WissensWert 06 / 2017

Ihre Bibliothek – qualifiziert, kooperativ, zuverlässig

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2017
 

Inhalt

1. Atelierszenen des 19. Jahrhunderts – Beispiele aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle
2. Die Bibliothek im Juni 2017
3. „To place“ – Ein offenes Künstlerbuch-Projekt von Roni Horn
4. Bücher in Ausstellungen: Torquato Tasso: La Gerusalemme liberata. Venezia 1745
5. WWW-WissensWert: Klexikon – Wikipedia für Kinder
6. Wissenswertes – Fraktur – Aufstieg und Fall einer Schrift

Liebe Leserinnen und Leser!

Wo entsteht die Kunst? WissensWert geht in die Werkstätten der Künstler des 19. Jahrhunderts und stellt Beispiele von Atelierbildern aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle vor. Die Artikel zu Künstlerbüchern sollen bereits auf die Ausstellung einstimmen, die ab Dezember in der Galerie der Gegenwart zu sehen sein wird (http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/kuenstlerbuecher). In dieser Ausgabe wenden wir uns den Künstlerbüchern von Roni Horn zu. In der Ausstellung „Sammeln für Hamburg“ wird ab dem 9. Juni auch eine illustrierte Ausgabe von Torquato Tassos „La Gerusalemme liberata“ aus dem Jahr 1745 gezeigt. WissensWert beschreibt die beiden Bände in der Reihe „Bücher in Ausstellungen“. Die Rubrik „WWW-WissensWert“ befasst sich in diesem Monat mit einer Internetquelle, die besonders die Kinder anspricht. „Klexikon“ ist eine Art „Wikipedia“ für Sechs- bis Zwölfjährige, in dem es auch Artikel zur Kunst gibt. In „WissensWertes“ schließlich geht es um den Klassiker der deutschen Typographie – um die Frakturschrift, die viele junge Menschen heute gar nicht mehr lesen können. WissensWert erklärt, warum das so ist, und beschreibt den Aufstieg und Fall dieser Schrift.

Immer wieder wird von Ihnen die Frage gestellt, ob und wo die in WissensWert genannten Bücher genutzt werden können. Möglich ist dies für jeden kostenlos im Studiensaal von Kupferstichkabinett und Bibliothek. Die Öffnungszeiten sind dienstags, mittwochs und freitags von 11-17 Uhr, donnerstags von 11-20 Uhr. Illustrierte Bücher, Künstlerbücher und die Medien der Sondersammlungen der Bibliothek können zu den Zeiten der Graphikvorlage eingesehen werden. Diese findet dienstags, donnerstags und freitags von 14-17 Uhr statt.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin der Bibliothek

1. Atelierszenen des 19. Jahrhunderts – Beispiele aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle

Im 19. Jahrhundert war der Blick in das Atelier des Künstlers ein überaus beliebtes Motiv. Überliefert sind eine unüberschaubare Anzahl unterschiedlicher Gemälde, Zeichnungen und Graphiken mit Atelierszenen.

Das Motiv an sich war gar nicht neu. Bereits aus der Antike gibt es Darstellungen der Legende des Künstlers Pygmalion, die der Dichter Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.) in seinen „Metamorphosen“ schildert (Buch 10, Vers 243 ff.). Sie werden zum Sinnbild einer Verschmelzung von Kunst und Leben. Die klassischen Atelierbilder der nachfolgenden Jahrhunderte bestanden im Wesentlichen aus Darstellungen eines Modells im Werkraum des Künstlers. Mitunter war dieser auch selbst abgebildet. Häufig wurde die Szene zudem durch ein Bild im Bild ergänzt. In der Tradition der christlichen Kunst steht der Heilige Lukas als Schutzpatron der Künstler an der Staffelei und malt die Gottesmutter. Dieses religiös motivierte Atelierbild findet man erstmals in der Ostkirche auf Ikonen. Im Zuge der Renaissance erhielten die Atelierszenen einen mythologischen Charakter. Im 17. Jahrhundert überwog eine allegorische Darstellung des immer gleichen Motivs des Malers und seines Modells, seiner Muse. Mit der Aufklärung wandelte sich das Atelierbild im 18. Jahrhundert. Der Künstler in seiner Selbstdarstellung wird zum Mittelpunkt, das Atelier zum kreativen Raum.

Mit der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich nun die Position des Künstlers radikal. Die klassischen Auftraggeber (Fürsten oder die Kirche) brachen weg. Die Künstler mussten sich neue Geldgeber suchen. Sie wandten sich an das aufkommende Bürgertum. Damit veränderten sich auch die Motive. Das Fürstenportrait wurde von der Darstellung von Menschen aus dem Bürgertum und Volk sowie von der Selbstdarstellung des Künstlers abgelöst. Die Atelierszenen wurden dem religiösen, mythologischen und allegorischen Kontext enthoben.


Georg Friedrich Kersting (1785-1847): Caspar David Friedrich in seinem Atelier, 1811. Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-1285, http://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/georg-friedrich-kersting/caspar-david-friedrich-seinem-atelier © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: E. Walford, Hamburg

Der Arbeitsraum des Künstlers wurde zu einem stillen Ort der Inspiration und schöpferischen Aktivität. So auch in dem Gemälde Georg Friedrich Kerstings (1785-1847), der 1811 das Atelier seines Freundes Caspar David Friedrich (1774-1840) festhielt. Der Betrachter blickt in einen weitestgehend leeren Raum. Eine Staffelei, ein Stuhl und ein Tisch sind die einzigen sichtbaren Möbelstücke. Malutensilien hängen an der Wand und liegen auf dem Tisch vor der Staffelei. An dieser sitzt der Maler. In der linken Hand hält er eine Palette. Mit der rechten arbeitet er auf den Malstock gestützt an einem Landschaftsbild. Das Atelier wird von Kersting als abgeschlossener intimer Raum dargestellt. Der Blick nach draußen wird nur in die Wolken gestattet. Ein Fenster ist zum Teil verhängt, das andere ganz abgedunkelt. Nichts soll den Künstler in seiner intensiven einsamen Arbeit stören. Er schöpft aus der Bilderwelt in seinem Innern, denn nirgendwo ist eine Vorzeichnung für das entstehende Bild zu sehen. Das Gemälde Kerstings zeugt von einem innigen Dialog zwischen Maler und Kunstwerk.

Ganz anders sieht das Atelier des Hamburger Malers Erwin Speckter (1806-1835) aus. Dieser wuchs zusammen mit seinem fast zwei Jahre jüngeren Bruder Otto (1807-1871) im künstlerischen Milieu auf. Sein Vater Johann Michael (1764-1845) besaß eine Steindruckerei, die Otto Speckter später übernehmen sollte. Erwin jedoch ging 1825 zum Studium an die Akademie nach München, wo er bis 1827 von Peter von Cornelius (1783-1867) unterrichtet wurde. Genau in diese Studienzeit fällt das kleine Aquarell, das den Künstler in seinem Atelier zeigt.


Erwin Speckter (1806-1835): Das Atelier Erwin Speckters in München, 1826. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 30285 © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: C. Irrgang

Eine Staffelei ist hier nicht zu sehen. Der Maler sitzt an einem Tisch und liest. Sein Atelier ist zugleich die Schlafstube. Man sieht eine Kommode, auf der Bücher und mehrere Gefäße sowie ein Blumentopf stehen. Das Bett ist gemacht. Auf dem davor stehenden Stuhl liegen Kleidungsstücke. Es gibt einen Nachttisch mit Lampe, über dem die Schultasche an der Wand hängt. Alles im Raum ist wohl geordnet, ganz entgegen der landläufigen Meinung, wie es in einem Künstleratelier auszusehen habe. Die Wand ziert neben einem Spiegel und diversen Bildern auch ein Kreuz. Auffällig ist am rechten Bildrand ein großer Ofen. Einen solchen findet man häufig auf den sonst eher ärmlich gestalteten Lebens- und Arbeitsräumen der Künstler. Der Ofen symbolisiert dann die schöpferische Intensität als „Seele des Ateliers“.

Ebenfalls einen Einblick in seine Schlafstube bietet Victor Emil Janssen (1807-1845). Wie Erwin Speckter ging auch Janssen aus Hamburg nach München, um dort an der Akademie zu studieren. Der Künstler, der an Schwindsucht litt, zeigt sich auf seinem Atelierbild selbst. Groß beherrscht er die Bildmitte, steht dort mit freiem Oberkörper an der Staffelei. Selbstbewusst stützt er den rechten Arm in die Hüfte und wirft dem Betrachter einen kritischen Blick zu. Dieser erhält Einblick in eine intensive Schaffensphase. Was der Linkshänder genau malt, ist nicht zu erkennen, da die Leinwand nur mit einer winzigen Ecke zu sehen ist. Im Hintergrund steht das gemachte Bett, im Vordergrund eine Schublade und eine Schrankoberfläche mit diversen Gegenständen aus der Natur. Die dort abgebildete blaue Blume verweist auf die Romantik, zu deren Ikone Janssens Künstlerselbstbildnis wurde (www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/victor-emil-janssen/selbstbildnis-vor-der-staffelei).

Eine ganze Reihe Künstler aus Hamburg zog es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach München. Um Andreas Borum (1799-1853) bildete sich 1829 eine kleine „Künstlerkolonie“. Zu ihr gehörten Victor Emil Janssen als auch Hermann Kauffmann d. Ä. (1808-1889). Kaufmann, der später zum Hauptvertreter der Hamburger Schule wurde, studierte 1827-1833 bei Peter von Hess (1792-1871). Wie auch Erwin Speckter malte er während seiner Studienzeit eine Atelierszene. Bestimmt war das Gemälde als Geschenk für seine Eltern in Hamburg.


Hermann Kauffmann (1808-1889): Hermann Kauffmann und Georg Haeselich in Kauffmanns Münchner Atelier, 1830. Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-2811 © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: E. Walford, Hamburg

Das Bild zeigt den Künstler und seinen Freund Georg Haeselich (1806-1894) im Atelier. Licht fällt durch ein links oben dargestelltes Fenster, das den Blick auf die Türme der Münchner Frauenkirche freigibt. Am rechten Bildrand steht eine Staffelei mit einer Zeichnung. Der Künstler sitzt in der Bildmitte auf einem Stuhl und blickt seinen Besucher ernsthaft an. Dieser steht an einen Tisch gelehnt, auf dem u. a. eine Gitarre liegt, und betrachtete weitere Zeichnungen Kauffmanns. Die fachliche Diskussion mit Kollegen war ein wichtiger Bestandteil des Lebens im Atelier. Auch Unterricht wurde mitunter an diesem Ort erteilt.

Ganz im Gegensatz dazu steht ein weiteres Atelierbild eines Hamburger Malers. Martin Gensler (1811-1881) zeigt auf seinem zwischen 1840 und 1850 entstandenen Bild eine Atelierszene gänzlich ohne Künstler. Dominant steht in dem dunklen Raum ein roter Sessel, über dem eine Palette hängt. Die Staffelei befindet sich rechter Hand davor. Sie verdeckt zu weiten Teilen ein Fenster, durch das nur wenig Licht in den Raum fällt. Auf einem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch. Den Raum durchbricht ein Türbogen, der den Blick in das wirkliche Atelier zu begrenzen scheint. Bereits zuvor hatten Künstler Atelierszenen ohne Personen gemalt, z. B. Caspar David Friedrich (Blick aus dem Atelier des Künstlers, rechtes Fenster, 1805/06, http://digital.belvedere.at/objects/871/blick-aus-dem-atelier-des-kunstlers-rechtes-fenster).

Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Blick auf den Atelierraum. Er wurde vom reinen Arbeitsraum zum Kultraum. Ein Bürgertum, das nach strengen moralischen und gesellschaftlichen Regeln lebte, sah in ihm ein Symbol für die Autonomie des Künstlers, dessen Lebensgestaltung es sich gänzlich gegensätzlich zu der eigenen vorstellte. So wurde das Atelier zum idealen Raum, zu einem Ausdruck von Freiheit und Genialität.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen einige Maler, ihre Ateliers regelrecht zu inszenieren. Den Höhepunkt bildete das Wiener Atelier von Hans Makart (1840-1884). Ganz bewusst gestaltete er den Raum als Empfangs- und Verkaufssalon und machte ihn zu einem Gesamtkunstwerk. Von 1869-1884 richtete er öffentliche Besuchszeiten ein, während derer man das Atelier besichtigen konnte. Seine Einrichtungsgegenstände wurden zu begehrten Requisiten. Ein Bespiel dafür ist das von Alfred Lichtwark (1852-1914) beschriebene Makartbouquet, ein Trockenblumengebinde, das in keiner bürgerlichen Wohnung im späten 19. Jahrhundert fehlen durfte (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=195749847). Den Blick in ein Künstleratelier gestatteten auch zahlreiche Atelierszenen. In den 1850er Jahren gaben Berliner Kunstverlage unzählige Kreidelithographien heraus, die ein beliebtes Hochzeitsgeschenk waren. In diese Zeit fällt auch die Graphik von Adolf Menzel (1815-1905), die er für die Beilage des „Deutschen Kunstblattes“, eine 1850 gegründete Kunstzeitschrift, anfertigte.


Adolf Menzel (1815-1905): „Meister Albrecht“ – Dürer porträtiert im Atelier eine Frau mit Kind als Madonna, 1858. Aus: „Deutsches Kunstblatt“, Beilage, Februar 1858. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 28879 © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: C. Irrgang

Sie zeigt eine Atelierszene im historischen Zusammenhang. Albrecht Dürer nimmt hier die Funktion des Heiligen Lukas ein, der eine Frau mit Kind als Madonna portraitiert. Der klassische Maler in seinem Atelier war ein überaus beliebtes Motiv. Es gehörte mit zur Genieverehrung, die im 19. Jahrhundert aufkam.

Das Atelierbild hatte nun voll und ganz ein bürgerliches Publikum erreicht. Wie sehr, das zeigt die damalige Einrichtungsmode. Die Staffelei begann die Salons zu erobern. Es galt als schick, auf einer solchen das neueste Gemälde seiner Sammlung zu präsentieren. Im Laufe der Zeit wurden die Staffeleien immer kleiner. 1881 beispielsweise bot die Kunstanstalt G. W. Seitz in Wandsbek beliebte Nilbilder von Carl Werner (1808-1894) in einem Albumkasten aus Holz an, der auch eine Tisch-Staffelei enthielt (Exemplar in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg: https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=486153304). Andere Verlage machten dies nach. Inzwischen wurden neben Drucken auch Postkarten oder Fotografien extra für die heimische Dekoration produziert, die die Mittelschicht erreichen sollten.

Das 20. Jahrhundert brach mit allem Pomp und Plüsch der Vergangenheit. Die Wohnungen wurden von den aufwändigen Dekorationselementen des 19. Jahrhunderts wieder befreit. Modern wurde die klare schlichte Linie. Das Atelierbild blieb jedoch als Motiv in der Kunst bestehen. Es wandelte sich, wie sich auch die Ateliers veränderten. Die Autoreflexionen der Künstler spiegeln nicht nur den eigenen Beruf sondern ebenso die Gesellschaft wider.

Wer mehr lesen möchte:
Bauer, Ingrid: Das Atelierbild in der französischen Malerei 1855-1900. Köln 1999
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=302010327

Kerrutt, Christiane: Atelierbilder in der deutschen Malerei von 1800 bis 1860. Frankfurt am Main 2002
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=351011226

Mythos Atelier. Von Spitzweg bis Picasso, von Giacometti bis Nauman. Katalog der Ausstellung Stuttgart 2012-2013. München 2012
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=716877759

Pieske, Christa: Atelierlook im bürgerlichen Salon. In: Bildende Kunst und Lebenswelten. Festschrift für Hans Wille. Hamm 1989, S. 181-185
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=01886290X

Topos Atelier. Werkstatt und Wissensform. Berlin 2010
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=599821094

2. Die Bibliothek im Juni 2017

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:
Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Transparentes-Museum/articles/Transparentes-Museum.html

9.6.-17.9.2017
Sammeln für Hamburg. Neuerwerbungen und Schenkungen für das Kupferstichkabinett 2001-2006
Hamburger Kunsthalle, Harzen-Kabinett
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/sammeln-fuer-hamburg

23.6.-10.9.2017
Die Kunst ist öffentlich. Vom Kunstverein zur Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/die-kunst-ist-oeffentlich

Handapparate im Studiensaal:

Die Kunst ist öffentlich

Warten

3. „To place“ – Ein offenes Künstlerbuch-Projekt von Roni Horn

„I don’t want to read. I don’t want to write. I don’t want to do anything but be here. Doing something takes me away from being here. I want to make being here enough. Maybe it’s already enough.”
(Horn, Roni: Making being here enough. In: Roni Horn, inner geography. Katalog der Ausstellung Baltimore 1994, S. 3)

Der Beginn des Textes „Making being here enough“ aus dem Ausstellungskatalog „Inner geography“ von Roni Horn (*1955) macht deutlich, worum es in den Künstlerbüchern der Serie „To place“ geht. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Wahrnehmung wird zum zentralen Motiv.

„Iceland“ steht auf dem Cover eines jeden der elf Bücher, aus denen die Serie mittlerweile besteht. Seit 1990 hat Roni Horn in unregelmäßigen Abständen neue Bände hinzugefügt. Island hat eine vielfältige Bedeutung für die Künstlerin. 1975 kam die gebürtige New Yorkerin zum ersten Mal auf die Insel. Sie fand hier eine Art Sehnsuchtsort – ein Zentrum, wie Jules Verne es in seinem Buch der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ beschreibt. Island unterliegt einem ständigen Wandel. Die ausbrechenden Geysire verändern die Insel permanent. Auch das Klima ist instabil. Das unterstützt Roni Horn bei der Suche nach immer neuen Identitäten. Wenn sie nach Island reist, ist sie alleine unterwegs. Das schärft den Blick auf sich selbst. Und so ist „To place“ ein sehr intimes und persönliches Werk. Die Buchform unterstreicht dies.

Ein Buch ist ein ganz privates Format. Es zeigt eine eigene Individualität. Ein Kunstwerk in Buchform, ein Künstlerbuch also, ist nicht an einen Ort gekoppelt. Es kann sich über die gesamte Welt ausbreiten. Es sucht sich sein Publikum. Durch den Stellenwert, den ein Buch in der Gesellschaft hat, ist es kein einfaches Objekt. Es ist transportierbar, massentauglich und erschwinglich – ein demokratisches Medium, das den ständigen Wandel ermöglicht. Dieser äußert sich sowohl äußerlich als auch innerlich beim Leser. Ein Buch transportiert Informationen und verändert damit die Wahrnehmung des Betrachters. Damit übersteigt ein Künstlerbuch die reine Ansammlung von Wissen. Das Buch ist ein analoges Medium. Seine Inhalte werden auf eine eigene Art und Weise erfahrbar.

Alle diese Punkte sind für Roni Horn wichtig. Sie haben die Künstlerin ganz bewusst die Entscheidung treffen lassen, sich in der Buchform ausdrücken zu wollen. Neben Installationen und Zeichnungen sind die Bücher eine dritte Ebene ihres Werkes.


Horn, Roni (*1955): To place. 11 Bände. 1990-2011. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/SET=10/TTL=10/FAM?PPN=886731895 © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

„To place“ artikuliert in jedem Band einen anderen Aspekt des Verbs in seinem Gesamttitel. Das Substantiv „Ort“ spielt dabei ebenso eine Rolle. Jeder Band ist von seinem Inhalt her eigenständig. Dies drückt sich u. a. in einem eigenen Titel aus. Und dennoch gehören alle Bände zu dem Gesamtprojekt „To place“. Ganz bewusst wurde es als offenes Buchprojekt gestaltet. Der stetige Wandel spiegelt sich auch in der Form wider. Das verbindende Element ist Island. Jeder Band ist ein Dialog zwischen der Betrachterin Roni Horn und dem Blick auf die Insel. „To place“ enthält Reproduktionen von Zeichnungen, Aquarellen, Fotos und Texten (Essays und Geschichten). Alles wurde von der Künstlerin konzipiert. Die Fotos wurden direkt für die Bücher gemacht. Für die meisten Bände wählte Roni Horn ein unbeschichtetes Papier aus. Das Drucken der Fotos auf einem solchen ist schwieriger als auf einem beschichteten Papier, denn es saugt die Farbe förmlich auf. Details, Kontraste und eine gewissen Klarheit gehen dabei verloren. Der Druck jedoch verdichtet die Atmosphäre auf den Fotos und darauf kommt es der Künstlerin an. Für die Darstellung ihrer Texte nahm sie den Bleisatz. Diese ursprüngliche Druckform singuliert die Buchstaben, die einzeln von Hand in den Satz eingefügt werden müssen. Für Roni Horn werden sie damit zur Zeichnung. „Typographical drawings“ nennt sie die Textseiten in ihren Büchern, die ihre reine Aussageform überwinden und eine andere, bildliche Ebene erreichen. Analog dazu werden die Fotografien als „photographic drawings“ bezeichnet. Roni Horn setzt sich damit über die traditionellen Definitionen einer Zeichnung hinweg. Jede Doppelseite in ihren Büchern wird zur Zeichnung, zu einem persönlichen Ausdruck, der mehr transportiert als die reine Information. Das gilt ebenso für ihre weiteren Künstlerbücher. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt insgesamt über 20 verschiedene Exemplare. Die Serie „To place“ wurde ihr in diesem Jahr großzügigerweise von der Künstlerin im Hinblick auf die kommende Ausstellung gestiftet.

Wer mehr lesen möchte:
Neri, Louise; Cooke, Lynne; Duve, Thierry de: Roni Horn. London 2000
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=315442344

Roni Horn, inner geography. Katalog der Ausstellung Baltimore 1994
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=148259480

Roni Horn. Photographien. Katalog der Ausstellung Hamburg 2011
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=656324147

4. Bücher in Ausstellungen: Torquato Tasso: La Gerusalemme liberata. Venezia 1745

„Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen,
Und zaudre noch, es dir zu überreichen.
Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet,
Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte.
Allein war ich besorgt, es unvollkommen
Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun
Die neue Sorge: möchte’ ich doch nicht gern
Zu ängstlich, möcht’ ich nicht undankbar scheinen.“
(Goethe, Johann Wolfgang von: Torquato Tasso. Ein Schauspiel. Zeilen 380-387. In: Goethes Werke. 10. Band. Weimar 1889, S. 120, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=032602995)

Zu Beginn des dritten Auftakts von Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ übergibt der Dichter seinem Fürsten Alfons II., Herzog von Ferrara, ein Buch im Pergamenteinband. Diese Szene passierte tatsächlich in Tassos Leben. Bei dem Buch handelte es sich um sein Meisterwerk. 15 Jahre hatte er an dem Epos „La Gerusalemme Liberata“ gearbeitet. Im April 1574 las er es seinem Herrn vor. Plötzlich war der so intelligente Dichter verunsichert ob der Qualität der Verse. Er ließ das Werk von diversen Geistesgrößen prüfen, was zur Folge hatte, dass er es überarbeiten wollte. Doch nun wurde er krank und musste schließlich in die Psychiatrie eingewiesen werden. Dort erfuhr er, dass 16 Gesänge 1580 von Celio Malaspina in Venedig gedruckt wurden.

Das war die erste Veröffentlichung von „La Gerusalemme Liberata“, einem Epos, das zur Zeit des ersten Kreuzzugs der Christen gegen die Moslems in Jerusalem spielt. Es beginnt mit der Schilderung von Massakern an der christlichen Minderheit. Olindo versucht seine unschuldige Geliebte Sofronia zu retten und liefert sich selbst dem islamischen Herrscher aus. Der christliche König Tankred verliebt sich in die zum Islam übergetretene Clorinda. Während eines Belagerungssturms tötet er sie versehentlich. Kurz vor ihrem Tod lässt sie sich jedoch von Tankred taufen. Erminia stiehlt aus Eifersucht Clorindas Rüstung und wird von christlichen Soldaten angegriffen. Sie fliegt in den nahe gelegenen Wald, wo sie von Anhängerinnen der Zauberin Armida lebt. Doch sie verlässt den Ort wieder und kehrt zu den Christen zurück. Als Tankred schwer verwundet wird, kann sie ihr im Wald erworbenes Wissen nutzen, um ihn zu heilen. Im Lager der Christen fragt Armida nach deren Zielen und verursacht einen Streit unter den Rittern. Armida verwandelt einen Teil der Ritter in Tiere. Als sie den berühmten Rinaldo töten will, verliebt sie sich in ihn und nimmt ihn mit auf ihre Festung. Dort wird er von zwei Rittern gefunden, die ihm einen Spiegel vorhalten. Rinaldo erkennt den bösen Zauber und folgt den Christen, um um Jerusalem zu kämpfen. Armida leidet und hätte fast Selbstmord begangen, wenn Rinaldo sie nicht gefunden hätte. Er überredet sie, zum Christentum überzutreten. Torquato Tasso orientiert sich an der klassischen antiken Dichtung Homers und Vergils. Die Figur der Armida wurde von der Zauberin Alcina in „Orlando furioso“, ein Meisterwerk des italienischen Dichters Ludovico Ariost (1474-1533), beeinflusst.

1581 erschien Tassos Epos in der ersten vollständigen Edition. Angelo Ingegneri gab den Text in Parma und Casalmaggiore, Cremona heraus. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Tassos Name konnte von nun an im gleichen Atemzug mit Ariost und Petrarca (1304-1374) genannt werden. Der Dichter selbst hatte nichts von diesem Ruhm. Sein Leiden war mächtiger als der Erfolg. Er führte ein unruhiges Leben, kehrte immer wieder nach Ferrara zurück und flüchtete nach einiger Zeit in eine andere Stadt. In Rom schließlich vollendete er 1593 die Überarbeitung seines Gedichts, das „Gerusalemme conquistata“. Ein Jahr später starb er im Kloster Sant’ Onofrio, wo er auch begraben wurde. Papst Clemens VII. (1478-1534) sorgte für seine Beerdigung. Auch wenn Torquato Tasso in seinen letzten 20 Lebensjahren kein großes literarisches Werk mehr geschaffen hat, ist er durch „La Gerusalemme Liberata“ unsterblich geworden.


Pallavicino, Carlo (1630-1688): La Gierusalemme Liberata. Drama per Musica = Das Befreyte Jerusalem. In einem Singe-Spiel auff dem Hamburgischen Schau-Platz vorgestellt. [Libretto]. Hamburg 1694. Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=74605033X

1626 wurde der Text ins Deutsche übersetzt. In ganz Europa wurde es ein „Bestseller“. Er inspirierte zahlreiche bildende Künstler (z. B. Jacopo Tintoretto (1519-1594), Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770), Nicolas Poussin (1594-1665), Eugène Delacroix (1798-1863), Moritz von Schwind (1804-1871)) und hinterließ seine Spuren in der Musikgeschichte. 1694 wurde in Hamburg Carlo Pallavicinos Singspiel „Das befreyte Jerusalem“ uraufgeführt. Auch Georg Friedrich Händels Oper „Rinaldo“, die 1711 in London uraufgeführt wurde, fußt auf Tassos Epos.

Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle konnte am 23. Mai 2011 auf einer Auktion ein Exemplar der zweibändigen Ausgabe aus dem Jahr 1745 erwerben. Dabei handelt es sich um üppig ausgestattete Prachtbände, die bei Giovanni Battista Albrizzi (1722-1754 tätig) gedruckt wurden.


Titelblatt. In: Tasso, Torquato: La Gerusalemme Liberata. Bd. 1. Venezia 1745. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=135880637 © Hamburger Kunsthalle/bpk. Foto: C. Irrgang, Hamburg

Albrizzi besaß eine von 94 Druckereien in Vendig. Nachdem der Buchdruck in der Lagunenstadt im 17. Jahrhundert in einer Krise steckte, hatten sich seit ein paar Jahren wieder mehr Drucker angesiedelt. Von Albrizzi ist nur wenig bekannt. Seit 1722 arbeitete er mit bedeutenden Künstlern zusammen und schuf zahlreiche illustrierte Bände.

Den Maler Giovanni Battista Piazzetta (1682-1754) lernte Albrizzi in den 1730er Jahren kennen. Piazzetta gehörte zu den besten venezianischen Künstlern des 18. Jahrhunderts. Seit den 1720er Jahren zeichnete viele Illustrationen für den Buchdruck. So auch von Tassos „La Gerusalemme Liberata“. Gestochen hat er seine Zeichnungen jedoch nie selbst. Piazzetta fertigte 1738 lediglich ein Selbstbildnis als Druckgraphik an. Für „La Gerusalemme Liberata“ griff man auf die Künste von Martin Schedel (1677-1748) zurück, einem österreichischen Künstler, der sein Handwerk in Venedig gelernt hatte. Er setzte Piazzettas Zeichnungen gefühlvoll um.

Entstanden ist auf diese Weise eine Monumentalausgabe, die der Habsburger Regentin Maria Theresia (1717-1780) gewidmet wurde. Das Frontispiz trägt ihr Portrait, gestochen von Francesco Polanzani (1700-1783). Ein weiteres Frontispiz versetzt den Betrachter in Apollos Musenhimmel. Vor einem Baum schweben zwei Engel, das Tondo Brustbild Torquato Tassos haltend. Zur prächtigen Ausstattung des Buches gehören 20 ganzseitige Kupfertafeln, die die einzelnen Gesänge einleiten. Jede Illustration wird von einem Zierrahmen eingefasst. Unterhalb des Bildes sind die Förderer vermerkt, denen die Graphik gewidmet wurde. Jeweils eine Kopfvignette und eine Schmuckinitiale markieren darüber hinaus den Beginn eines neuen Gesanges. Sie tragen dazu bei, dass „La Gerusalemme Liberata“ zu den schönsten Büchern der italienischen Buchkunst des 18. Jahrhunderts zählt.

Die Prachtbände besigeln eine einzigartige Freundschaft zwischen dem Künstler und Verleger. Trotz seines großen internationalen Erfolgs starb Piazzetta neun Jahre später in armseligen Verhältnissen. Sein Freund und Verleger trat für seine Beisetzungskosten ein.

Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle konnte ein sehr gut erhaltenes Exemplar von „La Gerusalemme Liberata“ mit Mitteln der Campe’schen Historischen Kunststiftung erwerben. Zu sehen ist es vom 9. Juni bis zum 17. September 2017 im Harzen-Kabinett in der Ausstellung „Sammeln für Hamburg. Neuerwerbungen und Schenkungen für das Kupferstichkabinett 2001-2016“ (http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/sammeln-fuer-hamburg).

Wer mehr lesen möchte:
Buzzoni, Andrea: Torquato Tasso tra letteratura, musica teatro e arti figurative. Katalog der Ausstellung Ferrara 1985. Bologna 1985
https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=127110011

Cornelius, Peter: Sechs Entwürfe zu Darstellungen aus Tasso’s Befreitem Jerusalem. Berlin 1843
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=787608572

Tasso, Torquato und Pinelli, Bartolomeo: La Gerusalemme Liberata. Roma 1827
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=787608572

Tasso, Torquato und Tempesta, Antonio: La Gerusalemme Liberata. [Roma?] zwischen 1620 und 1630
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=833974300

5. WWW-WissensWert: Klexikon – Wikipedia für Kinder

„Kunst heißt, dass man etwas kann, das nicht jeder kann. Ein Kunstwerk ist dann ein Ding, das zur Kunst gehört. Wer Kunstwerke macht, ist ein Künstler, wer sich mit Kunst auskennt, ist ein Kunstkenner.“

Mit diesen Worten beginnt der Klexikon-Eintrag zur Kunst. Wir befinden uns in der Wikipedia für Kinder. Konzipiert wurde das freie Lexikon im Internet für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Bei dem Klexikon handelt es sich wie bei der Wikipedia um eine Enzyklopädie, also einem Nachschlagewerk. Die Herausgeber unterscheiden diese Form deutlich von beispielsweise einem Lehrbuch, Nachrichtenportal oder Diskussionsforum. Die Artikel sollen kindgerecht sein, das heißt, dass Kinder sie verstehen können sollen. Dazu müssen sie aus der Lebenswelt der Kinder stammen oder daran anschließen. Wie die Wikipedia auch ist das Klexikon eine freie Plattform. Die eingestellten Texte, Bilder oder Filme müssen gemeinfrei oder freilizensiert sein. Nicht nur die Inhalte sind frei, es kann auch jeder bei dem Lexikon mitmachen. Über 100 Autoren haben dies bereits getan, seitdem das Klexikon im Dezember 2014 von der Wikimendia Deutschland ins Leben gerufen wurde. Der Journalist Michael Schulte ist der Projektleiter, der Historiker Ziko van Dijk der Administrator. Es gehört zum Verein ZUM (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet), der Lehrern Internetseiten zur Verfügung stellt, auf denen sie Ideen und Lehrmaterial hochladen können. An der Technischen Universität Dortmund und Technischen Hochschule Köln konnten die Seiten weiterentwickelt werden.

Wie aber funktioniert das Klexikon?


Eingangsbildschirm des Klexikons. Quelle: https://klexikon.zum.de/wiki/Klexikon:Willkommen_im_Klexikon

Die Startseite ist in zwölf Wissensgebiete eingeteilt: Bekannte Leute, Berufe und Wirtschaft, Erdkunde, Essen und Trinken, Geschichte, Glauben und Denken, Körper und Gesundheit, Politik und Gesellschaft, Sport und Spiel, Sprache und Kultur, Tiere und Natur sowie Wissenschaft und Technik. Will man nicht ein Suchwort per Suchschlitz – der übrigens genauso aussieht wie bei Wikipedia – recherchieren, so kann man einfach ein Wissensgebiet anklicken. Jedes steht in einem eigenen gelben Kasten, der den Inhalt kurz zusammenfasst.

Die Bildende Kunst verbirgt sich hinter dem Gebiet „Sprache und Kultur“. Klickt man den Kasten an, gelangt man zu einem Eingangstext, der das Gebiet erklärt und weiter unterteilt. Unter dem Text wurden alle zugehörigen Artikel alphabetisch geordnet aufgelistet. Auf Akropolis folgt Alfred Hitchcock und anschließend Ali Baba. Der Artikel zur Kunst führt allgemein in die Kunst ein. Im Text kann man die blauen Wörter anklicken und zu dem entsprechenden Artikel springen. Unter dem Artikel stehen drei Beispielbilder. Neben einem Stillleben von Anne Vallyer-Coster (1774-1818), sieht man den „Denker“ von Auguste Rodin (1840-1917), der Joseph Beuys (1921-1986) dabei zuzusehen scheint, wie er mit seinem Fahrrad die Stufen des Düsseldorfer Schlossturms herunterfährt. Es fällt auf, dass es nur wenige Einträge zu einzelnen Künstlern gibt. Vielmehr werden allgemeine Begriffe der Kunst erläutert. Was ist eine Statue? Was heißt abstrakt? Was ist Farbe? Und warum gehen Menschen ins Museum?

Neben dem Einstieg über den Suchschlitz oder über Wissensgebiete kann man im linken Menü auch „Alle Klexikon-Artikel“ oder einen „zufälligen Artikel“ anklicken. Klexikon, das die Eule als Tier von Weisheit und Wissen zu seinem Logo gewählt hat, wird von zahlreichen Institutionen, z. B. von dem Bundesfamilienministerium oder der Stiftung Lesen, empfohlen. Der Menüpunkt „Presse“ führt zu Presse- oder Internetartikeln über das Kinderlexikon. „Übers Klexikon“ enthält Informationen zur Entstehung und Ausrichtung. Die Herausgeber rufen dazu auf, für die Arbeit am Lexikon zu spenden oder selbst mitzumachen. Für letzteres gibt es sehr gute, ausführliche und verständliche Hilfeseiten.

Klexikon basiert auf der Wikitechnologie. Wie bei Wikipedia lassen sich Einträge diskutieren. Man kann die Quelltexte einsehen und sich die einzelnen Versionen und Autoren eines Artikels anzeigen lassen. Die Verbindung zur Wikipedia besteht nicht nur visuell im Aufbau der Seiten. Ein Artikel über das Kinderlexikon in der Enzyklopädie weist auch die Erwachsenen auf dessen Existenz hin.


Ergebnisanzeige der Suche nach dem Begriff „Kunsthalle“ im Suchschlitz des Klexikon. Quelle: https://klexikon.zum.de/index.php?search=kunsthalle&title=Spezial%3ASuche

Sucht man dann im Klexikon nach dem Begriff „Kunsthalle“, so gelangt man zu dem Eintrag über Caspar David Friedrich (1774-1840), bei dem die berühmten Gemälde der Hamburger Kunsthalle abgebildet sind.

Wer mehr lesen möchte:
Klexikon.de – Wikipedia für Kinder. Interview. In: Geolino
http://www.geo.de/geolino/mensch/1175-rtkl-interview-klexikonde-wikipedia-fuer-kinder

Schoener, Johanna: Wo bleibt der Pups? Wikipedia für Kinder. In: Zeit online, 14.12.2015
http://www.zeit.de/2015/47/klexikon-internet-kinder-lexikon

6. Wissenswertes – Fraktur – Aufstieg und Fall einer Schrift

Die Frakturschrift besteht aus gebrochenen gotischen Lettern. Die Rundungen der Buchstaben werden nicht in einem Stück ausgeführt. Die Formen weisen Richtungswechsel und Brüche auf. Zudem kennzeichnet die Frakturschrift die Verwendung unterschiedlicher Strichstärken. Eine kalligraphische Vorstufe der Frakturschrift wurde bereits im 15. Jahrhundert von dem Benediktinermönch Leonhard Wagner (1453-1522) entworfen. Eine andere stammt vom Beginn des 16. Jahrhunderts von Vinzenz Rockner, Sekretär der kaiserlichen Kanzlei Maximilian I. (1459-1519). Der Augsburger Hofdrucker Johann Schönsperger (1455-1521) hat sie erstmals für das Gebetbuch des Kaisers verwendet. Die gedruckten Buchstaben werden durch handgeschriebene Schnörkel ergänzt, so dass der Eindruck einer Handschrift entsteht. Kaiser Maximilian I. war ein großer Förderer der modernen Druckkunst. Dennoch scheint der Zeitgeist noch sehr dem alten Medium der Handschrift verbunden gewesen zu sein. Schönsperger druckte zehn Exemplare auf Pergament, von denen jedoch nur acht erhalten sind. Sieben bedeutende Künstler, darunter Albrecht Dürer (1471-1528), schufen Randzeichnungen für ein Exemplar. Dieses wird heute geteilt in Bibliotheken in München und Besançon aufbewahrt. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt ein Faksimile des 1514 erschienen Buches.


Erste Seite. In: Kaiser Maximilians I. Gebetbuch. Mit Zeichnungen von Albrecht Dürer und anderen Künstlern. Faksimiledruck der Kunstanstalt Albert Berger in Wien… Wien 1907. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=610406299 © Hamburger Kunsthalle

Anfang des 16. Jahrhunderts war der Buchdruck gerade einmal knapp 65 Jahre alt. Bisher hatte man Bücher in Antiqua gesetzt, eine Schrift, die durch ihre runden Letter auffällt. Die vorherrschende Sprache der Bücher war die lateinische. Auch das Gebetbuch Kaiser Maximilians I. wurde in Latein gedruckt. Doch bereits das nächste von ihm in Auftrag gegebene Buch besaß einen Text in deutscher Sprache. Vermutlich hat der Kaiser die Geschichte selbst verfasst. Sie handelt von dem Ritter Theuerdank, der sich auf die Reise zu seiner Braut begibt. In der Form eines mitteltalterlichen Epos’ kommt ein modernes Produkt daher, das die aktuellen neuen Gestaltungsmöglichkeiten ausschöpft. Dazu gehört auch die Verwendung der neuen Frakturschrift, die von Schönsperger 1517 für den Druck von 40 Exemplaren verwendet wurde. Der Siegeszug der Frakturschrift beruht nicht alleine auf ihrer Ästhetik. Ihre Letter waren leicht in Blei zu gießen. Ihre regelmäßigen wiederholenden, senkrechten, dicken Abstriche ergaben ein gut leserliches Schriftbild und waren zugleich billiger im Druck, weil sie Papier und vor allem Farbe sparten.

Zukünftig sollte sie sich als Schrift entwickeln, die vorrangig für deutsche Texte genutzt wurde. Die deutschen Texte waren für die meisten Menschen, im Gegensatz zu den lateinischen, verständlich. Genau auf dieser Tatsache fußt die Redensart „Fraktur reden“, die soviel bedeutet wie „Klartext sprechen“. Erstmals findet man den Ausdruck in einer um 1625 gedruckten Schrift, die unter dem Pseudonym Bonifatius Sartorius mit dem Titel „Der Schneider Genug- und Sattsame Widerlegung …“ veröffentlicht wurde. In klaren deutlichen Worten entgegnet der Autor hier einem „Fatz- und Stolknarr“, dem Verfasser dreier Schmähschriften, in denen er sich auf drastische Art und Weise gegen das Schneiderhandwerk geäußert hatte. Sartorius setzte sich auf 46 Seiten für die Ehrenrettung der Schneider ein. Dabei drückte er sich nicht minder offen und deutlich aus. Auf Seite fünf findet sich dann die Formulierung „auch fein mit grober Fraktur hindten auff den Buckel schreiben köndte“, auf die die Redensart zurückgeführt wird (digitalisierte Fassung der SLUB Dresden: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/98300/7/0/). Klartext sprach auch Martin Luther (1483-1546). Er setzte die Frakturschrift als Gegenschrift gegen die von der römisch-katholischen Kirche verwendete Antiqua ein und machte sie damit zur Reformationsschrift.


Koch-Fraktur: Vollständiger Zeichensatz (ohne Ligaturen). By Tanneneichhorn. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/b/bd/Vollst%C3%A4ndiger_Zeichensatz_%28ohne_Ligaturen%29_Koch-Fraktur.png

Im 19. Jahrhundert wurde die Redensart, Fraktur zu reden oder zu schreiben, von den Sozialdemokraten politisch genutzt. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde die Fraktur für den Buchdruck verwendet. Im Zuge der Internationalisierung war die Schrift jedoch für viele wissenschaftliche Publikationen nicht mehr gebräuchlich. Man setzte eher die international anerkannte Antiqua ein. Die Nationalsozialisten förderten zunächst die als deutsche Schrift bekannte Fraktur. Ab Juni 1933 wurde sie vom Reichsinnenministerium für die Drucksachen der Behörden eingeführt. Die Aktion scheiterte jedoch an der Umstellung der Schreibmaschinen. Daraufhin verloren die Nationalsozialisten das Interesse an der Schrift. Ab 1940 verfügten sie, alle für das Ausland erstellten Texte in Antiqua drucken zu lassen. Am 3. Januar 1941 erklärte das Regime per Erlass, die der Fraktur ähnliche Schwabacher Schrift zur „Judenschrift“. Damit war auch die Fraktur unerwünscht und wurde letztmalig 1941 für den „Duden“ verwendet. Adolf Hitler selbst ordnete nun an, die Antiqua für Druckerzeugnisse zu nutzen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich der Siegeszug der Antiqua fort. Allein einige Klassiker-Ausgaben oder die Werke einzelner Autoren wurden noch in Fraktur gedruckt. Heute werden kaum Drucke in Frakturschrift angefertigt. Im Internet gibt es inzwischen Seiten, die Anleitung und Hilfe für das Lesen der Schrift geben (z. B. http://de.wikihow.com/Frakturschrift-lesen). In Bibliothekskatalogen wird häufig in einer Fußnote der Titelaufnahme hingewiesen, dass ein Buch in Fraktur gedruckt wurde. In der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle werden derzeit 199 Titel aus der Zeit von 1762-1955 sowie zahlreiche Nachdrucke und Faksimiles auf diese Weise gekennzeichnet. Für viele Leser scheiden sie damit als Lektüre aus. Deshalb möchten Bibliotheken diese Texte in Digitalisierungsprojekten mit Texterkennung zugänglich machen. Doch eine automatische Texterkennung per OCR ist bei gebrochenen Schriften nicht so einfach möglich. Im Zuge eines EU-Projektes wurde eine eigene Software entwickelt. Ein aufwändiges Unterfangen, denn für die alten Schrifttypen gibt es häufig keine Entsprechungen bei den Computerschriften, weshalb die Maschine die Schrift vollkommen neu „lernen“ muss. Dies geschieht z. B. anhand von eingespeisten Wörterbüchern. Zudem spielen bei der Texterkennung ein unbekanntes Layout und variierende Rechtschreibregeln eine Rolle. Die Erkennung alter Texte ist für Computer eine richtige Herausforderung. Das ist auch der Grund, weshalb viele digitalisierte Fraktur-Bücher noch nicht im Volltext recherchierbar sind.

Wer mehr lesen möchte:
Die Herausforderung bei der OCR von historischen Dokumenten
http://www.frakturschrift.com/de:fraktur_ocr_challenges

Johann Schönsperger. In: Bertram, Axel: Das wohltemperierte Alphabet. Eine Kulturgeschichte. Darmstadt 2004, S. 164-165

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im Juli 2017.

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