WissensWert 08 / 2017

Ihre Bibliothek – qualifiziert, kooperativ, zuverlässig

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2017
 

Inhalt

1. Alphabete von Künstlern für große Leser
2. Die Bibliothek im August 2017
3. Bücher in Ausstellungen – Zwei Jahresgaben des Kunstvereins in Buchform
4. Künstlerbücher: Erik van der Weijde – This is not my book. Leipzig 2016
5. WWW-WissensWert: Digitaler Portraitindex
6. Wissenswertes – Ein Ausflug auf die Uhlenhorst

Liebe Leserinnen und Leser!

Wie bereits in der Juli-Ausgabe knüpft „WissensWert“ im ersten Artikel an das Thema der Ausstellung „Art and Alphabet“ an. Vorgestellt werden dieses Mal von Künstlern gestaltete Bücher für Erwachsene, in denen das Alphabet im Mittelpunkt steht. Die früheste Publikation stammt dabei aus dem Jahr 1683. Alle vorgestellten Bücher befinden sich im Bestand der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle.

In der Reihe „Bücher in Ausstellungen“ präsentieren wir zwei Jahresgaben des Kunstvereins – Publikationen, die von Alfred Lichtwark zur Hamburger Kunst verfasst wurden. Eine davon betrifft Bildnisse in Hamburg. „WWW-WissensWert“ greift dieses Thema auf und stellt den „Digitalen Portraitindex“ vor, der vom Bildarchiv Foto Marburg in Zusammenarbeit mit anderen Archiven, Museen und Bibliotheken erarbeitet wurde.

In der Rubrik „Künstlerbücher“ präsentieret WissensWert eine aktuelle Neuerwerbung der Bibliothek. Erik van der Weijde (*1977), Fotograf und Verleger, veröffentlichte 2016 ein Künstlerbuch über das Publizieren und die Möglichkeiten des Mediums Buch für Künstler. WissensWert stellt es vor.

Abschließend verlassen wir die Welt der Museen, Bibliotheken und Archive und begeben uns auf einen Sommerausflug auf die Uhlenhorst. Dort entdecken wir Kunst aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin der Bibliothek

1. Alphabete von Künstlern für große Leser

Ein Mann sitzt auf einem Podest und schläft. Die Arme und den Kopf stützt er auf einen Hocker. Hinter ihm steht eine Staffelei, auf der zwei Putti die Leinwand halten. Bei dem Mann scheint es sich, um einen Maler zu handeln. Die Staffelei, die Büste neben dem Hocker und die viereckige Palette, die vor ihm auf dem Boden liegt, deuten darauf hin. Um die Staffelei herum befinden sich Zeichnungen von drei Augen, einer Nase, einem Ohr, einem Mund und einer zeigenden Hand. Eine Anordnung von Körperteilen wird sich durch das gesamte Buch hindurch fortsetzen. Auf der Leinwand ist zu lesen, worum es sich im Folgenden handelt: „Alfabeto in Sogno“, ein Traum-Alphabet von Giuseppe Maria Mitelli (1634 (?)-1718) gezeichnet und 1683 veröffentlicht.


Giuseppe Maria Mitelli (1634 (?)-1718): Titelblatt mit schlafendem Mann. In: Alfabeto in Sogno. [s.l.] 1683. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=821605100 © Hamburger Kunsthalle / bpk

Der Maler, Zeichner und Graphiker wuchs als zweites Kind von Agostino Mitelli (1609-1660) in einer äußerst künstlerischen Umgebung auf. Durch seinen Vater lernte er die wichtigsten Maler in Bologna kennen. Kein Wunder, dass er sich dort zu einem der führenden Künstler des 17. Jahrhunderts entwickelte. Überliefert ist von Mitelli vor allem seine Druckgraphik. Ungefähr 600 Radierungen sind auch heute noch bekannt. Der Künstler begann mit Reproduktionsgraphiken, setzte später auch eigene Motive um. Daneben illustrierte er Ritterromane und entwarf Spielkarten. Seine Werke sprechen den Betrachter sofort an, weil sie einfach strukturiert und lebendig ausgeführt sind.

So auch das Traum-Alphabet, das Mitelli angeblich selbst als verschwommene Bilder im Schlaf sah. Die Buchstaben werden dabei von Menschen in unterschiedlichen Posen gestaltet. Um diese herum befinden sich zahlreiche Körperteile und Tiere, deren Bezeichnung mit dem dargestellten Buchstaben beginnt. Die Anordnung und die Motive deuten auf eine pädagogische Ausrichtung, die ein Text auf der zweiten Buchseite bestätigt, in dem sich Mitelli an seine Zeichenschüler wendet. Jede Druckplatte schließt mit einem schwarzen Rahmen ab. Im unteren Bereich ist ein kleiner Teil mit Hilfe eines weiteren schwarzen Striches unterteilt. Ein dreizeiliger Vers in italienischer Sprache erläutert das zeichnerisch Dargestellte. Die Texte wurden von Mitellis Bruder Giovanni geschrieben. Das Buch enthält insgesamt 24 Blätter. Bei dem Exemplar der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle wurden diese stark beschnitten und in ein Buch eingeklebt.


Giuseppe Maria Mitelli (1634 (?)-1718): Buchstabe G. In: Alfabeto in Sogno. [s.l.] 1685. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=821605100 © Hamburger Kunsthalle / bpk

Überspringen wir 200 Jahre, befinden wir uns am Ende des 19. Jahrhunderts. In England war das die Zeit der Arts-and-Crafts-Bewegung, die in den 1870er Jahren ihren Anfang nahm. Genau in dieser Zeit – nämlich 1871 – wurde William Nicholson (1872-1949) in Newark-on-Trend geboren. Mit 16 Jahren besuchte er die Kunstschule Hubert von Herkomers (1849-1914) in Bushney, Herfordshire. 1889 ging er nach Paris und besichtigte dort die Weltausstellung. Nach seiner Rückkehr nach England entwarf er die ersten Holzschnitte. William Nicholson sah in James McNeill Whistler (1834-1902) sein großes Vorbild. Whistler wiederum entdeckte Nicholsons Talent. Er stellte den jungen Mann seinem Freund William Heinemann vor, der 1890 einen Verlag gegründet hatte. Durch viele internationale Kontakte wurde der Verlag schnell erfolgreich. Heinemann publizierte sowohl Belletristik als auch Kunstbände. Er bat Nicholson, einen Bucheinband für einen Roman zu entwerfen. Der Künstler willigte ein und als Heinemann ihn nach eigenen Ideen fragte, machte er den Vorschlag eines illustrierten Alphabets. Auch sein Freund Philipp May (1864-1903) arbeitete unlängst an einem solchen (Philipp Mays ABC. 52 original drawings forming 2 humorous alphabets from A to Z. London 1897. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=248911635).

Nicholson lieferte Heinemann erste Entwürfe, und der Verleger war begeistert. Zum Weihnachtsgeschäft 1897 erschien das Alphabet im Londoner Verlag gleich in drei unterschiedlichen Ausgaben. Die Edition de luxe mit den vom Künstler handkolorierten Original-Holzschnitten wurde für viel Geld angeboten. Nicholsons Alphabet besteht aus 26 Holzschnitten. Jeder Buchstabe stellt einen Berufsstand oder einen Gesellschaftstypen dar. So nutzte der Künstler den Buchstaben D zur Darstellung eines kulturgeschichtlichen Phänomens, eines Dandys. Der Buchstabe A ist mit dem Begriff „artist“ besetzt und zeigt ein Selbstbildnis des Künstlers. Alle Holzschnitte bestechen durch klare Strukturen, große Flächigkeit und wenige einfache Farben. Das Alphabet zählt heute zu den bekanntesten Werken von William Nicholson (William Nicholson: An alphabet. London 1898. Hamburger Kunsthalle, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=658994409).

Alfred Lichtwark (1852-1914) war ein großer Anhänger der Arts-and-Crafts-Bewegung. Er sammelte Bücher der englischen Künstler in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Er initiierte jedoch ebenso zahlreiche Aktivitäten, um die Buchkunst in Deutschland wieder zu beleben. Dazu zählte auch die Mitherausgeberschaft des „Pan“, der aufwändigsten und teuersten deutschen Kunstzeitschrift, die von 1895 bis 1900 erschien (Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=130143626). Zahlreiche Künstler schufen für die Ausgaben Graphiken, Bordüren oder Initialen. So auch Max Liebermann (1847-1935), der ebenso für die Zeitschrift „Kunst und Künstler“ Initialen entwarf (Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=129529974). Im Gespräch mit dem Schriftsteller und Bücherfreund Eduard Grisebach (1845-1906) entstand bereits 1898 die Idee der Zeichnung von großen Buchstaben ganz losgelöst von jedem Zweck und jeder bekannten Form und Vorlage. 1908 veröffentlichte Liebermann ein kleines Büchlein mit 38 derartigen Zeichnungen.


Max Liebermann (1847-1935): Buchstabe Q. In: Liebermann, Max: Ein ABC in Bildern. Berlin [1908]. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=396699588 © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Alle Letter sind darin in ein gerahmtes Quadrat gefasst. Die Buchstaben stehen nicht im Mittelpunkt; sie sind in die dargestellte Szene integriert. Mal umgibt das Motiv den Buchstaben, mal bezieht er ihn mit ein. Die Szenen erinnern an Liebermanns Gemälde. Man findet hier das niederländische Mädchen mit Klompen (Holzschuhen) auf einer Weide mit Kühen, eine handarbeitende Frau an der Wiege des friedlich schlafenden Kindes oder die polospielenden Reiter, die durch den Buchstaben X jagen. Die Typographie ist zweitrangig bei Max Liebermanns ABC-Buch. Es handelt sich vielmehr um „Federspiele eines Malers“, wie Richard Graul (1862-1944) es im Vorwort ausdrückt (S. 3), eines Künstlers, der bereits auf ein großes Werk zurückblicken kann.

Knapp 20 Jahre später brach die Avantgarde mit dem herkömmlichen Verständnis von Kunst. Kunst und Leben sollten ineinander fließen und sich gegenseitig beeinflussen. Vor diesem Hintergrund gründeten Karel Teige (1900-1951) und Vítežlav Nezval (1900-1958) 1922 den Poetismus, eine tschechische Avantgardebewegung, die sich mit der Kunst der Proletarier auseinandersetzte, ohne den pädagogischen Anspruch des Sozialismus zu haben. 1926 veröffentlichten sie gemeinsam ein ABC-Buch, das das moderne Leben der Zwanziger Jahre widerspiegelt. Als Medium wählten sie die Fotografie. Die Fotomontagen zeigen die Tänzerin Milča Mayerová (1901-1977), die jeden Buchstaben des Alphabets choreographisch pantomimisch darstellte. Die Bewegung hatte Einzug in die Alphabete gehalten. Karel Teige, der das Buch typographisch gestaltete, setzte mit Hilfe der Collagetechnik die Buchstaben später in die Fotos hinein (Karel Teige: Abeceda. Taneční komposice Milči Mayerové. Praha 1926. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=460008404). 

Mayerovás Choreographie bezog sich jedoch nicht alleine auf die Letter, sie interpretierte zudem die Verse von Vítežlav Nezval, die auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckt wurden. 1922 hatte er diese 24 gereimten Quartette zu den Buchstaben des Alphabets verfasst. Das Gedicht erschien zuvor in einer Zeitschrift und einem Gedichtband. Am 17. April 1924 wurde es bei einer Soirée in Prag zusammen mit den Tänzen Mayerovás aufgeführt. Im ABC-Buch fließen mehrere Kunstformen (Lyrik, Tanz, Fotografie, Typographie) ineinander, was ganz der Idee des Gesamtkunstwerks der Avantgarde entspricht. Zugleich ist die Publikation die erste komplette Dokumentation einer Choreographie des modernen Tanzes. Sie erschien 1926 im Otto-Verlag in 2.000 Exemplaren.

Teige produzierte zeitgleich einen Schwarz-Weiß-Film, der die Performance vor einem Hintergrund, der an eine Filmleinwand erinnert, zeigt. Nezvadals Stimme spricht die dazugehörigen Verse. Am Ende eines jeden Buchstaben erstarrt die Choreographie in der Pose, die auch im Buch abgebildet ist. Wie in diesem wird die Graphik Teiges auf der Leinwand ergänzt (Karel Teige: ABECEDA. 1926, https://vimeo.com/5435609).

Teige und Nezval arbeiteten auch weiterhin zusammen. 1934 gründeten sie die Surrealistische Gruppe als Gegenpol gegen den Sozialismus in der UdSSR und den Nationalsozialismus in Deutschland.

2. Die Bibliothek im August 2017

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:
Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Transparentes-Museum/articles/Transparentes-Museum.html

9.6.-17.9.2017
Sammeln für Hamburg. Neuerwerbungen und Schenkungen für das Kupferstichkabinett 2001-2006
Hamburger Kunsthalle, Harzen-Kabinett
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/sammeln-fuer-hamburg

23.6.-10.9.2017
Die Kunst ist öffentlich. Vom Kunstverein zur Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/die-kunst-ist-oeffentlich

Handapparate im Studiensaal:
Art and Alphabet
Die Kunst ist öffentlich

3. Bücher in Ausstellungen – Zwei Jahresgaben des Kunstvereins in Buchform

Ab 1817 trafen sich 19 kunstinteressierte Mitglieder der Patriotischen Gesellschaft in David Christopher Mettlerkamps Haus in der Hamburger Altstadt, Lange Mühren 37. Aus diesen winterlichen Treffen wurde formell ein Verein – der Kunstverein in Hamburg, dessen 200. Geburtstag auch die Hamburger Kunsthalle mit einer Ausstellung feiert. Die erste Satzung des Kunstvereins nennt im ersten Paragraphen den Vereinszweck: „Der Zweck des Kunstvereins ist die mehrteilige Mitteilung über bildende Kunst.“ Es stand also nicht nur die zeitgenössische Kunst im Vordergrund. Schließlich gab es in Hamburg noch kein Kunstmuseum. Und es hielt sich hartnäckig die Behauptung, in Hamburg gäbe es auch gar keine bildende Kunst.

Gegen dieses Vorurteil schritt noch Alfred Lichtwark entschieden an. 1889 hatte er das Amt des Direktors der 1869 eröffneten Kunsthalle angetreten. Gemeinsam mit dem Kunstverein organisierte er eine Ausstellung mit Werken des Hamburger Malers Hermann Kauffmann (1808-1889). Die Hamburger Kunsthalle hatte nach dem Tod des Künstlers einige seiner Werke erwerben können, die im Mittelpunkt der Ausstellung standen.

Kauffmann galt als ein Hauptvertreter der Hamburger Schule. 1827-1833 hatte er in München studiert, wo er sich der Hamburger Künstlerkolonie, ins Leben gerufen von Andreas Borum (1799-1853), sehr verbunden fühlte. Nach seinem Studium kehrte Kauffmann in seine Heimatstadt zurück. Er schloss sich dem von den Brüdern Gensler gegründeten Hamburger Künstlerverein von 1832 an, dem u. a. auch Otto Speckter (1807-1871) und Gottfried Semper (1803-1879) angehörten. Doch gegen Ende seines Lebens hatte sich die Kunst gewandelt. Hermann Kauffmann rückte aus dem Bewusstsein des Publikums ein wenig zurück.


Titelblatt. In: Lichtwark, Alfred: Hermann Kauffmann und die Kunst in Hamburg von 1800-1850. München 1893. Digitalisat von 2013. © Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN670034223 (CC BY-SA 4.0 [https://creativecommons.org/licences/by-sa/4.0/deed.de])

Mit ihrer Ausstellung wollten Kunstverein und Kunsthalle die Aufmerksamkeit wieder auf die Hamburger Kunst in der Biedermeierzeit richten. Die Schau wurde ein großer Erfolg. Die Besucher fragten nach einem Katalog; doch diesen gab es nicht. So kam der Kunstverein auf die Idee, zum zweiten Mal in seiner Geschichte, eine gedruckte Jahresgabe an die Mitglieder zu verteilen. Alfred Lichtwark verfasste ein Buch über Hermann Kauffmann und bettete ihn in die Kunst in Hamburg von 1800-1850 ein (Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=196592658). Damit leistete er wahre Pionierarbeit, denn über diese Epoche gab es bisher keine Publikation geschweige denn eine wissenschaftliche Abhandlung. 1893 erschien sein Buch als Jahresgabe für 1891/92. Auf neun Seiten führt Lichtwark in die Kunstszene ein; getrennt nach den Gattungen Architektur, Gartenbaukunst, Bildhauerei, Medaille, Malerei. Danach widmet er sich auf weiteren zehn Seiten des Vereinslebens in Hamburg. Erstmals wurden die vielfältigen Institutionen in der Hansestadt beschrieben, die sich um die Pflege der Kunst kümmerten. Der letzte Punkt dieses Kapitels befasst sich mit den Kunstfreunden, -sammlern und –händlern. Der größte Teil des Buches widmet sich den Künstlern, die Lichtwark in die „lehrende“ und die „junge Generation“ einteilt. Die Hamburger Schule und Hermann Kauffmann nehmen dabei eine gesonderte Stellung mit eigenen Kapiteln ein.

Lichtwarks Verdienst ist die Darstellung zahlreicher damals noch recht unbekannter Künstler – wie beispielsweise Philipp Otto Runge (1777-1810) oder Christian Morgenstern (1805-1867). Aus seinen Texten spricht der Pädagoge. Lichtwark schreibt zielgerichtet für ein kunstinteressiertes Laienpublikum, dessen Wissen und Bedürfnisse ihm gut bekannt sind. Gleichzeitig leistet er mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Kunst in Hamburg. Dass diese ihm am Herzen lag, beweisen kleine Appelle. So schreibt er beispielsweise ein Kapitel über die Kunstsammler: „weil wir noch nicht wieder genügend Sammler haben, steht das Kupferstichkabinett der Kunsthalle einsam da. Und es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Verwaltung sein, auf die Neugründung von Kupferstich- und Handzeichnungssammlungen hinzuwirken“ (S. 21). Insgesamt umfasst die Jahresgabe 122 Seiten. Mit 80 enthaltenen Illustrationen kann man sie als reich bebildert bezeichnen. Gedruckt wurde das Buch in der Münchner Verlags-Anstalt für Kunst und Wissenschaft.

Das Buch scheint bei den Mitgliedern des Kunstvereins gut angekommen zu sein, denn bereits zwei Jahre später entschloss man sich wiederum, eine gedruckte Jahresgabe herauszugeben. Und erneut wurde Alfred Lichtwark als Autor damit beauftragt. Dieses Mal wandte er sich einem Thema zu, dass ihn ganz besonders interessierte: dem Porträt.

1840 hatte der Lithograph Charles Fuchs eine Mappe herausgegeben, die 52 Porträts wichtiger Männer aus der Hamburger Geschichte enthielt. Versehen mit Kurzbiographien zeigt sie Bürgermeister, Ratsherrn, Kaufleute, Geistliche und Gelehrte. Es war die Zeit der nationalen Identitätsfindung, in der das Bewusstsein für die eigene Geschichte wuchs. In der Kunstgeschichte dagegen nahm das Porträt eher ein Schattendasein ein. Deshalb wirbt Lichtwark in seiner 1898 erschienen Publikation „Das Bildnis in Hamburg“ dafür, das Porträt als eigene Gattung zu betrachten. Und wieder leistet er Pionierarbeit. Bis heute sind seine beiden Bände die umfassendste Abhandlung des Themas.


Titelblatt. In: Lichtwark, Alfred: Das Bildnis in Hamburg. 1. Band. Hamburg 1898. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=14636631X © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Lichtwark beschreibt das Porträt als chronologische Entwicklung. In einer längeren Einleitung führt er in die Zielsetzung des Buches ein und beleuchtet das Bildnis in seiner sozialen, politischen und künstlerischen Funktion. Danach folgt der Hauptteil. Nach Jahrhunderten geordnet werden Porträts beschrieben und herausragende Künstler vorgestellt. Als Beispiele wählt Lichtwark vor allem Werke aus den Sammlungen der Hamburger Kunsthalle und des Museums für Kunst und Gewerbe. Auch aus dieser Publikation spricht der Pädagoge. In der Einleitung erläutert er, dass er keine wissenschaftliche Abhandlung verfassen wolle, weshalb das Thema nicht vollkommen behandelt werde. Es sei von vornherein als Jahresgabe für die Mitglieder des Kunstvereins konzipiert und geschrieben worden.

Lichtwark erwog nie eine Zweitverwertung des Materials für eine Verlagspublikation. Ihnen lag die künstlerische Selbsterziehung der Hamburger am Herzen. In der Stadt gäbe es nur noch sehr wenige Porträtmaler, während ca. 100 Fotografen ein gutes Auskommen hätten. Lichtwark zweifelt jedoch die künstlerische Qualität der entstehenden Porträtfotografien an. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er mit den beiden Bänden die Auftragslage der Künstler verbessern wollte, was ihm jedoch nicht gelang. Wissenschaftlich sind die Bücher dennoch von Bedeutung, denn sie stellen nicht nur die erste kunstgeschichtliche Behandlung des Themas dar, sie sind auch deren einzige bis heute, die das Bildnis in Hamburg derart umfassend beschreibt.

Ursprünglich sollte Lichtwark eine komplette Kunstgeschichte der Hansestadt schreiben, doch bereits die Beschränkung auf die Bildnisse wurde zu einem Kraftakt, den der Kunstverein aufgrund des Zeitaufwands und der hohen Kosten kaum bewältigen konnte. So wurde „Das Bildnis in Hamburg“ als Jahresgabe für drei Jahre, 1895-1897, herausgegeben. Die Hamburger Verlagsanstalt und Druckerei A. G. druckte insgesamt über 450 Seiten und 30 ganzseitige Tafeln mit Illustrationen.

Den Jahresgaben des Kunstvereins widmet die aktuelle Ausstellung „Die Kunst ist öffentlich“, die noch bis zum 10. September in der Hamburger Kunsthalle gezeigt wird, einen eigenen Raum. In den Vitrinen liegen dort auch die beiden beschriebenen Publikationen aus dem Bestand der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Ein zweites Exemplar der Bände „Das Bildnis in Hamburg“ kann man sich im Studiensaal von Kupferstichkabinett und Bibliothek ansehen (Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag: 11-17 Uhr, Donnerstag: 11-20 Uhr).

Wer mehr lesen möchte:
Geschichte der klassischen Bildgattungen in Quellentexten und Kommentaren. Bd. 2: Porträt, hrsg. von Rudolf Preimesberger [u. a.]. Berlin 1999
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=251398013

Hamburg ins Gesicht geschaut. Porträts aus fünf Jahrhunderten, hrsg. von Ortwin Pelc. Ausst.-Kat. Hamburg 2015
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=842171681

Hermann Kaufmann. Bilder aus Norddeutschland, hrsg. von Bärbel Hedinger. Ausst.-Kat. Hamburg 1989/90. Hamburg 1989
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=021105030

4. Künstlerbücher: Erik van der Weijde – This is not my book. Leipzig 2016

Der niederländische Künstler Erik van der Weijde hat seit 2003 mehr als 60 Bücher und Fotozines veröffentlicht. Das Buch ist das logische Format für seine künstlerischen Arbeiten. Van der Weijde studierte an der Rietveld Academy und an der Rijksakademie, beide in Amsterdam. Er ist kein Fotograf im herkömmlichen Sinne. Sein Werk steht in der Reihe der Kunst, die Aspekte des Alltagslebens in einen anderen Zusammenhang setzt. Ed Ruscha (*1937) und Hans Peter Feldmann (*1941) wären als Vorbilder zu nennen, doch van der Weijde entwickelt seine eigene Sprache und seinen Stil. Das Büchermachen gehört immanent dazu. Fast alle seine Publikationen erscheinen im eigenen Verlag 4478zine. Auf diese Weise kann er ganz eigenständig die Ausgestaltung, die Materialität und die Ausführung der Publikationen bestimmen.


Homepage des Verlages 4478zine. Quelle: http://www.4478zine.com/2010publications.htm

Erik van der Weijde liebt die Serie. Sie setzt das Einzelwerk in einen Kontext, der wiederum eine Deutung ermöglicht. Auch deshalb ist das Buch das bevorzugte Medium für den Künstler. Seine Fotografien aus dem Alltagsleben, wie z. B. Bauten der Moderne, Bäume, Straßenlaternen, Prostituierte in Brasilien, wo er lebt und arbeitet, Aufnahmen seiner eigenen Familie, werden kontextualisiert. Und auch die Reihe der einzelnen Bücher ergeben einen Zusammenhang.

Einen solchen ergeben die Bücher, deren Titel mit „This is not …“, wie bei Ed Ruschas Publikationen, in großen Lettern auf dem Cover stehen. 2009 erschien „This is not my son“, 2012 „This is not my wife“. Die Reihe widmet sich sehr privaten Themen. Durch den Titel distanziert sich van der Weijde zugleich davon und hebt den behandelten Gegenstand auf eine andere, sachlichere Ebene. Es ist folglich richtig, dass gerade diese Bücher in einem anderen Verlag, nämlich bei Spector Books in Leipzig, erscheinen. 2016 gesellte sich die Publikation „This is not my book“ in diese Serie. Ein Exemplar davon bildet zugleich eine der letzten Neuzugänge der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Der Titel zeigt, wie wichtig das Medium dem Künstler ist.


Titelblatt. In: Erik van der Weijde (*1977): This is not my book. Leipzig 2016. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=859956369 © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Bei der Publikation handelt es sich um ein Künstlerbuch über Bücher und über die Bücher von Erik van der Weijde. Fotografien und Texte wechseln sich ab. Am Anfang steht ein Manifest, das in einer Buchbesprechung von Jan Wenzel in die Folge von Ulices Carrions Manifest „The new Art of Making Books“ aus dem Jahr 1975 gesetzt wird. Erik van der Weijde nennt in seinem Text 15 Gründe für die Produktion von Büchern. Das Buch wird als ideale Möglichkeit der Reproduktion von Fotografien, als eigenes Objekt, ja letztendlich als Bauwerk beschrieben. Am Schluss müssten in die Kontextbildung alle Bücher einfließen, auch die nicht produzierten. Das ist die letzte Aussage des Manifests.

Die weiteren Aufsätze beschreiben die Gegenüberstellung von Text und Bild. Van der Weijde vergleicht den Künstler mit der Position einer Prostituierten, ein Motiv, das auch in seinem fotografischen Werk eine Rolle spielt. Im nächsten Beitrag geht es um die Kosten, die das Büchermachen mit sich bringt. Einen großen Gewinn kann man bei dieser Art von Publikationen nicht erzielen. Meistens handelt es sich um ein Verlustgeschäft. Zugleich ist dieser Aufsatz eine präzise Beschreibung der Bücher van der Weijdes, die weit über jede Bibliographie hinausgeht.

Es schließen sich vier Interviews an, die in Form von E-Mail-Korrespondenzen geführt wurden. Erik van der Weijde spricht mit Jan Wenzel über die Zusammensetzung des Buches und über die Bedeutung der Doppelseite in einem Buch. In einem Gespräch mit Anne König weitet er diese Beziehung auf andere Bücher aus. Einige Titel scheinen, miteinander zu korrespondieren – es gibt ein ständiges Hin und Her zwischen ihnen. Mit Jan Wenzel wiederum geht van der Weijde auf die Bücher Ed Ruschas ein. Im Gespräch werden Gemeinsamkeiten und Gegensätze deutlich. Das letzte Interview schließlich handelt von den nicht vollendeten Buchprojekten. „This is not my book“ endet mit einem Catalogue Raisonné aller Bücher Erik van der Weijdes.

Zwischen den einzelnen Beiträgen stehen jeweils zwei Fotos, die ähnliche Motive zeigen. Es handelt sich dabei immer um eine Aufnahme eines Menschen und einem Bild einer Landschaft oder eines Tieres. Zwischen beiden Fotografien erfolgt das Blättern als verbindendes Element. Der Leser muss also aktiv werden, will er den Zusammenhang herstellen. Das vorletzte Foto ist verschwommen. Man kann nicht erkennen, ob es sich um einen Menschen oder eine Landschaft handelt. Auf der Rückseite erfolgt der Rückzug in das Private. Mit dem Porträt seiner Frau und seines Sohnes schließt er zugleich an die beiden vorherigen Titel der Buchreihe an.

Wer mehr lesen möchte:
Wenzel, Jan: I don’t like trees in particular, but I like photographs of trees“. Über zwei Fotobücher von Erik van der Weijde. In: Camera Austria, 2012, S. 89-90
http://chertluedde.com/wp-content/uploads/2012/09/Camera-Austria-EvdW.pdf

5. WWW-WissensWert: Digitaler Portraitindex

Als sich die wichtigsten Politiker der Welt im Juli zum G20-Gipfel in Hamburg versammelten, fanden die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen in einem vielfach abgesicherten Sperrgebiet statt. Was von der Konferenz bleibt – abgesehen von der Gewalt auf den Hamburger Straßen und die Erinnerung an gewaltfreie Demonstrationen und Aktionen – sind die Verlautbarungen und Beschlüsse, die gemeinsam gefasst an die Öffentlichkeit getragen wurden. Mindestens genauso wichtig sind die Gruppenfotos, für die es gleich mehrere Termine während der zweitägigen Konferenz gab. Sie zeigen die Regierungschefs am Tagungsort oder vor der Elbphilharmonie, vor dem abendlichen Konzert, hier mit ihren Partnern. Aus der Anordnung, den Gesichtern und der Körperhaltung versuchen wir Außenstehende herauszulesen, wie die Beziehungen untereinander tatsächlich waren, wie die Verhandlungen liefen und welche Position jeder Staatschef einnehmen möchte.

Für die Porträts der Frühen Neuzeit gilt das in gleicher Weise, sind sie meist doch ein einziges Relikt einer Person, eines Berufsstandes, einer Institution. Die Frühe Neuzeit setzt für den Portraitindex mit der Erfindung des Buchdrucks ein. Ab 1450 behandelt er vier Jahrhunderte des druckgraphischen Porträts in Europa. Erstellt wurde die Datenbank vom Bildarchiv Foto Marburg im Rahmen eines DFG-Projekts. Das Bildarchiv arbeitete mit neun weiteren Sammlungen (Bibliotheken und Museen) zusammen. Zudem gehören drei assoziierte Partner zu dem Projekt.


Eingangsseite des "Digitalen Portraitindex". Quelle: http://www.portraitindex.de

Das druckgraphische Porträt der Frühen Neuzeit gehört zu den wichtigsten Kunstgattungen dieser Zeit. Im Portraitindex wird sie anhand von 275.000 Porträts und fast 300.000 Abbildungen systematisch erschlossen.

Seit dem 23. Juni 2011 steht der „Digitale Portraitindex“ online frei zur Verfügung. Er startet mit einer Eingangsseite, die im oberen Abschnitt einen Suchschlitz präsentiert. Hier kann man die Datenbank nach gezielten Stichworten im Volltext der Aufnahmen durchsuchen. Eine Recherche nach Hamburg beispielsweise ergibt 614 Treffer. Angezeigt werden sie zunächst in einer Bildergalerie, die die Abbildungen, den Titel und evtl. das Entstehungsjahr angibt. Die Sortierung erfolgt voreingestellt nach der Relevanz. Sie kann in eine alphabetische Auflistung nach dargestellten Personen, nach Künstlern oder chronologisch nach Datierung geändert werden. Die jeweils ersten zehn Treffer werden auf einem Bildschirm angezeigt. Neben der Galerieansicht lässt sich per Klick auf einen zweiten Reiter eine Trefferliste erzeugen.

Klickt man einen Treffer an, so gelangt man zu der vollständigen Aufnahme der Graphik. Dazu gehören Angaben zum Künstler (Zeichner und Stecher), zum Drucker, zum Entstehungsort, zur Technik, zu Maßen (Blatt + Platte), zu einer Beschriftung, zur besitzenden Institution inklusive der Inventarnummer sowie weiterführender Literatur in Abkürzungen. Wenn möglich wird bibliothekarisches Normdatenvokabular aus der Gemeinsamen Normdatei (GND) verwendet. Die Abbildung lässt sich vergrößern, so dass man auch Details der Graphik erkennen kann. Darüberhinaus kann man eine Bestellanfrage für die Verwendung sehr hoch aufgelöster Bilder versenden.

Die Links am rechten Rand führen zu weiteren Einträgen der Künstler oder der abgebildeten Person. Zudem werden Weblinks, z. B. zum Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, zur Wikipedia, der Deutschen Biographie und dem Virtuellen Kupferstichkabinett für jede beteiligte Person angeführt. Der Eintrag im Portraitindex erhält einen angezeigten Permalink damit er in der Forschung zitiert werden kann.


Ergebnisanzeige einer Suche nach „Klopstock“. Quelle: http://www.portraitindex.de/documents/obj/34805053

Neben der Recherche mittels Suchschlitz bietet die Startseite des „Digitalen Portraitindex“ einen Einstieg nach Personengruppen an (z. B. Schriftsteller, Könige, Kardinäle, Frauen). Diese Themenblöcke werden wie kleine Karteikarten, versehen mit einem repräsentativen Bild in der Mitte der Startseite präsentiert. In einer linken Spalte findet man Auflistungen von einzelnen größeren Kategorien Porträtierter (Herrscher, Adel, Geistliche, Berufe, Funktionen, Nachweiszeit, Geschlecht, Person) sowie von Objekten (Künstler, Datierung, Entstehungsort, Technik, Sammlung). Hinter den Begriffen steht jeweils die Anzahl der Treffer in der betreffenden Kategorie. So werden derzeit beispielsweise Werke von 125.756 Künstlern erschlossen. Klickt man diesen Punkt an, erhält man eine nach Künstlern sortierte Galerie oder Trefferliste, die wiederum auf die Einzelaufnahmen verweist. Andere Kategorien werden in der linken Spalte nach dem Anklicken in weitere Untergruppen untergliedert. Auf diese Weise lassen sich u.a. Porträts von Kriminellen herausfiltern, darunter z. B. mehrere Bildnisse von Charlotte Corday (1768-1793), einer französischen Adeligen, die während der Französischen Revolution durch einen Mord an dem radikalen Journalisten und Politiker Jean-Paul Marat (1743-1793) berühmt wurde.

Am 13. Juli 1793 drängte sie sich, bewaffnet mit einem Messer, in Marats Wohnung in der Pariser Rue des Cordelins. Sie erwischte den Revolutionär beim Bade. Corday unterrichtete den Anführer der Jakobiner von einem geplanten Aufstand und nannte ihm die Namen der nach Caen geflohenen Girondisten. Als Marat äußerte, er wolle alle diese Männer hinrichten lassen, erstach Corday ihn brutal. Die Täterin wurde von den Bediensteten aufgehalten und noch in der Wohnung des Opfers verhört. In ihrem Korsett fand man einen Brief an das französische Volk. Charlotte Corday wurde am 17. Juli 1793 auf der Guillotine hingerichtet. Ihre Tat trug nicht dazu bei, Frankreich den Frieden zurückzubringen, den sie sich wünschte.


Ergebnisseite einer Recherche nach Charlotte Corday. Quelle: http://www.portraitindex.de

Viele unterschiedliche Geschichten verbergen sich hinter den Porträts. Ein Bildnis muss immer auch aus seinem Kontext heraus gelesen werden. Die Art der Kleidung der Porträtierten, der dargestellte Ort, die abgebildeten Attribute, sie alle verweisen auf die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten. Untersuchen lässt sich der Einsatz neuer und tradierter Bildformen. Das Medium der Druckgraphik machte eine weitere Verbreitung des Porträts möglich. Die Bildnisse geben zudem Antworten auf die internationale Vernetzung von Künstlern, Druckern und Verlegern.

Der Digitale Portraitindex ist eine der ersten kunstwissenschaftlichen Datenbanken, die Bestände aus unterschiedlichen Sammlungen spartenübergreifend in einem einheitlichen System erschließt. Durch die Nutzung von Normdaten können die Einträge leicht in andere Zusammenhänge eingebunden werden. Dies erleichtert die Erforschung von Fragen zur Ästhetik, Form, Funktion, Distribution und Rezeption von Porträts.

6. Wissenswertes – Ein Ausflug auf die Uhlenhorst

Wer im Jahr 1894 in Hamburg einen Sonntagsausflug plante, der begab sich stadtauswärts auf die Uhlenhorst. Per Dampfschiff konnte man über die Außenalster fahren und im Uhlenhorster Fährhaus einkehren. 1872 war das einfache Gasthaus am östlichen Alsterufer durch einen repräsentativen Neubau, entworfen von Martin Haller (1835-1925), ersetzt worden. Johannes Schwegler pachtete die Gastronomie mit Hotelbetrieb und ließ sie zu einem der beliebtesten Ausflugsziele für die Hamburger werden, wo ebenso Abenddiners, Konzerte, Bälle und Feuerwerke stattfanden.


Max Liebermann (1847-1935): Abend am Uhlenhorster Fährhaus, 1910. Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-1614 © Bildarchiv Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: E. Walford, Hamburg

Machte man sich zu Fuß auf den Weg zurück in die Stadt, so gelangte man auf der Höhe der Auguststrasse zum nächsten Landungssteg der Dampfschifffahrtsgesellschaft. Neben diesem stand seit 1884 eine monumentale Skulptur des Hamburger Bildhauers Bruno Friedrich Emil Kruse (1855-nach 1923). 1894 wurde sie von Wilhelm Anton Georg Dreesen (1840-1926) fotografisch für das Mappenwerk „Die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Umgebung“ festgehalten, das im Verlag von Otto Carl Meissner herausgegeben wurde. Die Druckerei Sinsel & Co. (1885 – mind. 1949 tätig) in Leipzig fertigte einen Lichtdruck von Dreesens Fotografie an.


Sinsel & Co., Leipzig Plagwitz, Drucker; Wilhelm Dreesen, Fotograf; Otto Carl Meissner (Quedlinburg 1819 - 1902 Hamburg), Verleger: "Walkürengruppe (Bruno Kruse). Uhlenhorst“. Aus: "Die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Umgebung". Hamburg 1894, Tafel XVI, rechts, 1894. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 61585c, http://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/sinsel-co-leipzig-plagwitz-wilhelm-dreesen-otto-carl-meissner/walkuerengruppe-bruno © Bildarchiv Hamburger Kunsthalle / bpk

Das Werk zeigt eine Walküre, die einen reitenden Krieger in den Kampf führt. „Der grimmige Reiter gleicht allerdings eher einem sinnigen Turnlehrer und die Walküre einem christlichen Engel, der dem zum Mord ausgesandten Muskelhelden mehr abzuraten als ihn anzufeuern schien. Aber das Roß war zweifellos gelungen. […] Der Kruse-Gips mochte dem Westwind allerdings nur begrenzt standzuhalten und wurde vorübergehend von einem Löwen ersetzt, der aber wie von Thorwaldsens Vater geschaffen war, weniger Leu als Hund. Worauf die Uhlenhorster Bürger grollten und schließlich die nötigen Tausender sammelten und ihre geliebte Walküre in Bronze gießen ließen, worauf der Löwenpudel davonschlich.“ (Hans Leip: Aber die Liebe. Hamburg 1969, S.94)


Sinsel & Co., Leipzig Plagwitz, Drucker; Wilhelm Dreesen, Fotograf; Otto Carl Meissner (Quedlinburg 1819 - 1902 Hamburg), Verleger: "Landungssteg Uhlenhorst-Auguststraße und Walkürengruppe." Aus: "Die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Umgebung". Hamburg 1894, Tafel XVIII, rechts, 1894. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 61587a, http://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/sinsel-co-leipzig-plagwitz-wilhelm-dreesen-otto-carl-meissner/landungssteg © Bildarchiv Hamburger Kunsthalle / bpk

In der Tat wurde die Skulptur 1911 von der Kunstgießerei Lauchhammer in der Niederlausitz gegossen. Seit 1725 war sie eine der führenden Gießereien für kunst- und architekturbezogene Gussschöpfungen, die häufig mit bildenden Künstlern zusammenarbeitete. Drei Meter zwanzig hoch war die Bronze und damit bei einem Spaziergang kaum zu übersehen. Während Alfred Lichtwark (1852-1914) den Bildhauer zu mögen schien – immerhin erwarb er 1888 für die Hamburger Kunsthalle zwei Skulpturen von Bruno Kruse – bewertete Fritz Schumacher (1869-1947) die Walkürengruppe in einem Gutachten vom 24. Februar 1916 negativ, ja er stufte sie sogar als misslungen ein. Daraufhin wurde die Skulptur im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen.

Wer mehr lesen möchte:
Birgit Pflugmacher: Das Uhlenhorster Fährhaus in Hamburg. Max Liebermanns Skizzen und Bilder. Hamburg, Uni, Mag.-Schr., 1995
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=230503578

Henny Wiepking: Uhlenhorst in vier Jahrunderten. Geschichten und Bilder. Hamburg 1969
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=221648526

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im September 2017.

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