WissensWert 10 / 2018

Information & Dokumentation
Bibliothek, Archive, Digitalisierung

 

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2018
 
 
 
 
 
 

 


 

Inhalt

1. Die Kunst des Überblicks
2. Information & Dokumentation im Oktober 2018
3. Die Publikationen der Hamburger Kunsthalle – ein Überblick
4. WWW-WissensWert: Art & Architecture Thesaurus (AAT)
5. Wissenswertes – Systematik und Thesaurus

Liebe Leserinnen und Leser!

Wer von Ihnen zuletzt auf den Bereich „Sammlungen“ der Homepage der Hamburger Kunsthalle geschaut hat, fand dort bis vor Kurzem den Menüpunkt „Historisches Archiv“. Auf entsprechender Seite wurde man auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen, zu dem das Archiv wieder geöffnet sei. Seit Januar 2018 werden die Archive der Hamburger Kunsthalle von der Abteilung Information & Dokumentation zusammengeführt. Die aktualisierte Homepage „Archive“ zeigt den neuesten Stand an. Hier finden Sie Findbücher zu den bereits erschlossenen Archivbeständen sowie Informationen über die Nutzungsbedingungen. (http://www.hamburger-kunsthalle.de/archive-der-hamburger-kunsthalle) Ab dem 15. Oktober 2018 stehen einzelne Archivbereiche wieder für eine Nutzung im Studiensaal zur Verfügung. Die Nutzer melden sich mit ihren Wünschen zuvor beim Archiv an (archiv@hamburger-kunsthalle.de).

Wie führt man diverses Archivgut zusammen? Zunächst einmal verschafft man sich einen Überblick über die vorhandenen Materialien, bevor man sich dann daran macht, eine neue Gesamtordnung zu entwerfen. Der erste Überblick über die Archive der Hamburger Kunsthalle wurde bereits im Mai 2018 in "WissensWert" veröffentlicht. Im letzten Artikel dieser Ausgabe finden Sie die neue Archivsystematik.

Überblick und Ordnung bilden die Hauptthemen dieses Newsletters. Der erste Artikel untersucht die Darstellung und Funktion des Überblicks in der Bildenden Kunst. WissensWert bildet häufig die Themen ab, die im Museum oder in der Abteilung Information & Dokumentation besonders bearbeitet oder diskutiert werden. So auch im dritten Artikel, der ein Gebiet behandelt, das sich derzeit im Umbruch befindet. Welche Publikationen soll ein Museum seinen Besuchern anbieten? Was meinen Sie? Schicken Sie uns Ihre Wünsche und Anregungen zu. "WissensWert" beschreibt die bisherigen Publikationsarten und Veröffentlichungsformen der Hamburger Kunsthalle im Überblick. Im Anschluss daran stellt „WWW-WissensWert“ einen Thesaurus vor, der einen Überblick über das gesamte Fach der Bildenden Kunst und Architektur gibt. Der Artikel macht auch deutlich, wie global man inzwischen im Netzwerk der Information & Dokumentation denkt und arbeitet. Was aber ist eigentlich ein Thesaurus? Und worin unterscheidet er sich von der bereits erwähnten Systematik? „WissensWertes“ erläutert diese beiden Begriffe.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin Information & Dokumentation

1. Die Kunst des Überblicks

Das Wort „Überblick“ steht laut „Duden“ für den „Blick von einem erhöhten Standort, von dem aus etwas zu übersehen ist“ (https://www.duden.de/rechtschreibung/Ueberblick). Der Blick von oben gibt eine Übersicht. Warum aber ist diese so wichtig? Welche Funktion hat der Überblick in der Kulturgeschichte? Und welche Rolle spielt er in der Bildenden Kunst?

Der oben genannten Definition sei hinzugefügt, dass derjenige, der den Blick von einem erhöhten Standort hat, diesen auch deuten können muss, um einen Überblick zu erhalten. Die reine Übersicht ist nicht genug. Zum Überblick gehört immer auch das Wissen dazu. Das Sichtbare wird verständlich und kann wie ein Text gelesen werden. Der erhöhte Standort behebt einen Mangel, den man in der unteren Position noch hatte. Das Gesehene kann in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. So hat der Überblick etwas mit Ordnung und ebenso mit Macht zu tun.

Schon in der christlichen Antike wird Gott in Form eines Auges dargestellt. Im Mittelalter schließlich ist er derjenige, der durch den Überblick gekennzeichnet wird. Gott befindet sich im Himmel und blickt auf die Menschen hinunter. Dieser Blick kann kontrollierend, aber auch beschützend sein. In jedem Fall steht er für die Allgegenwärtigkeit und Allwissenheit Gottes. Der Überblick wird zum göttlichen Privileg, aus dem heraus gehandelt wird. Entweder Gott reagiert in Gnade oder in Zorn.

Es gibt viele Darstellungen des Jüngsten Gerichts, auf denen Jesus, als Stellvertreter Gottes, über dem Geschehen thront. Neben ihm stehen oft Engel als Vermittler zwischen ihm und den Menschen. Die Erdbewohner befinden sich in der unteren Position. Die Auserwählten gelangen in den Himmel, die Verdammten müssen in der Hölle Qualen leiden. Jesus sitzt auf dem Thron und richtet über sie. Dabei geht sein Blick nicht nach unten, sondern er blickt geradeaus, dem Betrachter ins Auge. Seine Allwissenheit bedarf keines Blickes in der Stunde des Jüngsten Gerichts.


Jan Provoost (1465-1529): Das Jüngste Gericht, nach 1506. Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-323 © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: E. Walford, Hamburg

Auf dem Gemälde von Jan Provoost (1465-1529) aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle wird ebenfalls das Jüngste Gericht dargestellt. Doch hier senkt Jesus seinen Blick und schaut durchaus zu den Menschen, über deren Schicksal er entscheidet. Er blickt auf die Erlösten, die sein Antlitz schauen dürfen. Provoosts Gemälde stammt bereits aus der Zeit der Renaissance. Die Funktion des Überblicks begann, sich zu wandeln. Die Position Gottes veränderte sich. Die Wissenschaften entwickelten sich. Das Wissen über naturwissenschaftliche Zusammenhänge stieg. Der Blick des Menschen auf die Erde wandelte sich dadurch. Man wusste nun, dass unser Planet nicht der Mittelpunkt des Universums ist, um den die Sonne kreist. Im Zeitalter der Renaissance rückte der Mensch in den Mittelpunkt des Interesses. Die Erforschung des eigenen Körpers veränderte den Blick auf sich selbst. Gleichzeitig wurde Gott transzendent und unendlich. Die göttliche Ordnung der Welt wurde abgelöst.


Albrecht Dürer (1471-1528): [Vier Bücher von menschlicher Proportion…] Nürnberg 1528. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=194105806 © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Ein großer Schritt auf dem Weg, die Welt mit anderen Augen zu sehen, war die Entdeckung der Perspektive. In einem Universum ohne Zentrum entwickelte der Mensch die Sichtweise vom Mittelpunkt her, die Zentralperspektive. Der perspektivische Blick von oben bringt eine Distanz mit sich. Plötzlich wurde alles in Maßen wiedergegeben. Das Messen rückte ins Zentrum. Nicht von ungefähr nannte Albrecht Dürer (1471-1528) sein Lehrbuch der Perspektive „Unterweysung der Messung…“. 1525 wurde es zum ersten Mal gedruckt, gefolgt von seinem Lehrbuch zu den menschlichen Proportionen. Mit Hilfe der Technik (z. B. der Messgeräte) erweiterte sich die menschliche Erkenntnis ins Unendliche. Der Mensch wurde zum Maß der Dinge. Der Begriff des Künstlers veränderte sich. Giorgio Vasari (1562-1625) hielt 1550 die ersten Biographien von Künstlern fest. Der Mensch wird Gestalter. (Giorgio Vasari: Le vite de’ piu eccellenti architetti, pittori e scultori Italiani … Firenze 1550, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146180100).

Im 17. Jahrhundert rückte der Mensch als zentraler Herrscher in den Mittelpunkt. Der absolutistische Machthaber hatte das gesamte Wissen um sich versammelt und das gab ihm Macht. Der Staat kreiste ganz um ihn und nur er hatte scheinbar den Überblick. Die häufig wechselnden politischen Verhältnisse machten die Karten zu wichtigen Medien des Überblicks. Mit ihrer Hilfe konnte der Herrscher sein Territorium abstecken und identifizierbar machen. In der Barockzeit entstanden die Veduten und vogelperspektivischen Städteansichten. Die Karten hielten auch Einzug in die Malerei. Die „Karte in der Kammer“ wurde zu einem beliebten Motiv der niederländischen Malerei. Nach der Beendigung ihres Freiheitskampfes gegen die Spanier blühten die Niederlande auf. Im „Golden Eeuw“, dem goldenen Zeitalter, wurde das Land von den Bürgern, in der Mehrzahl Seefahrer und Kaufleute, regiert. Globen und Landkarten wurden in der Interieurmalerei dargestellt.


Cornelis de Man (1621-1706): Geographen bei der Arbeit, 2. Hälfte 17. Jahrhundert. Hamburger Kunsthalle, HK-239 © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: E. Walford, Hamburg

Der Raum, den Cornelis de Man in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts darstellt, ist fensterlos. Das Licht scheint alleine durch einen Treppenaufgang im Hintergrund am linken oberen Bilderrand in das Zimmer, in dessen Mittelpunkt ein Globus steht. Abgeschlossen von der Welt betrachten drei Männer die Erdkugel. Ihre Blicke kreuzen sich auf dem Globus. Durch komplizierte, zum Teil gespiegelte Blickachsen wird der Betrachter in den Raum hineingezogen. Wer das Gemälde intensiv betrachtet, lässt sich auf ein Spiel von Sehen und Gesehenwerden ein, das durch den Globus in der Mitte in den Kontext der Welt gerückt wird. Die Wirklichkeit jedoch wird außen vor gelassen. Das unterstützt das Landschaftsgemälde über dem Spiegel. An seiner Stelle könnte sich auch ein Fenster befinden. So aber blicken wir auf eine fiktive Landschaft – eine typische niederländische Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts. Hatte beispielsweise Pieter Breugel d. Ä. (1525/1530-1569) die Landschaft noch aus einer erhöhten Perspektive gemalt, so senkt de Man den Blickwinkel in Richtung Erde. Er zeigt ein Stück Heimat und wird nostalgisch, wenn man bedenkt, dass es derartige alte Bäume in den Niederlanden nur sehr selten gab. Die Landschaftsmaler reagierten auf ein konservatives Publikum. Ihre Gemälde waren auch die Reaktion auf Naturkatastrophen, die das kleine Land massiv veränderten und nicht zuletzt auf eine sich schnell wandelnde Gesellschaft. Sie sind ein Widerpart zur Flüchtigkeit, die die Barockzeit charakterisiert.

Im 18. Jahrhundert brachte die Aufklärung das Wissen zum Volk. Bisher hatte in den meisten Ländern ein alleiniger Herrscher das Wissensmonopol besessen. In der Zeit der Aufklärung sollte nun jeder im Stande sein, sich Wissen anzueignen zu können. Nur so könne die Freiheit des Einzelnen erzielt werden. Doch dazu musste das Wissen erst einmal publiziert werden. Es entstanden die Enzyklopädien und Lexika – allen voran das ambitionierte Vorhaben von Denis Diderot (1713-1784) und Jean le Rond d’Alembert (1717-1783) sowie zahlreicher Mitstreiter, gegen alle staatlichen Widerstände das gesamte Wissen der Zeit zusammenzutragen. Das war der hohe Anspruch ihrer Enzyklopädie und aller Nachfolgenden. Mit Hilfe der Nachschlagewerke kann man sich bis heute einen Überblick verschaffen und in ein Themengebiet einsteigen. (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=131324357)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstarkte das Bürgertum und verdrängte den Adel. Auch im 19. Jahrhundert veränderte sich die Gesellschaft rasant, vor allem durch die industrielle Revolution. Die Städte wuchsen an. Man eignete sich den städtischen Raum durch das Flanieren auf den neu geschaffenen Boulevards an. Auf der anderen Seite steigerte die Eisenbahn die Mobilität, die wachsende Industrie die Produktivität. Da alte Rangordnungen wegfielen, wurde der Einzelne zum Produzenten seiner Karriere und Stellung. Die eigene Persönlichkeit rückte in den Vordergrund. Wer sollte da noch den Überblick behalten?


Titelseite mit einer Vignette nach Zeichnungen von Paul Gavarni (1804-1866). In: Marchal, Charles: Physiologie d’une femme honnet. Paris 1841. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=103095948X © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Das Äußere sollte auf die Persönlichkeit des Menschen schließen und gesellschaftliche Zusammenhänge aufzeigen. Typologien und Psychologien warfen einen distanzierten, mitunter karikaturhaften und verspottenden Blick auf die neu entstandenen Formen. Die Kunst lieferte die Funktion des Überblicks.

Für eine andere stand das Warenhaus. Es gab seinen Besuchern ein Gefühl der Orientierung. Waren erhielten einen „Fetischcharakter“, wie Karl Marx es in seiner kritischen Schrift „Das Kapital“ nannte, die 1818 erstmals in Hamburg gedruckt wurde. Der Ware wurde eine Bedeutung zugemessen, die sich durch Kauf auf den Besitzer übertrug. Auf den großen Weltausstellungen, die ab 1851 organisiert wurden, präsentierte sich die gesamte Welt in einer für den Bürger kontrollierten und nutzbar gemachten Art und Weise. Die Weltausstellungen stehen somit für den bürgerlichen Überblick.

Im 20. Jahrhundert waren sich die Künstler der Bruchstückhaftigkeit ihres Blickes bewusst. Sie erhoben nicht mehr den Anspruch einer Übersicht. Im Gegenteil: der Kubismus zerlege und verschob die Einzelteile der Wirklichkeit und setzte sie neu zusammen.


Robert Delaunay (1885-1941): Fenster-Bild (Les Fenêtres simultanées sur la ville. 1re partie, 2e motif, 1re réplique.), 1912. Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-232 © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: E. Walford, Hamburg

Das „Fenster-Bild“ von Robert Delaunay (1885-1941) ist in viele kleine Stücke zergliedert, die ein unscharfes Bild zeigen. Immer wieder malte der französische Künstler den Eiffelturm, von dem ein Blick von oben möglich gewesen wäre. Doch der Turm wankt. Eine neue Ordnung muss noch gefunden werden. Der Blick des Einzelnen führt nicht zum Ziel. Nur im Kollektiv kann ein Überblick erlangt werden – so dachten einige damals. Dazu bedurfte es jedoch zunächst einer gesamten Auflösung.

Das 21. Jahrhundert steht für das Zeitalter des Internets. Hier gibt es nur wenige Versuche, sich in einer individualisierten und sich in rasanter Geschwindigkeit verändernden Welt, einen Überblick zu verschaffen und dennoch verlangen die Menschen danach. Die Firma Google bietet genau diese Funktionen an. Mit ihrer Suche indexiert sie das Internet. Google Earth steht für die moderne Kartierung. Auch die Bibliotheken versuchen, das Netz zu erschließen, indem alle Medienarten in ihren Katalogen nachgewiesen werden, inklusive der Internetquellen.

Über Jahre hinweg behielt der Überblick eine Orientierungsfunktion. Er enthält einen Bezug zur Wirklichkeit und zur Welt. Heute jedoch in Zeiten von Sattelitenfotos und Internetquellen wird der Überblick immer mehr in Frage gestellt. Ist nicht jeder Versuch eines Überblicks auch durch einen großen Mangel gekennzeichnet? Der Künstler Stephan Huber (*1952) macht dies in seinem Künstlerbuch „Weltatlas“ deutlich (München 2015, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=813420660). Anhand von Karten, dem klassischen Medium des Überblicks, stellt er seine persönliche Sicht auf die Welt vor und zeigt auf, wie viel Wirklichkeit ein normaler Atlas doch eigentlich weglässt. In gewisser Weise ist jeder Überblick oberflächlich und macht dennoch zugleich Beziehungen und Kontexte sichtbar.

Wer mehr lesen möchte:
Reiffers, Moritz: Das Ganze im Blick. Eine Kulturgeschichte des Überblicks vom Mittelalter bis zur Moderne. Bielefeld 2013
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=688972160

2. Information & Dokumentation im Oktober 2018

Aktuelles:

ab 15.10.2018
Wiedereröffnung der Archive der Hamburger Kunsthalle
Weitere Informationen: http://www.hamburger-kunsthalle.de/archive-der-hamburger-kunsthalle

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:

Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/transparentes-museum

29.6.-14.10.2018
Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600
Hamburger Kunsthalle, GdG, Sockelgeschoss
https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/entfesselte-natur

20.10.2018-24.02.2019
Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere
Kunsthalle Bremen
https://www.kunsthalle-bremen.de/view/exhibitions/exb-page/hans-christian-andersen

Handapparate im Studiensaal:
Entfesselte Natur
Lili Fischer

3. Die Publikationen der Hamburger Kunsthalle – ein Überblick

Die wissenschaftliche Arbeit im Museum orientiert sich an der Sammlung. Ihre Ergebnisse münden in Ausstellungen, zum großen Teil aber auch in Publikationen, die vom Museum selbst herausgegeben oder in einem Verlag publiziert werden. Auch die Hamburger Kunsthalle fungiert als Verlag, wenn sie eigene Publikationen veröffentlicht. Sie besitzt die eingetragene Firmennummer 938002, die an dritter Stelle als Bestandteil in die ISBN eingeht. Blickt man auf alle Publikationen der Hamburger Kunsthalle, so kann man im Laufe der Jahre eine große Themenvielfalt erkennen. Die Veröffentlichungen lassen sich jedoch in einige wenige große Gruppen von Publikationsarten einteilen.

Der Ausstellungskatalog kommt jedem wahrscheinlich als erstes in den Sinn. Natürlich hat die Hamburger Kunsthalle stets Publikationen zu ihren Ausstellungen erstellt. Der älteste Ausstellungskatalog der Hamburger Kunsthalle, den die Bibliothek besitzt, stammt aus dem Jahr 1879. Ausgestellt wurden damals Gemälde und Zeichnungen aus Hamburger Privatbesitz.


Titelseite. In: Verzeichnis neuerer Gemälde und Zeichnungen aus Hamburgischem Privatbesitz, ausgestellt in der Hamburger Kunsthalle zum Besten des Lessing-Denkmals… 1879. Hamburg 1879. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=347493904 © Hamburger Kunsthalle

Die Erlöse aus der Ausstellung sollten der Schaffung des Lessing-Denkmals zugute kommen. Zwei Jahre später wurde es anlässlich des 100. Todestages des Dichters dort aufgestellt, wo sich das Hamburger Nationaltheater befunden hatte. Um dieses Denkmal hatte es in der Vergangenheit viele Diskussionen gegeben. 1879 begann Fritz Schaper (1841-1919) mit der Ausführung des leicht veränderten Entwurfs von Anton von Werner (1843-1915) und Albert Wolff (1815-1892). Im März 1880 erst erhielt Schaper einen Arbeitsvertrag. In wieweit die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle dazu beigetragen hatte, ist nicht bekannt. Der Ausstellungskatalog jedenfalls ist klein und dünn gehalten. Er listet die ausgestellten Kunstwerke mit den wichtigsten Angaben auf – mehr nicht. Das war die übliche Form, Ausstellungskataloge zu gestalten. Das Drucken von Abbildungen der Werke wäre viel zu kostspielig gewesen.

Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Ausstellungskataloge publiziert. Der Bibliothekskatalog zählt 570 verschiedene Publikationen seit 1879. Bis heute hat sich die Form der Ausstellungskataloge sehr gewandelt. Der derzeitige Katalog ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Information in Form von Aufsätzen und Beschreibungen der Exponate und einem Bildband. Daneben gab und gibt es einige Sonderformen. Zu den Ausstellungen des Kinderzimmers in der Hamburger Kunsthalle beispielsweise wird eine Wanderkarte veröffentlicht, die pädagogisch aufbereitet, einen Weg durch das Museum anbietet, ausgehend von dem jeweiligen Ausstellungsthema, das im Kinderzimmer gerade präsentiert wird (z. B. https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=1025289757).

Zu der Ausstellung „Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit“ wurde 2017 erstmals ein digitaler Ausstellungskatalog online publiziert (http://warten-kunsthalle.de/). Das war ein bewusstes Experiment, denn für derartige Publikationen gibt es noch keine etablierten Standards für den Inhalt, die Gestaltung und die enthaltenen Formate. Aus Sicht der Abteilung Information & Dokumentation gestaltet sich die Archivierung derartiger Publikationen ungleich aufwändiger als die Erhaltung gedruckter Ausstellungskataloge. Manche Formate lassen sich derzeit noch gar nicht archivieren. Sie sind mit dem Abschalten der Webseite für immer verloren.

Blicken wir jedoch noch einmal zurück: In den Jahren 1995-2005 erschien die ungezählte Reihe „Hefte der Hamburger Kunsthalle“. Sie wurde insbesondere zu Standpunkt-Ausstellungen zeitgenössischer Künstler gewählt. Ein kleines Viereck, das aus dem vorderen Einband ausgestanzt war, war das Charakteristikum der kleinen Publikation geringen Umfangs, die aus diesem Grund intern häufig als „Fenster-Heft“ bezeichnet werden. Für kleinere Ausstellungen publizierte man 1973-83 insgesamt elf faltblattartige Broschüren in der gezählten Reihe „Zur Sache“ (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=167740261).


Vorderer Einbanddeckel mit ausgestanztem "Fenster". In: Kyung-Hwa Choi-Ahoi. Fern und nah. Hamburg 2001. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=332737993 © Hamburger Kunsthalle

1960-1990 erschienen 13 „Bilderhefte“, die auch anlässlich Ausstellungen publiziert wurden (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=166650854). Inzwischen gab es den Offsetdruck. Der Druck von Abbildungen kostete zwar immer noch recht viel Geld, war aber erschwinglicher geworden. Die Hefte der Reihe waren nicht so umfangreich wie die Ausstellungskataloge, die in dieser Zeit wissenschaftlichen Charakter annahmen. Die Zielgruppe der „Bilderhefte“ waren demnach Ausstellungsbesucher, die sich an eine Ausstellung erinnern wollten. In der Reihe wurden auch Publikationen zur Sammlung des Museums veröffentlicht. „Oberflächliche Kataloge“ hätte Gustav Pauli (1866-1938), der zweite Direktor der Hamburger Kunsthalle, diese Art von Büchern genannt und dies nicht einmal abwertend gemeint. Er hatte sich in den 1920er Jahren intensiv mit den Publikationsarten beschäftigt, die ein Museum herausgeben sollte. Seine Argumentation war dabei stets zielgruppenorientiert. Er entwickelte Anforderungen, die heutzutage Standards der internationalen Museumsarbeit sind. Neben den Ausstellungskatalogen beschrieb Pauli die Art und Weise, wie Bestandskataloge von Museen auszusehen hätten.

Schon Alfred Lichtwark (1852-1914) hatte Kataloge erarbeitet, die die gesamte Sammlung der Hamburger Kunsthalle beschrieben. Diese Bestandskataloge waren nach Gattungen und Ländern geordnet. Ihre Form hat sich im Laufe der Geschichte der Hamburger Kunsthalle ein weig verändert. Die Angaben der heutigen Bestandskataloge sind ausführlicher als zu Lichtwarks Zeiten. Vor allem kamen im 21. Jahrhundert Informationen zur Herkunft der Kunstwerke hinzu (Provenienzen). Ungefähr 100 Bestandskataloge der Hamburger Kunsthalle besitzt die Bibliothek. Da die Sammlung des Museums nicht statisch ist, da sich Zuschreibungen durch neue Erkenntnisse der kunsthistorischen Forschung ändern können, müssen die Kataloge immer wieder überarbeitet werden. Die letzte Neuauflage begann als Reihe „Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle“ im Jahr 2007 mit der Beschreibung der Gemälde der Alten Meister (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=555666069). Gefördert werden sie von den Freunden der Kunsthalle. Der letzte Band dieser Reihe betrifft den umfangreichsten Sammlungsbestand der Gemäldegalerie – die Werke des 19. Jahrhunderts. Die Arbeiten daran werden bald vollendet werden können. Parallel zu dieser Reihe wurden erstmals mit Unterstützung der Zeit-Stiftung Bestandskataloge zu den Zeichnungen in der Sammlung des Kupferstichkabinetts erstellt. Mit mehr als 130.000 Werken besitzt das Kupferstichkabinett den größten Sammlungsbereich in der Hamburger Kunsthalle. Auch hier fehlt noch ein Band – nämlich der zu den französischen Zeichnungen. Es ist geplant, im nächsten Jahr mit den Arbeiten zu beginnen.


Eingangsseite der Sammlung online der Hamburger Kunsthalle, http://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online © Hamburger Kunsthalle

Die moderne Form des Bestandskataloges ist eine Datenbank. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts arbeitet die Hamburger Kunsthalle mit einer Software zur Erfassung und Verwaltung der Museumssammlung sowie für nahezu alle Arbeitsabläufe, die im Museum anfallen. Im Juli 2012 begann man dann mit einem großen, von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten, Digitalisierungsprojekt zur Erfassung, Bewertung und Onlinestellung aller Kunstwerke des Museums. Die „Sammlung online“ präsentiert heute ca. 30.000 Kunstwerke. Jeden Monat werden mehrere Hundert Datensätze und Bilder hinzugefügt. Vorwiegend handelt es sich derzeit um die Werke aus dem Kupferstichkabinett. Finden kann man über die „Sammlung online“ jedoch auch die Highlights aus der gesamten Museumssammlung.

Nicht minder wichtig wie die Ausstellungs- und Bestandskataloge ist eine dritte Publikationsart von Museen: die Führer. Gustav Pauli hatte 1920 die ersten Exemplare dieser Art herausgegeben. Damals begründete er die Reihe „Kleine Führer“, die dem Museumspublikum einen Einblick in das gesamte Museum als Einheit geben sollte. Mit gleich zwölf „Kleinen Führern“ ging Pauli an den Start. Für die Finanzierung der Publikationen hatte er Mäzene in Hamburg gewinnen können. Auf diese Weise konnte er die Hefte zu einem günstigen Preis verkaufen (1,0-1,5 Mark). Jedes erhielt kurze Erläuterungen sowie eine Reproduktion. Die „Kleinen Führer“ richteten sich ausdrücklich an den interessierten Laien. Die Form hat sich ein wenig erweitert, aber auch heute noch wird eine Art kleiner Führer zu interessanten Themen aus der Museumsarbeit publiziert. Gefördert wird diese „Kleine Reihe“, wie sie im internen Sprachjargon auch gerne genannt wird, von den Freunden der Kunsthalle. Offiziell ist die Reihe nicht durch einen gemeinsamen Titel, äußerlich aber durch ein einheitliches Layout gestaltet.


Vorderer Einband des aktuellsten Bandes der Führer der „Kleinen Reihe“. In: Pisot, Sandra: Lucas Cranach d. Ä. Maler der Reformation. Hamburg 2017. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=1010297473 © Hamburger Kunsthalle

Neben diesen kleineren Führern konzipierte Pauli allgemeine Museumsguides, die er schlicht „Führer durch die Galerie der Hamburger Kunsthalle“ nannte. 1924 erschien die erste derartige Publikation (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=193985527). Es handelt sich um einen kompakten Führer durch die Sammlungen des Museums. Die Highlights werden ausführlicher dargestellt und in die Kunstgeschichte eingeordnet. Darüberhinaus gibt es kurze Informationen zur Institution und ihrer Geschichte generell. Pauli stellte sich den „Führer“ als Buch vor, das man von vorne bis hinten durchlesen kann. Im Bestand der Bibliothek sind fast 30 verschiedene Führer durch die Hamburger Kunsthalle verzeichnet. Bis 1969 gab die Kunsthalle die Bücher selbst heraus. Danach wurde die Produktion auf Verlage ausgegliedert, da es in deren Programmen feste Formate für Museumsführer gab (z. B. bei Westermann oder Prestel). Erst nach dem großen Umbau der Hamburger Kunsthalle im Jahr 2016 erschien zur Neueröffnung wieder ein aktueller Guide im Selbstverlag. Er stand auf der Shortlist für „Hamburg lesen“ 2017, dem Hamburger Buchpreis, den die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky jedes Jahr verleiht (http://hamburglesen.de/). Die Norddeutsche Blindenhörbücherei hat die Texte des Führers als Hörbuch sprechen lassen. Blinde und Sehbehinderte Menschen können die Publikation auf diese Weise hören (https://blindenbuecherei.de/hoerbuch/medium/57441.html).

Es gibt auch noch andere Dateien zum Hören. Die Hamburger Kunsthalle lässt seit einigen Jahren Audioguides produzieren, v.a. zu den großen Ausstellungen. Auch sie gehören zu den Publikationen des Museums. Ausschnitte findet man auf den jeweiligen Webseiten zur Ausstellung (z. B. https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/entfesselte-natur).

Die Homepage der Hamburger Kunsthalle bietet aktuelle Informationen rund um das Museum und seine Aktivitäten. Sie ist ein wichtiges Fenster in die gesamte Welt. Archiviert werden die Seiten seit 2015 von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky im Rahmen eines großen Projekts der Landesbibliothek (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3/XMLPRS=N/PPN?PPN=853189536). Viermal im Jahr werden die Seiten gescreent. Es ist ein Versuch die Informationen des flüchtigen Mediums Internet, das die Kunsthalle publiziert, für die Nachwelt festzuhalten. Denn jeder Archivar weiß, dass die Quellen für die Forschung frühestens nach ca. 30 Jahren interessant werden.

Was bei dem Überblick über die Publikationen der Hamburger Kunsthalle noch fehlt, ist ein Medium, in dem das Museum seine Arbeit in Berichten reflektiert, das die neuesten Erwerbungen der Sammlung sowie kleinere Forschungsergebnisse veröffentlicht. Ein Ort für derartige Informationen war über viele Jahre hinweg das Jahrbuch. Alfred Lichtwark hatte damit begonnen, ausführliche Berichte über seine Museumsarbeit zu verfassen und jährlich zu publizieren. „Jahresberichte der Kunsthalle zu Hamburg“ nannte er die kleinen Publikationen, die heute eine enorm wichtige Quelle zur Erforschung der Museumsgeschichte sind (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=130260487). Im Hinblick auf den 150. Geburtstag der Hamburger Kunsthalle im nächsten Jahr sind die Jahresberichte und –bücher derzeit die am meisten genutzten Medien des Bibliotheksbestandes, obwohl sie auch bereits in digitaler Form vorliegen (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=766552578). Nach Lichtwarks Tod 1914 verzögerte sich das Erscheinen der Berichte, auch aufgrund des Ersten Weltkrieges. Erst 1925 konnte Gustav Pauli rückwirkend über die Jahre seines Direktorats berichten (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=306763435).

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden gar keine Berichte veröffentlicht. Die Reflexion über die eigene Arbeit hatte bei den neuen Machthabern keine Priorität. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm man das Berichtswesen wieder auf. 1948-1980 erschien gemeinsam mit dem Museum für Kunst und Gewerbe ein „Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen“ (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=129075094). Es ging erstmals über die Form des reinen Berichts hinaus und enthielt auch einzelne Forschungsergebnisse in Aufsätzen.


Vorderer Einband. In: Idea. Hamburg. 1 (1982), Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=129931535 © Hamburger Kunsthalle

Werner Hofmann (1928-2013) baute das Jahrbuch während seines Direktorats zur Plattform für das Fachpublikum aus. „Idea. Jahrbuch der Hamburger Kunsthalle“ hieß es 1982-1991 und versammelte auch Fachbeiträge externer Wissenschaftler. Uwe-M. Schneede (*1939) veränderte die Veröffentlichungsform erneut. Er stellte jedes Heft unter ein übergreifendes Thema, zu dem es einen größeren Aufsatz gab, ergänzt durch kleinere Texte (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=182601501). Daneben enthielt das Jahrbuch „Im Blickfeld“ die üblichen kurzen Berichte zu Neuerwerbungen und den Aktivitäten des Museums. Alles wurde von den Mitarbeitern der Hamburger Kunsthalle verfasst. Hubertus Gaßner (*1950) kehrte zu dem Titel „Idea“ zurück. Doch es erschien lediglich ein Band im Jahr 2009, der sich auf den Berichtszeitraum 2005-2007 bezog (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=609920863). Heutzutage, in Zeiten der schnellen Information im Internet, haben es wissenschaftliche Fachpublikationen auf dem Buchmarkt schwer. Der Jahresbericht 2017 wird im nächsten Heft des Magazins der Freunde der Kunsthalle erscheinen (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=786173688).

Publikationen zu Ausstellungen, zur Sammlung und zur Arbeit des Museums sind die wichtigsten Arten, die heute herausgegeben werden. In der Vergangenheit gab es aber immer wieder auch Monographien zu Künstlern, kunsthistorischen Themen oder zu Themen aus der Museumsarbeit, die von den Mitarbeitern der Hamburger Kunsthalle geschrieben und vom Museum herausgegeben wurden. Alfred Lichtwark kümmerte sich beispielsweise auch um die Buchgestaltung. Mit Hilfe seiner ehrenamtlicher Helfer (von ihm „Dilettanten“ genannt) gab er die Reihe „Hamburgische Liebhaber-Bibliothek“ heraus, in der er die unterschiedlichsten Themen publizierte, darunter z. B. auch die Pflanzenstudien Philipp Otto Runges (1777-1810).


Titelseite. In: Runge, Philipp Otto: Pflanzenstudien mit Schere und Papier. Hamburg 1895, Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=420688633 © Hamburger Kunsthalle

In der Reihe „Hamburgische Hausbibliothek“ veröffentlichte Lichtwark u.a. eine Auswahl seiner Reisebriefe, die er als Direktor der Hamburger Kunsthalle an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle zu schreiben hatte (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=138057303). Sie sind heute eine wichtige Quelle für die Entwicklung der europäischen Kultur und Museen in der Zeit um die Jahrhundertwende. Nebenbei sind sie auch noch ein Genuss für den Leser und Zeugnis einer inzwischen vergangenen Briefkultur.

Die Monographien der Hamburger Kunsthalle spiegelten die Forschungsarbeit des Museums wider. Hier werden ältere Meister wieder- oder neue Künstler entdeckt. Zu den Konferenzen, die im Museum stattfanden, wurden Schriften gedruckt. Für (ehemalige) Mitarbeiter stellte man Festschriften zusammen. All das gehört auch heute noch zur Museumsarbeit dazu und benötigt seinen Publikationsort. Die digitale Revolution geht an den Museen nicht spurlos vorbei. Sie verändert den Buchmarkt und damit auch die Veröffentlichungen, die in einem Museum entstehen. Noch kann man nicht genau sagen, wie ein Ausstellungskatalog in 50 Jahren aussehen wird. Die Veröffentlichungsformen mögen sich ändern, die Publikationsarten jedoch werden bleiben.

Wer mehr lesen möchte:
Forschung im Museum. Eine Handreichung. Hannover 2010
https://www.museumsbund.at/uploads/standards/WKN_Forschung_in_Museen.pdf

Hagenah, Ulrich: Webarchivierung in der SUB Hamburg: kleine Schritte in der Region – Bausteine zu einem größeren Ganzen. In: Bibliotheksdienst. 51 (20007) 6, S. 500-515

Mihatsch, Karin: Ausstellungskatalog 2.0. Vom Printmedium zur Online-Präsentation von Kunstwerken. Bielefeld 2015
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=810576333

Ring, Christian: Gustav Pauli und die Entstehung des modernen Galeriekataloges. In: AKMB-news. 14 (2008) 2, S. 32-39
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=188870911
Digitalisierte Ausgabe unter: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/akmb-news/article/viewFile/498/460

4. WWW-WissensWert: Art & Architecture Thesaurus (AAT)

In den 1970er Jahren begann das Getty Research Institute in Los Angeles mit der Erarbeitung eines kontrollierten Vokabulars zur Beschreibung von Kunstobjekten. Daraus wurde der weltweit größte Thesaurus zur Kunst, Architektur, Ethnologie, Kultur- und Technikgeschichte. Er enthält 40.000 Begriffe, die in 250.000 Beziehungen miteinander verbunden sind – ein riesiges digitales Wörterbuch. Und nicht nur das. Der Art & Architecture Thesaurus (AAT) liegt in vielen Sprachen vor. Es gibt eine englische, französische, italienische, spanische, niederländische und chinesische Fassung. An einer deutschen Ausgabe wird seit 2012 gearbeitet, mit einer polnischen wurde begonnen. Alle Versionen stehen in einer Datenbank zur Verfügung, so dass eine multilinguale Suche möglich ist. Und das ist alles frei, open access, zu nutzen (http://www.getty.edu/research/tools/vocabularies/aat/).

Wie ist der AAT aufgebaut? Er gliedert sich in acht Facetten, die unterschiedliche Arten von Begriffen repräsentieren:

  • „Objekte“ ist die größte Facette. Sie enthält Bezeichnungen für reale vom Menschen geschaffene Objekte.
  • „Assoziierte Konzepte“ bedeutet abstrakte Konzepte und Phänomene, z. B. Abstrakte Kunst, Provenienz.
  • „Physische Attribute“ enthalten Begriffe zu wahrnehmbaren oder messbaren Eigenschaften.
  • „Stile und Epochen“ steht für historische Zeiträume, aber auch für Religionen und Ethnien.
  • „Akteure“ beinhaltet Personen, künstlerische, religiöse, gesellschaftliche und politische Gruppen oder Institutionen sowie Berufe, Organisationsformen und Organismen.
  • „Aktivitäten“ stehen für Prozesse und Handlungen, für körperliche und geistige Aktivität.
  • „Materialien“ sind natürliche und künstlich physische Substanzen.
  • "Markennamen"


AAT-Eingangsseite, Quelle: http://www.getty.edu/research/tools/vocabularies/aat/

Die Recherche im Getty-Thesaurus erfolgt über einen Suchschlitz, in den man einen oder mehrere Begriffe eingeben kann. Alle oben genannten Sprachen sind für die Recherche verwendbar. Daneben ist eine hierarchische Suche möglich. Die oberste Hierarchiestufe sind hierbei die Facetten, die in diverse Untergruppen eingeteilt werden. Die Anzahl der Hierarchiestufen ist theoretisch unbegrenzt. Hat man den gesuchten Begriff gefunden, wird der gesamte Datensatz angezeigt.


AAT-Eintrag zum Begriff „Künstlerbuch“, „artists’ book“, Quelle: http://vocab.getty.edu/page/aat/300123016

Dieser beginnt mit einer ID-Nummer, anhand derer der Datensatz identifiziert und in anderen Zusammenhängen verwendet werden kann. Der dazu benötigte permanente Link steht gleich unter der ID. Es folgt der Begriff in englischer Sprache, in seiner hierarchischen Einordnung, die ein Klammern dahinter steht. Das Feld „note“ liefert meist eine kurze Definition. Danach werden die fremdsprachigen Begriffe aufgelistet. Hier werden ebenso englische Synonyme genannt. In Klammern dahinter stehen die Länder, in denen der Begriff gebräuchlich ist. Nach einem hierarchischen Code, der die Facette wiedergibt, folgt die genaue hierarchische Position. Darunter können fremdsprachige Definitionen angegeben werden, v.a. wenn sie von der englischen abweichen. Bei dem Begriff „artists’ books“ ist dies der Fall. Unter diesen zusätzlichen Bemerkungen werden die Beziehungen im AAT angezeigt. Die darunter aufgelisteten Quellenangaben enthalten auch die nicht-englischen übersetzungen. Im genannten Fall wird an dieser Stelle ebenso der Begriff „Künstlerbuch“ mit entsprechender Quellenangabe genannt. Es folgen redaktionelle Angaben und Notizen.

Aufgrund der vielen Abkürzungen merkt man schnell, dass es sich um eine Datenbank für Spezialisten handelt. Für die kontrollierte Beschreibung von Kunstwerken ist sie im Museumsalltag nicht mehr wegzudenken. Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, mit Hochdruck an der Fertigstellung der deutschen Version zu arbeiten. Viele Begriffe liegen bereits übersetzt vor. Das 2012-2014 vom Bundesministerium Kultur und Medien geförderte Projekt wurde vom Institut für Museumskunde in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz in Angriff genommen. Die Software lieferte die Digicult-Verbund eG. Man begann mit der Übersetzung der Begriffe aus der Objekt-Facette. Da es kein deutschsprachiges Äquivalent gab, musste alles neu erarbeitet werden. Wo eine direkte Übersetzung des amerikanischen Fachbegriffs nicht möglich war, wurde mit den Kollegen im Getty Research Institute über eine Lösung beraten. Parallel arbeiteten Fachwissenschaftler an einzelnen Teilbereichen des AAT. Ihre Rückmeldungen wurden redaktionell geprüft, bevor sie nach Los Angeles weitergeleitet wurden.

Alle Meldungen stellte das Getty Research Institute in der beschriebenen Form online. Doch es gibt auch eine rein deutsche Datenbank des AAT (http://www.aat-deutsch.de/). Hier erkennt man schnell, dass noch lange nicht alles übersetzt wurde. Der Begriff „Künstlerbuch“ beispielsweise existiert bereits. Doch er wird eingerahmt von englischen Begriffen, die noch nicht übersetzt vorliegen. So sucht man den Begriff „Malerbuch“ zum Beispiel vergebens. Man entschied sich dazu, auch in der deutschen Version den französischen Fachbegriff „Livre de peintres“ zu verwenden. Das deutsche Pendant wurde jedoch (noch) gar nicht eingearbeitet.

Insgesamt gesehen ist der AAT weltweit der einzige Thesaurus in Datenbankformat, die eine inhaltliche Erschließung von Kunstwerken angemessen und fachgerecht ermöglicht. Ihre hohe Qualität kann nur durch eine redaktionelle Betreuung, beständige Vertiefung, Pflege und einen kontinuierlichen Ausbau gewährleistet werden.

Wer mehr lesen möchte:
Harpring, Patricia: Development of Getty Vocabularies: AAT, TGN, ULAN and CONA. In: Art Documentation. Journal of Art Libraries Society in North America. 29 (2010) 1, S. 67-72

5. Wissenswertes – Systematik und Thesaurus

Archive, Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen beschreiben den Inhalt ihrer Medien und bieten dem Nutzer auf diese Weise einen wichtigen Service zur Unterstützung ihrer Recherche. Mit Hilfe der Sacherschießung erzielt man bessere Suchergebnisse. Sie kann mit Wörtern den Inhalt beschreiben. Dann handelt es sich um die verbale Sacherschließung, die mit Schlag- oder Stichworten arbeitet. Die andere Möglichkeit ist der Einsatz einer Klassifikation. Dabei handelt es sich um ein geordnetes System zur Inhaltserschließung.

Die Systematik hat das Wort System bereits in ihrem Wortstamm. Sie beschreibt also das System einer Wissenschaft. Eine Systematik kann sich auf alle Wissensgebiete beziehen (Allgemeinsystematik) oder – wie in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle – nur ein Fach umfassen. Dieses teilt sie in einzelne Gruppen (Klassen) ein, die wiederum Untergruppen (Unterklassen) haben können. Alle diese Gruppen sind durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet. Bevor man den Bestand einer Bibliothek ordnet, setzt man sich gewöhnlich hin und entwickelt eine abstrakte Systematik. Danach kann man die Medien den geschaffenen Gruppen zuordnen.

Die Klassen werden durch eine bestimmte Zeichenfolge (Buchstaben und / oder Ziffern) gekennzeichnet. Daraus ergeben sich für die einzelnen Medien Notationen, indem man sie in die Systematik eingliedert. Für die Archive der Hamburger Kunsthalle beispielsweise wurde gerade eine Systematik entwickelt, die alle Archivbereiche zusammenführt.

Historisches Archiv Hamburger Kunsthalle (HAHK)
1. Geschäftsakten der Hamburger Kunsthalle
1.1. Direktorenkorrespondenz / Vorstandsangelegenheiten
1.2. Allgemeine Korrespondenz und Verwaltungsakten
1.3. Aufsichtsgremien
1.4. Fördervereine und Stiftungen
2. Bildarchiv
3. Plakatsammlung
4. Audiovisuelle Sammlung
5. Plansammlung
6. Pressesammlung
7. Sonstige Sammlungen

Kunstarchive Hamburger Kunsthalle (KAHK)
1. Nachlässe
2. Manuskript- und Schriftensammlung
3. Reproduktionssammlung

Die Briefe Alfred Lichtwarks erhalten demnach die Notation HAHK 1.1.

Manche Notationen – so diejenigen der Bibliothekssystematik der Hamburger Kunsthalle – sind fester Bestandteil der Signatur, die den Standort des Mediums im Regal anzeigt. Wenn Sie also im Bibliothekskatalog ein Medium finden, bei dem die Signatur „Ausst. Hamburg 2018-4“ ausweist, so wissen die Bibliotheksmitarbeiter sofort, dass es sich um einen aktuellen Ausstellungskatalog aus Hamburg handelt. Andere Signaturen sind nicht derart sprechend. Hinter dem Buchstaben „H“ beispielsweise verbergen sich Medien zur deutschen Kunstgeschichte. Durch ein Nummernsystem wird diese Gruppe dann weiter untergliedert. Die Bibliothekssystematik der Hamburger Kunsthalle wurde 2016 überarbeitet, um Schwachstellen zu beheben und aktuelle Entwicklungen einzupflegen.


Die erste Systematik der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Auch ein Thesaurus ist ein geordnetes System. Das lateinische Wort, das soviel wie „Tresor“ bedeutet, leitet sich von dem griechischen Begriff „thesauros“ ab, der einen Schatz oder ein Schatzhaus umschreibt. Der Thesaurus, wie wir ihn verwenden, erschließt diesen Schatz mittels eines kontrollierten Vokabulars. Er versucht, ein Themengebiet genau zu beschreiben. Dabei werden die einzelnen Begriffe miteinander in Relationen gesetzt. Das kann eine hierarchische Beziehung in Ober- und Unterbegriff sein, es kann sich aber ebenso um ein Synonym handeln.

Der Begriff Thesaurus tauchte erstmals im 16. Jahrhundert in Titeln von Wörterbüchern auf. Später wurde er mitunter auch für Enzyklopädien verwendet. In der Fachrichtung Dokumentation fanden Thesauri zum ersten Mal in den 1950er Jahren ihren Einsatz. Sie werden zur Indexierung eines Bestandes eingesetzt. Die Relationen zwischen den Begriffen helfen bei der Recherche. Im besten Fall erhält der Thesaurus die Funktion einer Normdatei, wie z. B. die Gemeinsame Normdatei (GND), die von den deutschen Bibliotheken gemeinsam erstellt wird (http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/GND/gnd_node.html).

Für die Entwicklung und Pflege von Thesauri gibt es eine DIN (1463-1) und eine ISO-Norm (2788). Sie regeln beispielsweise, welche Abkürzungen zur Beschreibung von Relationen verwendet werden dürfen. Auch Thesauri müssen immer mal wieder überarbeitet werden, wenn sich das behandelte Themengebiet weiterentwickelt. Durch die beschriebenen Relationen erhalten Thesauri die Struktur eines Netzes. Aus diesem Grund können sie Teil von Semantischen Netzen (Wissensnetzen) sein.

Die Abteilung Information & Dokumentation der Hamburger Kunsthalle arbeitet in allen Bereichen mit Thesauri. In der Bibliothek und den Archiven kommt die GND zum Einsatz. In der Museumsdokumentation soll demnächst auch der AAT verwendet werden.

Wer mehr lesen möchte:
Böttger, Klaus-Peter: Basiskenntnis Bibliothek. Eine Fachkunde für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste – Fachrichtung Bibliothek. Bad Honnef 2011
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=645961957

Waal, Henry van der: Iconclass. An iconographic classification system. Amsterdam 1973
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=124613594

Wersig, Gernot: Thesaurus-Leitfaden. Eine Einführung in das Thesaurus-Prinzip in Theorie und Praxis. München 1985

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im November 2018.

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