Sprechgesangs. Von Michelangelos Gedichten vertonte er „Se tu parti da me“ für eine Tenor-Solostimme und Basso continuo.

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im Juni 2018.

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