WissensWert 02 / 2019

Information & Dokumentation
Bibliothek, Archive, Digitalisierung

 

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2019
 
 
 
 
 
 

 


 

Inhalt

1. Nachlässe im Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle: Georg Ernst Harzen (1790-1863)
2. Information & Dokumentation im Februar 2019
3. Jahresrückblick 2018
4. Ein Lied, ein Gedicht, ein Kunstwerk, ein paar Worte – Morgenstimmung
5. WWW-WissensWert: Wiki „Galeriepublikationen“
6. Wissenswertes – „Kunst um 1800“ – ein Ausstellungszyklus der Hamburger Kunsthalle

Liebe Leserinnen und Leser!

Kennen Sie Georg Ernst Harzen? In früheren Ausgaben von „WissensWert“ ist sein Name immer mal wieder gefallen. In der Hamburger Kunsthalle gibt es das Harzen-Kabinett, in dem Ausstellungen aus dem Kupferstichkabinett präsentiert werden. Nach dem Lesen des ersten Artikels jedenfalls werden Sie genauer wissen, wer dieser für die Hamburger Kunsthalle so wichtige Mann war. Sein Nachlass befindet sich im Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle (KAHK 1.1.). Sie können eine Auswahl von Kunstwerken und Dokumenten von Georg Ernst Harzen im Rahmen der Langen Nacht der Museen am 18. Mai im Studiensaal in Präsentationen oder bei Führungen sehen (https://www.langenachtdermuseen-hamburg.de/).

Harzen war, so viel sei schon verraten, ein ausgebildeter Kaufmann. Das Werkzeug der Kaufleute sind die Zahlen. So präsentiert der dritte Artikel dieser Newsletter-Ausgabe einen Überblick über die Zahlen des vergangenen Jahres aus der Abteilung Information & Dokumentation. Im Anschluss daran sind Sie eingeladen, sich mit einem Lied, einem Gedicht, einem Kunstwerk und ein paar Worten in eine Morgenstimmung versetzen zu lassen.

„WWW-WissensWert“ kehrt zu Georg Ernst Harzens Profession zurück. Die nachfolgende Organisation seiner Kunsthandlung existiert heute noch. Die Galerie Commeter in der Bergstraße ist die älteste Kunsthandlung der Hansestadt. Inzwischen jedoch gibt es eine große Anzahl weiterer Galerien. Viele von ihnen produzieren Kataloge. Im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Kunst- und Museumsbibliothek in Köln im Internet ein Wiki zu Galeriekatalogen geschaffen, das „WissensWert“ vorstellt.

Die Rubrik „WissensWertes“ wendet sich im letzten Artikel wieder der Kunsthalle zu. Die Abteilung Information & Dokumentation ist intensiv in ein Forschungsprojekt des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg und der Akademie der Bildenden Künste in München eingebunden, das in Kopperation mit der Hamburger Kunsthalle durchgeführt wird. Es geht um Werner Hofmanns Ausstellungen zur „Kunst um 1800“.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin Information & Dokumentation

1. Nachlässe im Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle: Georg Ernst Harzen (1790-1863)

„Wieviel ein Mann, sein Bestreben auf einen bestimmten Zweck unablässig richtend, zu erreichen im Stande ist, davon gibt Georg Ernst Harzens Kunstsammlung den Beweis. Von ihm unserer Kunsthalle vermacht, wird sie eine Hauptzierde derselben bilden.“ So begann Martin Genslers (1811-1881) Laudatio auf den Kunstsammler Georg Ernst Harzen, die er anlässlich der Eröffnung der Hamburger Kunsthalle im August 1869 hielt. Der Mäzen selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits sechseinhalb Jahre tot.

Doch beginnen wir fast 80 Jahre zuvor. Am ersten November 1790 wurde Georg Ernst Harzen als dritter Sohn eines dänischen höheren Beamten und seiner Frau in Altona geboren. Die Eltern legten Wert auf eine umfassende Bildung ihrer Kinder. Georg Ernst und seine Brüder besuchten das Christianeum, lernten Griechisch und Latein, Englisch, Französisch, Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften und erhielten Zeichenunterricht bei Jes Bundsen (1766-1829). Trotzdem verließ Georg Ernst Harzen das Gymnasium 1805 ohne Abitur. Er wollte Kaufmann werden und dafür brauchte er diesen Abschluss nicht. Wo er seine Ausbildung machte, ist nicht bekannt. Er wohnte bei seiner Familie. Zunächst in der Kleinen Mühlenstraße 120, dann auf der Großen Freiheit 16. 1813 verzeichnet das Adressbuch einen eigenen Eintrag unter seinem Namen wieder in der Kleinen Mühlenstraße 156 in Altona. Er schien jetzt vollkommen selbstständig zu sein.


Johann Christoph Erhard (1795-1822): Porträt Georg Ernst Harzen, auf einem Stuhl sitzend im Profil, mit vor der Brust verschränkten Armen; unten als Medaillon oval eingefasst, 1820. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/johann-christoph-erhard/portraet-georg-ernst-harzen-auf-einem-stuhl-sitzend-im © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: C. Irrgang, Hamburg

Im April 1819 brach Georg Ernst Harzen nach Italien auf. Auf dem Weg besuchte er Sammler und Museen in vielen deutschen und österreichischen Städten, knüpfte dort wertvolle Kontakte. Wann er genau in Italien ankam, weiß man nicht. Im Februar 1820 jedenfalls erreichte er Neapel. Im Juli ging es weiter nach Rom. Hier traf er auf zahlreiche deutsche Künstler, z. B. im Café Greco. Ungefähr einen Monat blieb Harzen in Rom, dann brach er seine Rückreise an. Diese führte ihn über München und Frankfurt zurück nach Hamburg. In der Hansestadt arbeitete er als Kunstauktionator bei Johannes Noodt (1781-1851). Schon bald durfte er eine Auktion eigenständig organisieren und durchführen, so z. B. am 19. Juni 1821. Der erste von Harzen zusammengestellte Katalog befindet sich in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=104745601X).

Noch 1821 eröffnete er eine Kunsthandlung in der Steindruckerei von Johann Michael Speckter (1764-1845). Bald schon zog Harzen in die Große Johannisstraße 48 um. Hier hatte er bessere Geschäftsräume, die er auch anderen Kunstinteressierten zur Verfügung stellen konnte – so z. B. dem Kreis von Kunstfreunden, den David Christopher Mettlerkamp (1774-1850) seit 1817/18 regelmäßig versammelte. Am 24. Januar 1822 gründete sich daraus der Kunstverein Hamburg. Georg Ernst Harzen war maßgeblich an dieser Gründung beteiligt. Er organisierte auch die erste öffentliche Kunstausstellung Hamburgs. Im April 1826 stellte der Kunstverein in seinen Räumen im Neubau in der ABC-Straße erstmals Werke Hamburger Künstler aus. Der Ausstellungskatalog befindet sich in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=151189927). Die Versammlungen des Kunstvereins fanden weiterhin in Harzens Kunsthandlung statt. Am 22. April 1839 wurde auf einer solchen vorgeschlagen, die Gelder des Vereins wie in Frankfurt in den Aufbau eines Kunstmuseums zu investieren. Das Protokoll der Versammlung verzeichnet eine heftige und kontroverse Diskussion darüber.

Gehen wir noch einmal 15 Jahre zurück. Matthias Commeter (1791-1869) wurde 1824 Geschäftspartner von Georg Ernst Harzen. Die gemeinsame Kunsthandlung bezog Räume im Neuen Wall, in der Nähe des Görtz-Palais’.

1833 reiste Harzen für längere Zeit nach London. Die britische Hauptstadt besaß damals den europaweit führenden Kunstmarkt. Immer wieder zogen ihn die Geschäfte dorthin. Überhaupt pflegte er ein reiches Netzwerk und hatte geschäftliche Beziehungen zu Kunsthändlern in vielen deutschen, englischen, dänischen und niederländischen Städten.

Als Hamburg 1842 brannte, erreichte Harzen die schreckliche Nachricht in London. Sein Haus hatte er verloren, doch die Kunstsammlung und einige Unterlagen konnten gerettet werden. Was sollte er tun? Kurz dachte der 52-Jährige über seinen Ruhestand nach, aber dann krempelte er die Ärmel hoch und fing von Neuem an. 1844 wurde ein Neubau am Neuen Wall 44 bezogen. Das Haus hatte der Architekt Franz Georg Stammann (1799-1871) entworfen.


Nachlass Georg Ernst Harzen: Zettelkatalog der Büchersammlung Harzens. KAHK, Archiv 121a © Hamburger Kunsthalle

Doch schon zwei Jahre darauf spielte Harzen mit dem Gedanken, sich ernsthaft zur Ruhe zu setzen. 1846 verfasste er sein erstes Testament. 1847 gab er seine Kunsthandlung auf und widmete sich der Erforschung seiner Sammlung. Diese war so gut, dass er daraus eine Geschichte der graphischen Künste entwickeln wollte, ganz nach dem Vorbild seiner Freunde Adam von Bartsch (1757-1821), Carl Friedrich Rumohr (1785-1843) oder Johann David Passavant (1787-1861). Letzteren hatte er in Rom kennengelernt, und gerne wäre er nun für immer nach Italien gegangen. Doch seine Pläne wurden von den politischen Unruhen durchkreuzt. Der Aufenthalt wäre für einen Ausländer gefährlich geworden. So blieb Harzen in Hamburg, wohnte weiterhin mit Matthias Commeter in seiner Wohnung am Neuen Wall und zog sich häufig in die Natur in sein Haus in Ottensen zurück. Er lebte fortan von Mieteinnahmen und Finanzgeschäften. Seine Kunsthandlung hatten die langjährigen Mitarbeiter Wilhelm Becker und Christian Meyer übernommen. Auch Commeter hatte sich aus dem Geschäft zurückgezogen, wenn auch der ursprüngliche Name bestehen blieb.

1855 bat Harzen Matthias Commeter um die Aufteilung des Besitzes. Er wollte sein Erbe regeln. Gleichzeitig legte er ein Inventarbuch zu seiner Kunstsammlung an. Ein Jahr später änderte Harzen sein Testament zugunsten eines Städtischen Kunstmuseums um. Dieses sollte seine Sammlung erhalten, wenn die Stadt einen Museumsbau binnen fünf Jahren nach seinem Tod zur Verfügung stellte. Gab es das Museum bis zu diesem Zeitpunkt nicht, sollte das Erbe für ein eigenes „Haus der graphischen Künste“ verwendet werden. Harzens Sammlung von europäischem Rang umfasste 30.000 Blätter, Druckgraphik des 15.-17. Jahrhunderts, ergänzt durch wenige Gemälde, kunstgewerbliche Arbeiten und eine Sammlung illustrierter Bücher.


Nachlass Georg Ernst Harzen: Zeichnung eines möglichen Standorts für die Hamburger Kunsthalle. KAHK, Archiv 18b © Hamburger Kunsthalle

Die Freie und Hansestadt Hamburg überlegte sich dieses Angebot und setzte Ende 1858 ein „Comité für den Bau eines öffentlichen Museums in Hamburg“ ein. Dieser Kommission gehörten neben Georg Ernst Harzen Martin Gensler, August Abendroth (1796-1867), Eduard L. Behrens (1824-1895), Ernst Gottfried Vivié (1823-1902), Susanne Elisabeth Sillem (1785-1865) und Nicolaus Hudtwalker (1794-1863) an. Man stritt sich zunächst über den Standort des Museums. Harzen schlug einen Platz zwischen Binnenalster und Ferdinandstor vor, aber es gab zu viele Einwände. Man einigte sich schließlich auf den Vorschlag des Senats, das Gelände der ehemaligen Bastion Vincent auf der Alsterhöhe zu nehmen. Georg Ernst Harzen hatte zu vielen Fragen des Museumsbaus und seiner Ausstattung konkrete Vorschläge. Das Konvolut „Museumsangelegenheiten“ in seinem Nachlass, der sich im Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle befindet, zeigt auch auf, dass er in der Vorbereitung des Baus seine vielfältigen Beziehungen geltend machte. So schrieb er beispielsweise die Besetzung der Findungskommission für den Architekturwettbewerb vor. Sie bestand aus Architekten, Museumsexperten, Künstlern und Harzen selbst. Die Ausschreibung hat er im Wesentlichen noch mitbestimmen können. Jedoch vier Monate vor Ablauf des Wettbewerbs, am 6. Februar 1863 starb Georg Ernst Harzen. Er hinterließ ein kostbares Erbe, seine Kunstsammlung, die den Grundstock vor allem für das Kupferstichkabinett und die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle bildete. Beim Bau des Museums orientierte man sich an Harzens Vorstellungen und Wünschen.


Nachlass Georg Ernst Harzen: Notiz zur Einrichtung des Kupferstichkabinetts. KAHK, Archiv 18b © Hamburger Kunsthalle

In seinem Nachlass befinden sich auch fragmentarische Notizen zur Einrichtung eines Kupferstichkabinetts. Harzen plante einen Raum, der zugleich als Depot- und Benutzungsraum fungieren sollte. Jeder Kunstinteressierte sollte seine Sammlung sehen dürfen. Harzen legte einen Inspektor für das Kabinett fest. Sein ehemaliger Mitarbeiter Christian Meyer sollte seine Sammlung im Museum betreuen. Und so kam es, dass Meyer als einziger Kunstkenner in der Hamburger Kunsthalle angestellt wurde und damit begann, Harzens Sammlung zu erfassen und zu erschließen. Erst 1886 erhielt die Kunsthalle dann mit Alfred Lichtwark (1852-1914) ihren ersten Direktor.

Ohne Georg Ernst Harzen könnte die Hamburger Kunsthalle wohl nicht in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiern. In seinem Nachlass im Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle befinden sich weite Teile seiner geschäftlichen und privaten Korrespondenz von 1840-1862, zwei Inventare zu seiner Kunstsammlung, zahlreiche Notiz- und Skizzenbücher, die auf seinen Reisen entstanden sowie kunsthistorisches und maltechnisches Material. Dies alles umfasst ca. 3.600 Autographen in Form von handschriftlichen Briefen oder Notizen und ca. 150 zum Teil umfangreiche Konvolute. Neben Texten und Notizen von Harzen sind auch Dokumente aus seinem Leben (Visitenkarten, Rechnungen, Zeitungsausschnitte) vorhanden. Die Ordnung und Unterteilung der Materialien wurde teilweise noch von Harzen selbst vorgenommen. Gesichtet und beschrieben werden konnte der Nachlass von der Kunsthistorikerin Silke Reuther, die 2003 auch eine Biographie des Kunsthändlers, -sammlers, -forschers und –liebhabers veröffentlichte.

Wer mehr lesen möchte:
Plagemann, Volker: Museen, Pantheon, Monument und wie sie uns in den Bauten der Hamburger Kunsthalle wiederbegegnen. Hamburg 1993
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=251696820

Reuther, Silke: Georg Ernst Harzen. Kunsthändler, Sammler und Begründer der Hamburger Kunsthalle. Berlin [u.a.] 2011
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=661308006

Reuther, Silke: Georg Ernst Harzen (1790-1863). Nachlassinventar. Hamburg 1998
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=254022995

2. Information & Dokumentation im Februar 2019

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:

Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/transparentes-museum

20.10.2018-24.02.2019
Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere
Kunsthalle Bremen
https://www.kunsthalle-bremen.de/view/exhibitions/exb-page/hans-christian-andersen

16.11.2018-24.2.2019
Philippe Vandenberg. Kamikaze
Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoss
https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/philippe-vandenberg

13.2.-26.5.2019
Tizian und die Renaissance in Venedig
Städel Museum, Frankfurt am Main
https://www.staedelmuseum.de/de/tizian-renaissance-venedig

Handapparate im Studiensaal:
Lili Fischer
Heinrich Reinhold

Philippe Vandenberg
The video is the message

3. Jahresrückblick 2018

Das Jahr 2018 stellte das erste Jahr der neuen Abteilung Information & Dokumentation dar. Es ging zunächst darum, die neuen Strukturen zu schaffen und zu festigen. Daneben war die alltägliche Arbeit zu bewältigen. Die Abteilung Information & Dokumentation legt ihren Schwerpunkt auf eine starke Nutzerorientierung. Alle Unterbereiche verstehen sich als Dienstleister für die Kollegen im Haus, für die Museumsbesucher und jeden Interessierten.

"WissensWert ist eine solche Dienstleistung der gesamten Abteilung. 2018 stieg die Abonnentenzahl monatlich um ca. acht neue Leser auf insgesamt 900 Abonnenten.

Die Bibliothek konnte 2018 einen Zuwachs von 2.428 Medien verzeichnen. Das gedruckte Buch hatte dabei immer noch den deutlichen Vorrang. 26% davon kamen über den Schriftentausch in die Bibliothek, dessen Anteil durch eine Umorganisation um zehn Prozent gesteigert werden konnte. Aktuelle Ausstellungskataloge aus der ganzen Welt erreichen ihre Leser inzwischen wesentlich schneller, meist noch während der Laufzeit der Ausstellung. Im Studiensaal können Sie also Ihre Ausstellungsbesuche vorbereiten. Und wenn einmal ein Katalog fehlen sollte, wenden Sie sich bitte an den Benutzerservice vor Ort. Dieser erfuhr mit der neuen Abteilung eine veränderte Ausrichtung. Im Studiensaal, über Telefon, per Mail oder Brief steht Ihnen eine Kollegin aus der Abteilung zur Verfügung, die sich um Ihre Belange kümmert. Dieser Service machte sich 2018 bemerkbar. Die Besucherzahl im Studiensaal stieg um zehn Prozent an. Die Zahl der geleisteten Auskünfte lag sogar 250 mal so hoch wie im Vorjahr. Daneben führten die Bibliothekarinnen Schulklasse und Hochschulseminare in die Bibliothek ein. Aber auch andere interessierte Gruppen erhielten, z. B. im Rahmen ihrer Weihnachtsfeier, einen Überblick über ausgewählte Bestände aus den illustrierten Büchern und Künstlerbüchern.

Genutzt werden konnten im Studiensaal ab Oktober 2018 aufbereitete Bestände aus den Archiven der Hamburger Kunsthalle (https://www.hamburger-kunsthalle.de/archive-der-hamburger-kunsthalle). Ca. 300 Akten wurden auf diese Weise 34 unterschiedlichen Nutzern vorgelegt. Noch lange sind nicht alle Archivalien gereinigt und in archivgerechte Verpackungen umgebettet worden. Das ist die Grundvoraussetzung für eine Vorlage, doch einige Bereiche der neuen Archivsystematik sind bereits vollkommen oder teilweise nutzbar. Dies gilt insbesondere für das gesamte Kunstarchiv Hamburger Kunsthalle, zu dem Nachlässe und Dokumente aus dem Umfeld des Museums sowie eine große Reproduktionssammlung gehören. Im Historischen Archiv Hamburger Kunsthalle sind die Korrespondenzen der Kunsthallen-Direktoren Gustav Pauli (1866-1938), Carl Georg Heise (1890-1979) und Alfred Hentzen (1903-1984) bereits vollständig oder teilweise umgebettet worden. Der viel gefragte Schriftwechsel von Alfred Lichtwark ist leider aus konservatorischen Gründen gesperrt. Hier sucht die Abteilung nach einer Finanzierung für eine Erschließung und Digitalisierung der ca. 70.000 wertvollen Briefe.

Neben der Direktorenkorrespondenz sind ungefähr zwei Drittel der Verwaltungsakten dank des großzügigen Einsatzes der Freunde der Kunsthalle vorlagebereit. Alleine das Auffinden einzelner Themen oder Briefe gestaltet sich noch als schwierig, da es an jeglicher fachgerechter Verzeichnung fehlt. Zum Glück wurden die Akten in früheren Zeiten, als die Kunsthalle noch eine Behörde war, nach einem strengen, vorgegebenen Plan geführt, so dass in den Regalen eine grobe Ordnung vorgenommen werden konnte. Eine professionelle Erschließung der Bestände ist nicht nur die Grundlage für eine gezielte Recherche sondern ebenso für eine Digitalisierung der Archivalien.

Die Digitalisierung der Kunstwerke des Kupferstichkabinetts dagegen schritt 2018 gut voran. Mehr als 31.000 Werke konnten am Jahresende über die Sammlung Online recherchiert werden (https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online). Im Januar 2018 waren es noch 18.000 Werke gewesen. Hier macht sich nun die Forschungsarbeit der vergangenen Jahre bewährt. Alle online präsentierten Beschreibungen haben ein hohes wissenschaftliches Niveau. Zu vielen Werken wurden kurze Texte geschrieben und in die Datenbank integriert.


Eingangsbildschirm der „Sammlung Online“ der Hamburger Kunsthalle. https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online

Synergien in der neuen Abteilung Information & Dokumentation konnten 2018 genutzt werden. Das macht sich vor allem im Bereich der Dokumentation bei den Werkakten bemerkbar. Für deren Führung wurde eine neue Form erarbeitet, die neben der elektronischen Sammlungsdatenbank zusätzliche Informationen zu den Werken der Hamburger Kunsthalle liefert. Auf Nachfrage können alle Werkakten auch im Studiensaal eingesehen werden.

Das Fazit der neuen Abteilung ist also durchaus positiv. Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr nannte es am Jahresende sogar „fulminant“. Alle Unterbereiche konnten eine Leistungssteigerung verzeichnen, was zeigt, dass sich die neue Struktur bewährt hat.

Nun heißt es, im Jahr 2019 dort anzusetzen und die Entwicklung fortzuführen. Die in Aussicht gestellten finanziellen Mittel des Bundes für den dringend erforderlichen Ausbau der Magazine für die Bibliothek und die Archive sowie für das Depot des Kupferstichkabinetts, die durch die gleiche Summe von der Freien und Hansestadt Hamburg ergänzt werden sollen, bedürfen einer umfassenden Planung und Vorbereitung.

Daneben wird es große Umstellungen in der EDV geben. Die Fusion des Bibliotheksverbünde GBV und SWB bringt einige Änderungen in der Führung der Kataloge mit sich. Die Bibliothek digitalisiert zudem ihre Zeitschriftenverwaltung. Die Sammlungsdatenbank des Museums wird auf eine aktuelle webbasierte Software umgestellt.

Im Archiv muss, ganz handfest, in den 13 noch unsortierten Räumen zwischen dem Zwischenarchiv (Dokumente älter als 30 Jahre) und der für die externe Nutzung gesperrten Registratur (jünger als 30 Jahre) unterschieden werden. Die Bearbeitung der Bestände im Zwischenarchiv wird vorangetrieben.

Die Digitalisierungsprojekte in Bibliothek und Sammlung werden fortgesetzt. Zum Jubiläum der Hamburger Kunsthalle, das Ende August gefeiert wird, sollen alle ausgestellten Werke in der Sammlung Online in bewährter hoher Qualität recherchiert werden können. Auch dieses Projekt verdankt das Museum der Unterstützung der Freunde der Kunsthalle.

4. Ein Lied, ein Gedicht, ein Kunstwerk, ein paar Worte – Morgenstimmung

Ein Lied:
Maroon 5: Sunday morning
https://www.youtube.com/watch?v=S2Cti12XBw4

Was gibt es Schöneres als einen unbeschwerten Sonntagmorgen, an dem es einem an nichts fehlt? Die amerikanische Pop-Band Maroon 5 beschreibt diese Leichtigkeit in ihrem Song „Sunday morning“ aus dem Jahr 2004, der einfach gute Laune bereitet.

Ein Gedicht:
Joachim Ringelnatz (1883-1934): Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht,
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9807/30

„Knallvergnügt“ ist der Erzähler in Joachim Ringelnatz’ Gedicht über einen (Sonntag-) Morgen. Bei den Zeilen handelt es sich um eines der bekanntesten Verse des Dichters. Die Lebensfreude, die das Gedicht ausdrückt, steht in krassem Kontrast zur Situation, in der sich Ringelnatz zur Zeit des Entstehens befand. 1933 erteilten ihm die Nationalsozialisten in Hamburg und München Auftrittsverbote. Seine Bücher wurden verbrannt. Ein Jahr später starb er an Tuberkulose.

Ein Kunstwerk:


Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938): Maler und Modell, 1910 (überarbeitet 1926). Hamburger Kunsthalle, https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/ernst-ludwig-kirchner/maler-und-modell © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: E. Walford

Das Gemälde Ernst Ludwig Kirchners zeigt den Maler selbst im orange-blau gestreiften Morgenmantel. Es entsteht der Eindruck, als sei er gerade erst aus dem Bett gestiegen. Und schon steht er an der Leinwand und malt. Das leicht bekleidete weibliche Modell im Hintergrund ist zweitrangig. Atelier und Wohnung verschwimmen in eine Einheit von Leben und Kunst.

Ein paar Worte:
Hofmann, Werner: Edouard Manet. Das Frühstück im Atelier. Augenblicke des Nachdenkens. Frankfurt a.M. 1985
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=024989215

1868 schuf Edouard Manet (1832-1883) das Gemälde „Frühstück im Atelier“, das sich heute in der Sammlung der Alten Pinakothek in München befindet. Es zeigt eine Momentaufnahme, wie ein Schnappschuss aus dem fotografischen Bereich. Werner Hofmann (1928-2013), Direktor der Hamburger Kunsthalle,  veröffentlichte 1985 ein kleines Büchlein zu diesem Bild. Einen „Augenblick des Nachdenkens“ nennt er den Band im Untertitel, der damit besonders gut in unsere Reihe passt. Hofmann spricht Manets Gemälde einen eigenen Bildtypus zu, der ein neues Kunstzeitalter einläutet.

5. WWW-WissensWert: Wiki „Galeriepublikationen“

Ein Freund Georg Ernst Harzens war der Leipziger Kunsthändler und –verleger Rudolf Weigel (1804-1867). Schon sein Vater Johann August Gottlob Weigel (1773-1881) hatte sich als Buchhändler und Antiquar einen Namen gemacht. Der Sohn stand ihm als Kunstkenner in nichts nach. 1831 gründete er seine eigene Handlung. Zwei Jahre später begann er Kunstlagerkataloge zu erstellen. „Rudolf Weigels’ Kunstlager-Cataloge“ kamen bis zu seinem Tod im Jahr 1867 jährlich heraus. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt die Kataloge 1838-1866 (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=319671704). Daneben veröffentlichte Weigel zahlreiche Kataloge, wie beispielsweise das Werk „Holzschnitte berühmter Meister“, das 1851-57 in zwölf Lieferungen und vier Supplementen erschien. 74 Holzschnitte und ein begleitender Text geben einen Überblick über die Geschichte der graphischen Kunst.


Rudolf Weigel's Kunstlagercatalog. Leipzig 1840. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=319673359 © Hamburger Kunsthalle

Von 1864 an schrieb Rudolf Weigel an einer Auflistung der Werke deutscher Kupferstiche. Andreas Andresen (1828-1871) hatte das in fünf Bänden bis 1878 erschienene Werk konzipiert. Rudolf Weigel trug sein Wissen als Mitarbeiter bei. Noch heute gelten die Bände als wichtiges kunsthistorisches Nachschlagewerk (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=146278402).

Auch die Kunstlagerkataloge können, wie Galeriepublikationen überhaupt, der Forschung interessante Informationen liefern. Sie enthalten häufig die ersten Angaben zu zeitgenössischen Künstlern. Sie verzeichnen Werke vor dem Verkauf an eine Privatsammlung. Jede Kunst- und Museumsbibliothek hat Galeriepublikationen in ihrem Bestand. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt ca. 30.000 derartige Kataloge. Dabei kann es sich um Ausstellungs- oder Lagerkataloge handeln. Auch Künstlermonographien werden mitunter von Galerien publiziert.

Eine weitaus größere Sammlung von Galeriepublikationen besitzt die Kunst- und Museumsbibliothek in Köln. Mehr als 60.000 Exemplare findet man ihrem Bestand. 2011 begann die Bibliothek im Rahmen eines DFG-Projekts, sich dieser Bestandsgruppe ganz besonders zu widmen. Man startete mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit mit den Galerien. Ein Ziel des Projekts war es, die Kontakte zu den Galerien auf- und auszubauen und zu stärken. Ein anderes Ziel bestand in der verbesserten Bereitstellung der Publikationen für die Forschung. Die Ziele mündeten in eine Datenbank in Form eines Wikis. Die Seiten stehen den Galerien im Netz zur Verfügung, die ihre Daten selbst einpflegen können. Die einzelnen Einträge umfassen Kontaktangaben zur Galerie, einen Link auf deren Homepage, die Namen der vertretenen Künstler sowie ggf. Themenschwerpunkte. Die Galerien können neue Publikationen, Einladungskarten, Flyer, Fotos ihrer Räumlichkeiten als PDF- oder Bilddatei hochladen oder verlinken. Auch die Gestaltung der Seite kann verändert und an ein eigenes Layout angepasst werden. Automatisch werden schließlich die Publikationen im Bibliothekskatalog der Kunst- und Museumsbibliothek in Köln verlinkt. Für die Dateneinspielung und –pflege stellt die Bibliothek ausführliche Hilfeseiten zur Verfügung.


Eingangsbildschirm „Galeriepublikationen“ der Kunst- und Museumsbibliothek Köln. Quelle: https://kmbwiki.ub.uni-koeln.de/wiki/index.php/Hauptseite

Aus der Struktur der Einträge ergeben sich fünf verschiedene Suchmöglichkeiten. Die Datenbank enthält Seiten zu 296 Galerien im deutschsprachigen Gebiet. 2.851 Künstlernamen sind recherchierbar. Man sieht auf einer Seite, von welchen Galerien ein Künstler vertreten wird. Die Galerien befinden sich an 81 unterschiedlichen Orten. Auch nach Ländern kann differenziert werden. Das letzte Suchkriterium umfasst 41 thematische Schwerpunkte, die durch Schlagworte beschrieben werden. Zu „Künstlerbüchern“ gibt es beispielsweise einen Eintrag. Dieser verweist auf eine Wiener Galerie. Aus Hamburg findet man 15 Galerien im Angebot.

Die Hansestadt verzeichnet jedoch weitaus mehr Kunsthandlungen. Ein Blick auf die Seiten des Landesverbandes Hamburger Galerien verdeutlicht die Lücken des Kölner Wikis schnell.


Eingangsbildschirm des Landesverbandes Hamburger Galerien. Quelle: https://www.galerien-in-hamburg.de/index.php

Die Homepage gibt ebenfalls die Kontaktinformationen der Galerien an sowie einen Hinweis auf aktuelle Ausstellungen. Nach Künstlernamen kann man hier nicht suchen. Und Angaben zu Publikationen fehlen ebenfalls. Das ist das große Plus der Plattform „Galeriepublikationen“. Durch die Verlinkung mit dem Bibliothekskatalog erhalten die Nutzer des Wikis Zugriff auf eine umfassende Erschließung der Kataloge. Das Wiki „Galeriepublikationen“ ist eingebunden in die Plattform arthistoricum.net und damit in das Angebot für ein rein kunsthistorisches Publikum, das die Informationen für die Forschung nutzen kann.

6. Wissenswertes – „Kunst um 1800“ – ein Ausstellungszyklus der Hamburger Kunsthalle

Mit der Hamburger Kunsthalle verbinden viele Menschen heute die Kunst des 19. Jahrhunderts. Sie bildet mengenmäßig den Schwerpunkt der Museumssammlung. Caspar David Friedrich (1774-1840) und Philipp Otto Runge (1777-1810) sind Namen, für die die Kunsthalle bekannt ist. In der Tat besitzt sie eine überaus gute und umfangreiche Sammlung mit Werken aus dem frühen 19. Jahrhundert – vielleicht sogar die Beste deutschlandweit. Ihren Bekanntheitsgrad verdankt die Sammlung u.a. Werner Hofmann (1928-2013), der das Haus von 1969 bis 1990 als Direktor leitete und prägte. In einem einmaligen Ausstellungszyklus stellte er die „Kunst um 1800“ aus.

Am 9. Mai 1974 wurde die Ausstellung „Ossian und die Kunst um 1800“ eröffnet. Die Hamburger Kunsthalle betrat damit Neuland auf gleich mehreren Gebieten. Wer kannte damals schon "Ossian", diesen Stoff aus der keltischen Mythologie? Im 18. Jahrhundert wurde er in Form von Gesängen von dem schottischen Schriftsteller James Macpherson (1736-1796) niedergeschrieben. Ein Nationalepos sollte es werden. 1764 wurden die Verse erstmals von Rudolf Erich Raspe (1736-1794) ins Deutsche übertragen. Es folgten zahlreiche weitere Übersetzungen und Nachdichtungen deutscher Künstler. Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) Figur Werther identifizierte sich mit dem Helden im Epos. Der „Ossian“ begeisterte die Schriftsteller des „Sturm und Drang“. Die Beliebtheit des Epos’ hörte auch im 19. Jahrhundert nicht auf. Kaiser Napoleon I. (1769-1821) war ein großer Verehrer des „Ossian“. 1813 gab er bei dem französischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) ein Gemälde für sein Schlafzimmer im Quirinalspalast in Rom in Auftrag. „Der Traum des Ossian“ (Le songe d’Ossian) befindet sich heute in einer späteren Fassung von 1835 im Musée Ingres in Montauban (http://www.montauban.com/connection_ingres/P-AUTEUR2/index.html). Auch Philipp Otto Runge inspirierte das Epos. Er lernte es in einer Übersetzung von Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818) kennen. Sein Illustrationsvorhaben wurde von dem damaligen Übersetzer Graf Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg (1750-1819) abgelehnt. Dennoch existieren einige Zeichnungen Runges zu dem Thema.


Philipp Otto Runge (1777-1810): Ossian (Illustration zu „Ossian“), 1805. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/philipp-otto-runge/ossian-illustration-zu-ossian-0  © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: C. Irrgang, Hamburg

Der "Ossian-Hype", wie wir es heute nennen würden, machte ebenso keinen Halt vor der Musik. Franz Schubert (1797-1828) schuf elf Lieder auf die Texte. Johannes Brahms (1833-1897) vertonte mehrere Gesänge (Op. 17, 42). Die Beliebtheit des Vornamens „Oskar“ stieg rasant an. Im 20. Jahrhundert jedoch ging das Wissen um das Epos weitestgehend verloren. Werner Hofmann rückte es in seiner Ausstellung wieder in den Vordergrund und legte zugleich den Grundstein für die Beschäftigung mit der Kunst zur Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert. In den nächsten sechs Jahren folgten acht weitere Ausstellungen zur Kunst um 1800. Dass daraus ein ganzer Zyklus wurde, war anfangs gar nicht geplant. So bieten die Ausstellungen weder einen systematischen noch einen vollständigen Blick auf die Kunst dieser Zeit. Auf der anderen Seite gab es das Grundmuster der Reihe bereits seit 1960. Da hatte Hofmann die Publikation „Das irdische Paradies. Kunst im 19. Jahrhundert“ veröffentlicht. Zur Ossian-Ausstellung wurde der Band in einer zweiten Auflage mit dem veränderten Untertitel „Motive und Ideen des 19. Jahrhunderts“ herausgegeben (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=03894149X).

Damit wurde bereits auf einen wesentlichen Teil der Ausstellungsreihe hingewiesen. Es ging darum, die große Bandbreite der Kunst dieser Zeit darzustellen, die durch die Epochenbegriffe „Klassiszismus“ und „Romantik“ völlig unzureichend beschrieben werden kann. Zudem sollte die Kunst in die Ideen-, Gesellschafts- und politische Geschichte eingebunden werden. Die Zeit der Französischen Revolution war eben auch eine Wendezeit in der Kunst. Die Künstler verwendeten neue Symbole, die eine veränderte Lesart der Werke bedurften.

Eine derart intensive Beschäftigung mit der Kunst um 1800 hatte es zuvor in Museen noch nicht gegeben. Die Lichtblicke, die Werner Hofmann auf diese Epoche warf, beschienen Caspar David Friedrich (1974), Johann Heinrich Füssli (1974/75), William Blake (1975), Johann Tobias Sergel (1975), Philipp Otto Runge (1977/78), John Flaxman (1979) und Goya (1980/81). Neben dem Ossian-Thema waren auch Sergel und Flaxman mehr oder weniger unbekannt. So verwundert es nicht, dass nicht alle Ausstellungen Publikumsmagnete wurden. Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge erreichten viele Besucher. Doch die anderen Ausstellungen würden heutigen Ansprüchen an ein Museum in Bezug auf die Besucherzahlen nicht standhalten. Vor 40 Jahren jedoch lagen die Maßstäbe anders. Hofmann entdeckte darüber hinaus den norddeutschen Anteil an der Kunst um 1800. Er interpretierte die Kunst vor ihrem philosophischen und gesellschaftlichen Hintergrund für ein breiteres Publikum und schuf damit einen neuen Ausstellungstyp. Er etablierte das Museum als Forschungseinrichtung und entwickelte einen neuen Katalogtypus. Die Kataloge der Reihe, die im Prestelverlag erschienen, waren alle gleich gestaltet. Sie enthielten vielfältige wissenschaftliche Informationen in Aufsätzen, Übersichten und Werkbeschreibungen. Bis heute hat der Zyklus „Kunst um 1800“ einen großen Einfluss auf die Art und Weise, wie die Hamburger Kunsthalle auf die Kunst, ihre Sammlung und ihre Arbeit blickt. Die Ausstellungen stellen ohne Zweifel ein Highlight in der deutschen Museumsgeschichte dar. In den einschlägigen Publikationen zu diesem Thema oder zur Geschichte des Ausstellungswesens tauchen sie jedoch nicht auf. Es fehlt an ihrer wissenschaftlichen Erforschung.

Im Jubiläumsjahr 2019 soll dies nun erfolgen. Das Kunstgeschichtliche Seminar der Universität Hamburg hat in Zusammenarbeit mit der Hamburger Kunsthalle und der Akademie der Bildenden Künste in München ein Forschungsprojekt begonnen, das den Ausstellungszyklus in vielfältiger Weise beleuchten wird. Die Ausstellungen sollen aus der Perspektive von Universität, Kunstakademie und Museum betrachtet werden. Untersucht wird ihr Konzept, ihre wissenschaftliche Aussage, die sich auf die Werkauswahl und die Gestaltung auswirken. Beleuchtet werden soll zudem ihre Rezeption und die Auswirkung auf die Ausstellungspraxis im Museum. Ein Blick in das gesellschaftliche und intellektuelle Umfeld in den 1970er Jahren soll neue Erkenntnisse für die Einordnung der Ausstellungen in ein Gesamtumfeld bringen. Und schließlich geht es um die heutige Relevanz der Aussagen.


Projektseite im Internet. Quelle: https://www.hamburger-kunsthalle.de/um-1800-kunst-ausstellen-als-wissenschaftliche-praxis

Das Historische Archiv Hamburger Kunsthalle liefert für diese Forschungsarbeit das notwendige Material. Die Akten zum Ausstellungszyklus im Verwaltungsarchiv werden gerade umgebettet, so dass sie im Studiensaal genutzt werden können. Die Mappen aus dem Pressearchiv sind vorlagebereit. Weitere Ergänzungen liefern die Bestände des Bildarchivs, denn die Ausstellungen wurden erstmals systematisch fotografisch festgehalten. In der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle findet man die Ausstellungskataloge. 2017 konnte, dank einer großzügigen Spende, die Privatbibliothek Werner Hofmanns erworben werden, die der ehemalige Direktor stets als Ergänzung zur Hamburger Museumsbibliothek ansah.

Alle diese vielfältigen Materialien werden vom Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg unter Leitung von Prof. Dr. Petra Lange-Berndt, Isabelle Lindermann und Prof. Dr. Dieter Rübel von der Akademie der Bildenden Künste in München begutachtet und ausgewertet. Am 17. Januar 2019 gab es im Warburghaus eine erste Veranstaltung, in der das Projekt vorgestellt wurde. Im Sommersemester 2019 wird es an der Universität Hamburg eine Ringvorlesung geben. Den Abschluss bildet dann eine Tagung vom 14.-16. November 2019, auf der erste Forschungsergebnisse präsentiert werden können.

Wer mehr lesen möchte:
Beutler, Christian: Kunst um 1800. Werner Hofmann zu Ehren. München 1988
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=026705028

Hofmann, Werner: Das entzweite Jahrhundert. Kunst zwischen 1750 und 1830. München 1995
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=188321780  

Hofmann, Werner: Das irdische Paradies. Kunst im 19. Jahrhundert. München 1960
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=176956468

Hofmann, Werner: Das irdische Paradies. Motive und Ideen des 19. Jahrhunderts. München 1974
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=03894149X

Im Fokus. Kunst um 1800. Werner Hofmann zum 80. Geburtstag. Hamburg 2009. (Idea. Jahrbuch der Hamburger Kunsthalle ; 2005/2009)
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=610738747

Kipphoff, Petra: Am Rande aller Religionen. Ein Gespräch mit Werner Hofmann. Zum Ende des Hamburger Ausstellungszyklus "Kunst um 1800". In: Die Zeit, 17.10.1980
https://www.zeit.de/1980/43/am-rande-aller-religionen

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im März 2019.

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