WissensWert 10 / 2017

Ihre Bibliothek – qualifiziert, kooperativ, zuverlässig

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2017
 

Inhalt

1. Künstlerbücher von Christian Boltanski
2. Die Bibliothek im Oktober 2017
3. Provenienzforschung in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle
4. Bibliotheken in Hamburg: Hengeler Mueller-Bibliothek der Bucerius Law School
5. WWW-WissensWert: Beschlagnahmeinventar „Entartete Kunst“
6. Wissenswertes – Erwin Ackerknecht und die deutsche Bibliothekshandschrift

Liebe Leserinnen und Leser!

Archive und Kunst – passen diese beiden Begriffe eigentlich zusammen? Archive symbolisieren ebenso wie Bibliotheken Institutionen der Ordnung. Die Kunst lässt eher an ein kreatives Chaos denken. Dennoch spielen Themen wie Archivierung und Dokumentation im Werk einiger Künstler eine große Rolle. Ein Beispiel dafür ist Christian Boltanski (*1946), dessen Werk sich ganz um die Rekonstruktion der Vergangenheit und der Vergänglichkeit dreht. Er stellte Archive in Album- und Buchform zusammen und publizierte Künstlerbücher als Inventare. WissensWert stellt sie vor.

Christian Boltanski setzt sich immer wieder mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Sie steht auch im Fokus der Provenienzforschung der Bibliotheken. Die Staats- und Universitätsbibliothek zeigt noch bis zum 22. Oktober in der Ausstellung „Schädlich und unerwünscht“, welche Auswirkungen die Zensur der nationalsozialistischen Machthaber auf die Arbeit in ihrer Bibliothek hatte (http://www.sub.uni-hamburg.de/bibliotheken/ausstellungen-und-veranstaltungen/ausstellungsarchiv.html). WissensWert beschreibt im dritten Artikel die Provenienzforschung in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle vor. Die Provenienzforschung hat generell sowohl eine moralische als auch ein rechtliche Dimension. Recht ist das Thema der Hengeler Mueller-Bibliothek in der Bucerius Law School. Nach längerer Pause nimmt WissensWert die Reihe „Bibliotheken in Hamburg“ wieder auf und stellt die Einrichtung vor.

Im fünften Artikel kehren wir zum Nationalsozialismus zurück. Ab 1937 wurden Werke der sogenannten „entarteten Kunst“ aus den Museen beschlagnahmt. Im „Beschlagnahmeinventar ‚Entartete Kunst‘“, einer Datenbank der Freien Universität Berlin, wird der Weg dieser Kunstwerke nachvollzogen.

Wussten Sie, dass es eine eigene Bibliothekshandschrift gab? Sie wurde vor 100 Jahren entwickelt, um die Karteikarten des Zettelkataloges besser lesbar zu machen. Wie sie aussah und welche Verbindungen es zur Sütterlin-Schrift gab, können Sie in der Rubrik „WissensWertes“ lesen.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin der Bibliothek

1. Künstlerbücher von Christian Boltanski

Was ist Ihre früheste Erinnerung? Welche Erinnerungen haben Sie überhaupt – z.B. an ihre Kindheit und Jugend? Wie ausgeprägt sind diese? Was bedeuten sie Ihnen? Wieviel erinnern Sie wirklich? Wie wahr sind Ihre Erinnerungen? Wieviel kennen Sie nur aus Erzählungen? Wieviel erinnern Sie, allein weil es Bilder gibt? Was lösen Erinnerungen in Ihnen aus? Sehen Sie Bilder vor sich? Läuft vielleicht ein Film ab? Hören Sie Geräusche oder Klänge? Kommt Ihnen ein bestimmter Geruch in die Nase? Und welche Gefühle hinterlassen die Erinnerungen?

Erinnern bedeutet laut Duden, dass etwas im Gedächtnis bewahrt wird, das wieder in das Bewusstsein rückt (http://www.duden.de/rechtschreibung/erinnern). Der Auslöser dafür kann sehr unterschiedlicher Natur sein. Selbst ein Geruch genügt, dass man sich plötzlich wieder an eine Situation erinnert, bei der man einen derartigen Duft schon einmal gerochen hat. Im Gehirn befinden sich Dutzende von Erinnerungsarchiven, die jederzeit aktiviert werden können. Erinnerungen sind in der Regel multimedial. Sie sprechen mehrere unserer Sinne an. Auf jeden Fall spielen die Emotionen eine große Rolle. Ein objektives Erinnern ist nicht möglich. Man erinnert sich besonders gut an Situationen, in denen man etwas zum ersten Mal erlebt hat. Deshalb leben an Demenz erkrankte Menschen so häufig in ihrer Vergangenheit. Das Erinnern gehört direkt zur menschlichen Existenz dazu. Verliert man seine Erinnerungen, geht die Persönlichkeit verloren.

Der Künstler Christian Boltanski hat nur wenige präzise Erinnerungen an seine Kindheit. Vieles weiß er, weil es in der Familie tradiert wurde. Und seine Familie hatte ein besonderes Schicksal. Seine Mutter, eine Korsin, kam aus einem katholischen Elternhaus. Die Eltern seines Vaters waren ukrainische Juden. Als die Nationalsozialisten Frankreich besetzten, wurde die Familie, die inzwischen zwei Söhne hatte, immer mehr isoliert. Als es für sie zu gefährlich wurde, ließ sich Boltanskis Mutter offiziell scheiden. Doch das Paar blieb zusammen. Der Vater wohnte für eineinhalb Jahre unter den Dielen der Wohnung, in einem Hohlraum zwischen den Stockwerken eines Patrizierhauses im Quartier Latin in Paris. Der ältere Bruder des Künstlers, Jean-Élie, bekam die Situation bewusst mit. Der kleine Luc Boltanski, später ein bedeutender Soziologe, dachte, der Vater sei verschwunden. Doch immer mal wieder verließ dieser sein Versteck und kam in die Wohnung. So wurde seine Frau gegen Ende des Krieges wieder schwanger und brachte unmittelbar nach der Befreiung von Paris’, am sechsten September 1944, einen Sohn zur Welt, der den Namen Christian-Liberté (Christian-Freiheit) erhielt. Der Vater, der sich nun offiziell wieder in der Stadt bewegen konnte, meldete den Sohn beim Bürgermeisteramt an. Da er keine Ausweispapiere seiner geschiedenen Frau dabei hatte, wurde in der Geburtsurkunde „Mutter unbekannt“ vermerkt. Bald darauf jedoch heirateten die Eltern erneut und Christian Boltanskis Mutter erkannte ihren Sohn offiziell an.

Das Familienleben gestaltete sich in der neuen Freiheit wieder normaler. Doch die Zeiten des Krieges waren allgegenwärtig und prägten das Zusammenleben und die Menschen bis hin zu dem kleinen Christian. Dieser fühlte sich hin- und hergerissen zwischen der christlichen Religion seiner Mutter und dem Judentum des Vaters, auch wenn beides nicht streng gelebt wurde. Er schämte sich, ein Jude zu sein, und wollte sich lieber wie die anderen Kinder als Franzose identifizieren. Dass er sich anders fühlte als die anderen, wurde verstärkt durch die Isolation, in der die Familie weiterhin lebte. Weder die Eltern noch Christian hatten wirkliche Freunde. Keiner in der Familie verließ das Haus alleine. Die Trennungsangst und die Lebensgefahr, die während der Zeit der Besatzung geherrscht hatten, saßen tief.


Cover. In: Boltanski, Christian: L’album photographique de Christian Boltanski 1948-1956. Hamburg [u.a.] 1972. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=518692973 © Hamburger Kunsthalle

So ist es kein Wunder, dass Christian Boltanski sich in seinem künstlerischen Werk zunächst ganz auf die Aufarbeitung seiner Kindheit bezog. 1969 entstanden die ersten Bücher, in denen er versucht, diese zu rekonstruieren. Die kleinen Hefte enthalten Fotokopien von Fotografien oder Dokumenten. Doch Christian Boltanski liebt es, Geschichten zu erzählen. Es blieb nicht bei seiner eigenen. Schon bald rekonstruierte er auch das Leben anderer Menschen. Oftmals wusste er selbst gar nichts von diesen. Allein die Fotografien blieben. Er arrangierte sie so, dass sie etwas über ein Leben aussagen können. Doch lernt man dabei den abgebildeten Menschen wirklich kennen? Christian Boltanski sah eine Ausstellung, die einem verstorbenen Künstler gewidmet war. In den Vitrinen lagen seine persönlichen Dokumente und Gegenstände. Boltanski merkte, wie hohl diese waren, weil sie über den Künstler selbst eigentlich nichts aussagten. Diese Erfahrung prägte Boltanskis Künstlerbücher. Er bildete Dokumente ab, die sein Leben nachstellten – so in dem Buch „L’album photographique de Christian Boltanski 1948-1956“.

Oder er beschränkte sich auf Gegenstände, die jemand besessen hatte – z. B. in „List of exhibits (…)“. Das Leben wurde inventarisiert. In dieser Phase von 1972-1975 entstanden insgesamt 16 Künstlerbücher. Danach gab es eine Pause. Der Künstler widmete sich zehn Jahre lang anderem. Als er 1986 wieder verstärkt damit begann, Bücher zu veröffentlichen, sahen diese vollkommen anders aus. Die Beschäftigung mit dem Tod und der Vergänglichkeit trat in den Vordergrund, z. B. bei „Les Suisses mortes“.

Es gibt zwei Arten von Büchern. Die als Inventare oder Register bezeichneten kleinformatigen Hefte bestehen rein aus Auflistungen von Namen oder Gegenständen. Daneben entstanden größere Bücher mit vergrößerten Reproduktionen von Fotografien. Meistens beschränkt Boltanski sich auf die Gesichter, die den Leser dunkel und fast unscharf, wie durch einen Schleier, ansehen. Anfang der 1990er Jahre kam ein drittes Thema hinzu: Schuld und Unschuld, Opfer und Täter. Gute und schlechte Menschen stehen kommentarlos nebeneinander. In „Sans-Souci“ bildet Boltanski 1991 wie im privaten Fotoalbum Fotografien von SS-Männern ab, die alltägliche Szenen zeigen, wie diese Uniformierten im privaten Umfeld mit ihren Kindern spielten oder das Weihnachtsfest inmitten der Familie feierten.


Titelblatt. In: Boltanski, Christian: Sans-Souci. Frankfurt am Main 1991. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=153265493  © Hamburger Kunsthalle

Das Künstlerbuch „Sterblich“ (1996) enthält Fotografien von Mördern und deren Opfern, die Boltanski aus dem spanischen Magazin „El Caso“ entnahm, einer Zeitschrift, die sich besonders mit lokalen und menschlichen Schicksalen auseinandersetzt. Bereits in zwei Büchern zuvor hatte er mit diesen Fotografien gearbeitet. Nicht alleine die Bilder in Boltanskis Künstlerbüchern sind wichtig. Es ist auch die Kombination zwischen Bild und Text, die im Fokus steht. Schon in dem frühen Buch „L’album photographique de Christian Boltanski 1948-1956“ erweckt der Text Irritationen. Er passt nicht immer zum Bild, beschreibt mitunter etwas, was der Leser gar nicht sehen kann. In einem Künstlerbuch aus dem Jahr 2001 kehrte Boltanski noch einmal zum Anfang seines Schaffens und damit zu seinem eigenen Leben zurück. „La vie impossible“, der Titel des Buches, ist zugleich der Titel seines ersten Films. In diesem hatte er lebensgroße Puppen in den Kleidern seiner Schwester und Mutter in Szene gesetzt. Der Film war Boltanskis erster Auftritt in der Kunstwelt.


Cover. In: Boltanski, Christian: La vie impossible. Köln 2001. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=346934664 © Hamburger Kunsthalle

Das Künstlerbuch „La vie impossible“ ist wie eine Rückblende und ein Ausblick zugleich. Für jede rechte Buchseite montierte der Künstler Fragmente aus seinen Werken zu eigenen Collagen. Auf jeder linken Buchseite steht in knappen Sätzen, was die Nachwelt über ihn und sein Werk in Zukunft schreiben könnte.

Christian Boltanski hört nicht auf, zu sammeln und zu archivieren. Die Themen des Holocausts, des Nationalsozialismus, die Fragen, die Verbrechen jeglicher Art aufwerfen, lassen ihn nicht los. Den Tod hat er bei allem im Blick. „Alles, was Du zu erhalten versuchst, stirbt“, sagte er in einem fiktiven Interview mit der Pariser Kunsthistorikerin Catherine Grenier, das seine Memoiren repräsentiert und 2009 in deutscher Sprache unter dem Titel „Das mögliche Leben des Christian Boltanski“ erschien. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass dieses Buch auch deutsche Leser finde. Seit seiner Beteiligung an der documenta 5 in Kassel 1972, fühlt er sich dem Land sehr verbunden – trotz seiner Familiengeschichte. „Die Deutschen kennen ihre Geschichte“, sagt Christian Boltanski (S. 8). Und diese muss im kollektiven Gedächtnis erhalten bleiben. Die individuelle Erinnerung dagegen kann verblassen, verfälscht werden oder in der Masse der Informationen sterben. Das führt uns keiner eindringlicher vor als der Maler Christian Boltanski, u. a. in seinen Künstlerbüchern.

Wer mehr lesen möchte:
Calle, Bob: Christian Boltanski artist’s books. 1969-2007. [Paris] 2008
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=585660751

Boltanski, Christian und Grenier, Catherine: La vie possible de Christian Boltanski. Paris 2007
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=551454539

Boltanski, Christian und Grenier, Catherine: Das mögliche Leben des Christian Boltanski. Köln 2009
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=600570797

Schüle, Christian: Im Bann der Erinnerung. In: Die Zeit, 8.2.2011, ed. am 18.10.2016
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/02/Erinnerung-Forschung

2. Die Bibliothek im Oktober 2017

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:
Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Transparentes-Museum/articles/Transparentes-Museum.html

15.9.2017-7.1.2018
Lucas Cranach d.Ä., Maler der Reformation
Hamburger Kunsthalle, Alte Meister, Sammlungspräsentation
http://www.hamburger-kunsthalle.de/lucas-cranach-d-ae-maler-der-reformation

20.9.2017-4.2.2018
Melbye – Maler des Meeres
Hamburg, Altonaer Museum
http://www.altonaermuseum.de/de/sonderausstellungen/melbye.htm

29.9.2017-07.01.2018
Wechselblicke. Zwischen China und Europa 1668-1907
Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Kunstbibliothek
http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/kunstbibliothek/ausstellungen/detail/wechselblicke.html

15.10.2017-14.1.2018
Das Licht der Campagna. Die Zeichnungen Claude Lorrains aus dem British Museum, London
Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/das-licht-der-campagna

Handapparate im Studiensaal:
Anita Rée
Art and Alphabet
Künstlerbücher. Die Sammlung

Das Licht der Campagna. Die Zeichnungen Claude Lorrains aus dem British Museum, London
 

3. Provenienzforschung in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle

Zum verantwortungsvollen Umgang mit seiner Sammlung gehört auch eine Kenntnis über deren Herkunft. Zur Verpflichtung diese zu erforschen, wird es in den deutschen Bibliotheken, Archiven und Museen vor allem für die Zeit des Nationalsozialismus, in der zahlreiche Güter und Kunstwerke enteignet wurden. Zur Umsetzung dieser moralischen Verpflichtung dient das Washingtoner Abkommen, das 1998 erstellt und u. a. von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurde. 1999 verfassten die Bundesregierung, die Bundesländer und kommunale Spitzenverbände eine Erklärung zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz. Es folgte die Veröffentlichung einer Handreichung als Orientierungshilfe für die Provenienzforschung in Museen, Bibliotheken und Archiven.

Ein Jahr später war es die Hamburger Kunsthalle, die mit der Einstellung von Ute Haug erstmalig in einem deutschen Museum eine Stelle für diese Recherchen schuf. Durch den Hafen war gerade Hamburg in der Zeit des Nationalsozialismus ein wichtiger Umschlagplatz für enteignete Güter gewesen. Ute Haug nahm ihre Recherchen zunächst für die Kunstsammlung auf. 2006 konnte die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle mit Hilfe einer Studentin mit der Provenienzforschung beginnen. Nike Lepel verfasste ihren Abschlussbericht 2007 in Form einer Diplomarbeit im Rahmen ihres Studiums des Bibliotheks- und Informationsmanagements an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Provenienzforschung für Bibliotheksbestände zu betreiben, ist deutlich aufwändiger als für Gemälde. Ein Gemälde ist ein Unikat, während Bücher in zum Teil hohen Auflagen hergestellt werden und Massenware sind. Eine eindeutige Identifikation ist nur dann möglich, wenn im Exemplar auf den Vorbesitzer direkt hingewiesen wird. Dies kann durch handschriftliche Einträge, wie Namensnennungen oder Widmungen, durch Exlibris oder Stempel erfolgen. Oftmals gibt es keine Erwerbungsunterlagen in den Bibliotheken, die den Vorbesitz verzeichnen. So auch in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Die einzigen verbleibenden Quellen sind die Zugangsbücher und die Exemplare selbst.


Seite aus dem Zugangsbuch des Jahres 1941 der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle

Nikel Lepel konzentrierte sich bei ihrer Arbeit auf die Erwerbungen der Jahre 1933-1945. In dieser Zeit wurden 4.365 Bände in die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle eingearbeitet. Jedes Buch erhielt einen eigenen Eintrag im Zugangsbuch, in dem auch die Quelle verzeichnet wurde. Schnell aussortiert werden konnten Geschenke, die direkt vom Verfasser oder Künstler des Bandes stammten. Das Gleiche galt für aktuelle Literatur aus anderen Museen. Dabei wurde festgestellt, dass der heute als Schriftentausch bezeichnete Zuwachs, in den Büchern nicht immer eindeutig gekennzeichnet wurde. Häufig verwendete man die Formulierung „überwiesen“, die aber ebenfalls für die Weitergabe von Büchern aus anderen Behörden genutzt wurde.

Nach dieser ersten Aussortierung problemloser Fälle, blieben 599 Bände übrig, die in einer eigens erstellten Datenbank festgehalten wurden. Im nächsten Schritt ging es an die Überprüfung dieser Titel. Jedes Exemplar musste in die Hand genommen werden. Bücher ohne einen Hinweis auf ihre Vorbesitzer erhielten den Status „vorläufig abgeschlossen“. Auf diese Weise konnten 477 Bände bereits nach einer ersten Sichtung aussortiert werden. 122 Fälle jedoch blieben übrig, bei denen es Namenseinträge oder Hinweise auf Institutionen gab, die recherchiert werden mussten. Nicht alle diese Bände sind gleich verdächtig, unrechtmäßig enteignet worden zu sein, aber das Gegenteil muss erst einmal bewiesen werden. Manche dieser Recherchen ziehen sich über viele Jahre hin, andere verlaufen bereits nach kurzer Zeit im Sande, weil man nichts oder nur wenig über den notierten Namen finden kann, oder eine gesicherte Identifikation nicht möglich ist. Es gibt aber auch Fälle, die als abgeschlossen bezeichnet werden können. Ein solcher soll hier vorgestellt werden.


Widmung „Emma Droege / from A. P. F. / London July 1869”. In: Leslie, Charles Robert: A hand-book for young painters. London 1855, Vortitelblatt. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=863724035  © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Das Zugangsbuch des Jahres 1941 verzeichnet unter den Nummern 153-155 drei Geschenke, deren Herkunft allein mit „Fräulein Emma Droege“ bezeichnet wurde. Es handelt sich um die Titel:

Emma Droege lebte 1930 in der Sierichstraße 46, so verzeichnet es das Hamburger Adressbuch. In diesem Jahr veröffentlichte sie einen Artikel in der Zeitung „Hamburger Fremdenblatt“, der als früheste Schilderung des Lebens auf der Uhlenhorst bezeichnet werden kann. Emmas Vater Gustav Adolf Droege (1815-1885) war dort einer der ersten Siedler gewesen. 1846 kaufte er ein Grundstück an der Schönen Aussicht. Er betätigte sich zunächst als Landwirt, später eröffnete er ein Freibad und begründete die Alsterdampfschifffahrt. 1848 wurde die Tochter Emma geboren. Sie wuchs zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Helene in einer ländlichen Umgebung auf. Erst ab den 1860er Jahren begann auf der Uhlenhorst eine größere Bautätigkeit. Zuvor war selbst der Weg nach Hamburg, der durch Felder und Wiesen führte, beschwerlich. Die Droeges mussten sich selbst versorgen, denn an ein schnelles Einkaufen in der Hamburger Innenstadt war nicht zu denken. Emma schildert ihre Kindheit als unbeschwert und fröhlich.

Während ihre Schwester mit ihrem Mann Robert Hadenfeld nach England zog, blieb sie in der Hansestadt und wurde Kunstmalerin. Das Museum für Hamburgische Geschichte besitzt ein Gemälde von ihr, das in der aktuellen Ausstellung „Alt-Hamburg Ecke Neustadt. Ansichten einer Stadt um 1900“, die noch bis zum fünften November gezeigt wird, zu sehen ist (http://www.hamburgmuseum.de/de/sonderausstellungen/alt-hamburg-ecke-neustadt.htm). Emma Droege hielt vor allem ihre Heimatstadt in ihren Gemälden fest, was ihre starke Verbundenheit zu Hamburg ausdrückt. Nach dem ersten Weltkrieg ging es ihr leider nicht mehr so gut. Durch die Inflation in den Jahren der Weimarer Republik verlor sie ihr gesamtes Vermögen. Helene Hadenfeld wollte ihr finanziell helfen, doch Emma fühlte sich in England aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse nicht wohl. Da nahm Helene die Bedürftigkeit ihrer Schwester zum Anlass, wieder nach Hamburg zurückzukehren. Mann und Kinder blieben in England. Auch während des Zweiten Weltkrieges verließen die Schwestern ihre Heimatstadt nicht. Nach Kriegsende wollte Helene Hadenfeld nach England zurückkehren, doch sie verstarb mit 91 Jahren, bevor sich dieser Plan umsetzen ließ. 1984 wurden ihre Tagebücher aus den Jahren 1943-1946 veröffentlicht, die sie für ihre Kinder schrieb, zu denen ihr der Kontakt aufgrund des Krieges verwehrt blieb. Emma Droege war da bereits lange tot. Sie starb 1942 eines natürlichen Todes. Ein Jahr zuvor schenkte sie der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle drei Bücher aus ihrem Besitz.

Wer mehr lesen möchte:
Droege, Emma: Als die Uhlenhorst noch eine Wiese war... In: Hamburger Fremdenblatt. 1939

Drössel, Tanja: Die Engländer in Hamburg. 1914 bis 1945. Göttingen 2008
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=558799582

Hadenfeld, Helene: Tagebücher aus den Jahren 1943-1946 geschrieben in Hamburg für die in England lebenden Kinder. Hamburg 1984

Lepel, Nike: „Erwerbungen“ 1933-1945. NS-verfolgungsbedingt entzogene Buchbestände in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Hamburg 2006
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=523569769

4. Bibliotheken in Hamburg: Hengeler Mueller-Bibliothek der Bucerius Law School

Will man die Bucerius Law-School besuchen, fährt man zunächst mit der U-Bahn bis zur Station „Messehallen“. Diese U-Bahn-Station ist eine der vielseitigsten in Hamburg. Mal bietet sie den Zugang zur unendlichen Welt des Handels, mal zu Veranstaltungen der Unterhaltung und Freizeitgestaltung. Von hier starten die Stadtrundgänge zur Streetart, durch Hamburgs größte Freiluftgalerie des Karolinen- und Schanzenviertels. Geht man in die entgegengesetzte Richtung führt der Weg vorbei an großen Gebäuden – auf der einen Seite das Messegelände, auf der anderen Seite die Justizvollzugsanstalt an der Holstenglacis. Hohe Mauern und Stacheldraht schirmen das Untersuchungsgefängnis von der Welt ab. 1877-1881 wurde die Anstalt gebaut, die im Milieu kurz „Dammtor“ genannt wird. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten war sie die zentrale Hinrichtungsstätte der unmenschlichen Machthaber. Von 1936 bis 1944 ermordete man hier 468 Menschen, meist mit dem Fallbeil. Eine Gedenktafel erinnert heute an die Opfer, unter denen sich auch die Lübecker Märtyrer, die katholischen Priester Johannes Prassek (1911-1943), Eduard Müller (1911-1943) und Hermann Lange (1912-1943) und der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink (1894-1943), befanden. An der Mauer in den kleinen Wallanlagen findet man zudem Stolpersteine für zwei Französinnen. Suzanne Masson (1901-1943) und France Bloch-Sérazin (1913-1943) gehörten der Résistance an und leisteten aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Am ersten November 1943 wurden sie im Hof des Untersuchungsgefängnisses hingerichtet. Es ist eine bedrückende Atmosphäre, die sich an der Holstenglacis breitmacht. Folgt man der Straße weiter und umrundet das Institut für Nanostruktur und Festkörperphysik biegt man nach rechts in die Jungiusstrasse ein. Auf der anderen Seite der Kreuzung kann man an der Marseiller Straße schon die Nähe zum Gelände „Planten un Blomen“ erspüren.

Auf der Ecke Marseiller Straße / Jungiusstrasse befindet sich das Gebäude der Bucerius Law School. Die botanische Fakultät hatte hier ihr Institut sowie ein Museum. Im Jahr 2000 zog die private Hochschule für Rechtswissenschaften in die Räumlichkeiten ein. Betritt man den Campus von der Jungiusstrasse aus, so hat man das Gefühl, in die Welt einer amerikanischen Universität einzutauchen. Die Atmosphäre ist ruhig und freundlich. Die Studierenden wirken konzentriert und zufrieden. Kein Wunder, denn auf dem Gelände der Bucerius Law School finden sie alles, was sie für ihr Studium benötigen. Die Hochschule ist als gemeinnützige GmbH organisiert. Sie trägt den Namen des Journalisten und Verlegers Gerd Bucerius (1906-1995). Schließlich wurde sie von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius als erste deutsche private Hochschule gegründet.


Campus der Bucerius Law School in Hamburg © Bucerius Law School

Von Beginn an war den Gründern klar, dass eine Hochschule auch eine Bibliothek braucht. Und so entstand die Bibliothek der Bucerius Law School wenige Tage, bevor die ersten Studierenden eintrafen. Ihren Sitz hatte sie damals in der heutigen Empfangshalle im Hauptgebäude, über dessen Eingangstür noch der Schriftzug des botanischen Instituts steht. Eine funktionierende Bibliothek kann man nicht binnen weniger Tage aus dem Boden stampfen. So mussten sich die ersten Studierenden mit einer eigentlich unbefriedigenden Situation begnügen, die man durch Kooperationen mit der Zentralbibliothek Recht der Juristischen Fakultät der Universität Hamburg sowie mit der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Privatrecht auszugleichen versuchte. Die Kontakte zu den Kollegen im Öffentlichen Dienst blieben, doch in den vergangenen 17 Jahren hat sich die Bibliothek in der Bucerius Law School, die den Namen einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei trägt, zu einem gut funktionierenden Service-Center entwickelt.

„Zentrum hybrider juristischer Information“ steht als Überschrift auf ihrer Homepage, die schon die wichtigsten Charakteristika beschreibt. Thematisch orientiert sich die Bibliothek an den wissenschaftlichen Bedürfnissen von Studium, Forschung, Lehre und Weiterbildung der Hochschule; schließlich ist sie auch nicht öffentlich zugänglich, sondern ganz für die Studierenden, Wissenschaftlichen Mitarbeiter, Professoren und ausländischen Gastforscher da. Ihnen liefert sie aktuelle juristische Informationen jeglicher Art. Da ist es nicht mehr wichtig, wie viele Bände der Buch- und Zeitschriftenbestand vor Ort umfasst. Hybride Bibliotheken sind Einrichtungen, die mit den unterschiedlichsten Medienformen arbeiten – vom gedruckten Buch bis zur Internetressource oder zum E-Book.


Lesessal der Hengeler Mueller-Bibliothek der Bucerius Law School© Bucerius Law School

Der Kunde steht im Mittelpunkt und sein Wunsch nach Informationen wird erfüllt. Das erfordert eine hohe Flexibilität des kleinen Bibliotheksteams. Sechs Vollzeitkräfte – zwei Bibliothekare, eine Fachreferentin und drei Bibliotheksassistenten – betreuen die Hauptbibliothek, die in einem prämierten Gebäude nach Entwürfen des Architekturbüros MPP untergebracht ist, sowie 20 Lehrstuhl- und fünf Institutsbibliotheken. Bibliotheksdirektor Martin Vorberg hält große Stücke auf sein Team, zu dem weiterhin eine Auszubildende zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienstleistungen und drei studentische Hilfskräfte – angehende Bibliothekare des Department Information der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg – gehören. Und er verlangt viel von seinen Mitarbeitern: Genauigkeit, Verlässlichkeit, Kommunikationsfähigkeit und an erster Stelle eine ausgeprägte Dienstleistungsmentalität. Die Kunden sind es gewohnt, einen guten Service zu erhalten, der sie in ihrer Forschung unterstützt.

Die Bucerius Law School ist laut CHE-Ranking die beste juristische Hochschule im deutschsprachigen Raum. Die Studierenden verlassen nach durchschnittlich viereinhalb Jahren die Hochschule als Absolventen. Das bedeutet, dass das Studium sehr fokussiert und konzentriert angegangen werden muss. Die Bibliothek unterstützt die Studierenden dabei durch eine permanente Öffnung und Nutzbarkeit. 540 Arbeitsplätze bietet der Lesesaal im Hauptgebäude. Und wenn es sein muss, kümmert sich das Bibliotheksteam auch um die adäquate Ausstattung mit individuellem Gestühl für die besonderen Anforderungen einzelner Studierender. Im Medienangebot findet man immer mehr elektronische Ressourcen. Diese können auch ohne einen Bibliotheksbesuch per App recherchiert werden. Die Bibliothek passt sich ganz den Arbeitsgewohnheiten ihrer Kunden an.


Homepage der Bucerius Law School Press. Quelle: http://www.law-school.de/deutsch/lehre-forschung/bibliothek-bucerius-law-school-press/bucerius-law-school-press/

Seit 17 Jahren leitet Martin Vorberg die Serviceeinrichtung, mit großer Motivation und Engagement. Er hat das Glück, in der privaten Hochschule umsetzen zu können, was er plant. Seit dem ersten Juli dieses Jahres kümmert sich die Bibliothek um ein neues Aufgabengebiet. Sie ist nun für den hochschuleigenen Verlag, die „Bucerius Law School Press“ verantwortlich – eine Entscheidung, die ganz modern ist. Auch andere Universitätsbibliotheken sind inzwischen verlegerisch tätig, z. B. die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg oder die Universitätsbibliothek Heidelberg und die Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek Dresden auf arthistoricum.net. Die Hengeler Mueller-Bibliothek ist damit ganz am Puls der Zeit. Insgesamt gesehen bietet sie den Hochschulangehörigen und Studierenden ein Rundum-Paket der Informationsversorgung.

5. WWW-WissensWert: Beschlagnahmeinventar „Entartete Kunst“

Am 30. Juni 1937 ermächtigten die nationalsozialistischen Machthaber den Reichskunstkammerpräsidenten Adolf Ziegler, „die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke ihrer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen.“ Vorausgegangen war 1936 ein Verbot jeglicher Kunst der Moderne. Am 14. Juli 1937, also nur zwei Wochen nach dem Erlass, kam eine Kommission in die Hamburger Kunsthalle, um Werke der „entarteten Kunst“ zu beschlagnahmen. Diese wurden nach München gebracht, wo die gleichnamige Ausstellung vorbereitet wurde (Katalog der Ausstellung: https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=266775551). 33 Kunstwerke aus dem Besitz der Hamburger Kunsthalle wurden dort gezeigt, darunter Gemälde von z. B. Lovis Corinth (1858-1925), Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Oskar Kokoschka (1886-1980), Franz Marc (1880-1916), Emil Nolde (1867-1956) sowie Druckgraphiken von Otto Dix (1891-1969), Georg Grosz (1893-1959), Richard Haizmann (1895-1963), Rolf Nesch (1893-1975) und anderen.


Cover. In: Führer durch die Ausstellung Entartete Kunst. Berlin 1937. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/SET=2/TTL=61/SHW?FRST=62

Doch dem nicht genug: Einen Monat später, am 21. August 1937 stand wiederum eine Kommission vor der Tür, um die restlichen Werke „entarteter Kunst“ aus dem Depot der Hamburger Kunsthalle zu räumen. Über 900 Werke brachte sie in ein zentrales Lager im Schloß Schönhausen in Berlin. Darunter befanden sich auch Gemälde von Anita Rée (1885-1933), der die Hamburger Kunsthalle aktuell eine große Retrospektive widmet, in deren Rahmen auch eine Neuauflage des Werkverzeichnisses der Künstlerin erscheint (http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/anita-ree). Wenngleich Hausmeister Wilhelm Werner (1886-1975) die wichtigsten Gemälde u. a. von Anita Rée versteckte, und sie auf diese Weise für die Kunsthalle sicherte, gelangte doch mindestens eines in die Finger der Beschlagnahmekommission. Diese machte auch vor Leihgaben keinen Halt. Von Anita Rée befand sich nämlich gerade eine Leihgabe aus einer Privatsammlung in der Kunsthalle. Auch dieses Gemälde wurde rücksichtslos beschlagnahmt.

Von Rées Zeichnung „Stehender weiblicher Akt“, die sich bis 1937 im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle befand, weiß man, dass sie in Berlin als „international verwertbar“ eingestuft und in eine entsprechende Abteilung im Depot Schloß Schönhausen eingeordnet wurde. Dennoch blieb sie dort bis Ende 1940. Dann kaufte sie die Berliner Buch- und Kunsthandlung Karl Buchholz. Ein Jahr später wurde die Zeichnung von der Buchholz Gallery Carl Valentin in New York übernommen. Wie lange sie dort blieb, wer sie kaufte, und wo sie sich heute befindet, ist leider unbekannt. Aus diesem Grund gibt es auch keine Abbildung des Werkes.


Eintrag: Anita Rée Stehender weiblicher Akt. In: Beschlagnahmeinventar Entartete Kunst“. Quelle: http://emuseum.campus.fu-berlin.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=122705&viewType=detailView

Nachzulesen sind diese Fakten in einer Datenbank der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut widmet sich die Forschungsstelle der Erforschung der Methoden nationalsozialistischer Kunstpolitik. Ein großes Projekt im Rahmen ihrer Arbeit stellt die Erarbeitung des Beschlagnahmeinventars „Entartete Kunst“ dar. Am ersten Februar 2003 begann das von der Ferdinand-Möller-Stiftung und der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Projekt unter der Leitung von Klaus Krüger. Meike Hoffmann übernahm die Koordination. Seit 2016 wird die Erstellung des Inventars von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Die Laufzeit geht zunächst bis zum Ende dieses Jahres. Über 16.000 Kunstwerke wurden bis heute erfasst. Im April 2010 begann man damit, gründlich geprüfte Datensätze online zu stellen. Diese Datenbank im Internet umfasst inzwischen 16.091 Einträge.

Die Datensätze können mit Hilfe eines detaillierten Suchmenüs recherchiert werden. In den Schlitz einer Volltext-Suche können einzelne Begriffe eingegeben werden. Darunter befinden sich Felder, die eine spezifischere Recherche ermöglichen. Künstler, Gattungen / Objektarten, Herkunftsorte, Verlustarten und Ausstellungen sind in einem Dropdown-Menü hiterlegt und können direkt angesteuert werden. Weiterhin gibt es ein Feld für den Titel und eine frühere Inventar-Nummer. Eine sehr ausführliche Suchhilfe gibt wertvolle Tipps für die Formulierung der Suchanfrage. Die Trunkierung beispielsweise erfolgt durch ein Sternchen, Boolsche Operatoren lassen sich mittels Zeichen einsetzen. Auch eine Ähnlichkeitssuche (Unscharfe Suche) ist möglich.

Hat man seine Anfrage abgeschickt, erscheint das Ergebnis in einer Kurzwerkliste, die die wichtigsten Angaben enthält. Wenn vorhanden wird an dieser Stelle bereits ein kleines Bild angezeigt. Je 25 Treffer werden, alphabetisch nach Künstler sortiert, auf einer Seite angezeigt. Darüberhinaus kann man die Anzeige in eine Bildergalerie (Leuchtpult genannt) umschalten.


Ergebnisanzeige einer Suche nach Werken aus dem ehemaligen Besitz der Hamburger Kunsthalle. Nr. 721-726: Werke von Emil Nolde. Quelle: http://emuseum.campus.fu-berlin.de/eMuseumPlus?service=direct/1/ResultLightboxView/moduleContextFunctionBar.navigator.item1&sp=10&sp=Scollection&sp=SfieldValue&sp=0&sp=2&sp=3&sp=Slightbox_2x3&sp=756&sp=Sdetail&sp=0&sp=F&sp=720

Mit Hilfe des Beschlagnahmeinventars „Entartete Kunst“ lassen sich nicht nur betroffene Bestände einzelner Künstler oder Museen rekonstruieren, man kann beispielsweise auch nachvollziehen, welche Kunstwerke am zweiten Juni 1938 im Schulausstellungsgebäude in der Spitalerstraße 6 in Hamburg gezeigt wurden. Dort nämlich wurde ebenfalls eine Ausstellung „Entartete Kunst“ präsentiert. 214 Werke umfasste die Schau insgesamt. Aus der Hamburger Kunsthalle stammten fünf Werke: das Gemälde „Tropischer Garten“ von Josef Eberz (1880-1942), die Skulptur „Weibliche Maske (Männliche Maske)“ von Richard Haizmann sowie Druckgraphiken von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976). Von keinem dieser Werke kennt man den heutigen Standort. Bis 1914 wurden sie vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin gelagert. Richard Haizmanns Skulptur fand ihren Einsatz in dem 1941 gedrehten Propagandafilm „Venus vor Gericht“ von Hans H. Zerlett (1892-1949), der die „Entartete Kunst“ aus der Sicht der Nationalsozialisten thematisierte. Danach verliert sich auch ihre Spur.

Nachlesen kann man all dies in der Datenbank „Beschlagnahmeinventar ‚Entartete Kunst‘“, die auf diese Weise wertvolle Informationen über Kunstwerke enthält, die von den Nationalsozialisten abgelehnt und verboten wurden und deshalb heute nur noch zum Teil existieren.

Wer mehr lesen möchte:
Anita Rée. Retrospektive. Katalog der Ausstellung Hamburg 2017-2018. München 2017
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=885134583

Die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner. Katalog der Ausstellung Hamburg 2011-2012. Hamburg 2011
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=668120746

6. Wissenswertes – Erwin Ackerknecht und die deutsche Bibliothekshandschrift

Wie schrieb man in Deutschland vor 100 Jahren? Seit Beginn der Neuzeit war die Kurrentschrift die allgemeine Verkehrsschrift im deutschen Sprachraum. Dabei handelte es sich um eine schlanke Schreibschrift, die schnell und flüssig geschrieben werden konnte. Im Gegensatz zur runden „lateinischen Schrift“ hatte die deutsche Kurrentschrift spitze Winkel. Entwickelt wurde sie für das Schreiben mit einem Federkiel oder einer Spitzfeder.

In den deutschen Bibliotheken schrieb man die Katalogeinträge zu dieser Zeit üblicherweise von Hand. Auch die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle hat noch handschriftliche Karteikarten in ihrem Zettelkatalog.


Handschriftlicher Eintrag im Zettelkatalog der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Im Jahr 1904 begann der junge Erwin Ackerknecht (1880-1960) eine Anstellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in der Kaiser-Wilhelm-Bibliothek in Posen. Hier fasste er bereits den Entschluss, dass man für die Katalogisierung eine einheitliche Schrift einführen solle. Die Bibliothekare in Posen verwendeten eine englisch-amerikanische Bibliotheksschrift, die Ackerknecht als zu klein empfand. Zunächst jedoch wechselte er 1905 als Bibliothekar an die Stadtbücherei in Stettin. Er baute die Bibliothek zu einer modernen Volksbücherei aus und setzte sich sehr für die deutsche Volksbüchereibewegung ein. Dazu zählte auch die Gründung des Berufsverbandes „Verein Deutscher Volksbibliothekare“. Heute heißen Volksbüchereien öffentliche Bibliotheken und der Verband „Berufsverband Information Bibliothek“.

Doch kehren wir zurück in das Jahr 1906. Erwin Ackerknecht begann nun mit der Entwicklung einer eigenen deutschen Büchereihandschrift. 1914 lernte er Ludwig Sütterlin (1865-1917) kennen, der ebenfalls an dem Entwurf für eine einheitliche Schrift saß. Das preußische Kultusministerium hatte ihn 1911 damit beauftragt, eine Schönschrift für Schulen zu entwickeln. Sütterlin und Ackerknecht fanden viele Parallelen in ihren Entwürfen. Allein einige Großbuchstaben der Sütterlinschrift wurden von Ackerknecht negativ kommentiert.


Buchstabentabelle der Sütterlin-Ausgangsschrift, deutsches Alphabet. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AS%C3%BCtterlin-Ausgangsschrift.jpg © By Der Barbar [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Ab 1915 schrieben die preußischen Schüler dann in Sütterlin. Erwin Ackerknecht ließ sich noch vier Jahre länger Zeit, ehe seine Büchereihandschrift in der Weidmannschen Buchhandlung in Berlin erschien, als zweiter Band der Schriften der Zentrale Volksbüchereien. Er selbst hatte in der Zwischenzeit in dieser Zentrale als Dozent für Büchereihandschrift begonnen. In seinem Vorwort erläutert Ackerknecht die Beweggründe. Die neue Schrift solle leicht lesbar, dauerhaft, monumental und für Erwachsene leicht erlernbar sein. Festgelegt wurden in einem Fließtext sieben Komponenten: die Steilheit, Betonung, Größe, Gleichmäßigkeit, Buchstabenhöhe und –breite, Bindung, Wortzwischenräume und Schnörkeligkeit. Dreizehn Schrifttafeln geben sowohl Wortbeispiele als auch Buchstaben- und Zifferntabellen in der neuen Schrift. Die Büchereihandschrift umfasst Klein- und Großbuchstaben sowie die Ziffern null bis neun.


Tafel 6. In: Ackerknecht, Erwin: Deutsche Büchereihandschrift. Berlin 1919. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=135623006

Nach dem Erscheinen von Ackerknechts Buch wurde sie in den Volksbüchereien eingesetzt. Der Autor wünschte sich, dass seine Schrift auch für Museen hätte anregend sein können. Doch Bibliotheken und Museen waren damals noch zu weit voneinander entfernt. In Letzteren setzte man die Ackerknechtsche Schrift nicht ein. Und auch im Zettelkatalog der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle sucht man vergebens Einträge in der deutschen Büchereihandschrift. Ackerknechts Buch dagegen befindet sich seit 1921 im Bestand.

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im November 2017.

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