WissensWert 12 / 2017

Ihre Bibliothek – qualifiziert, kooperativ, zuverlässig

 



Frans Masereel, Die Sonne – München: Wolf, 1920 © VG-Bild-Kunst, Bonn 2017
 

Inhalt

1. Künstlerbücher – die erste Generation: 1957-1975
2. Die Bibliothek im Dezember 2017
3. Bilder vom Aufbau der Ausstellung „Künstlerbücher. Die Sammlung“
4. Bücher in Ausstellungen: Biblia. Das ist: Die gantze H. Schrifft… Lüneburg 1643
5. WWW-WissensWert: Graphikportal
6. Wissenswertes – Die Rückenbeschriftung bei Büchern

Liebe Leserinnen und Leser!

Vor genau 40 Jahren begann die Hamburger Kunsthalle in ihrer Bibliothek mit einem neuen Sammlungsbereich. Fortan kamen systematisch Künstlerbücher hinzu. Die Ausstellung „Künstlerbücher. Die Sammlung“, die WissensWert in seinem dritten Artikel in Bildern begleitet, ist nun eröffnet. Die Früchte der intensiven Sammeltätigkeit, die abteilungsübergreifend erfolgte, sind im 2. Obergeschoss der Galerie der Gegenwart zu sehen. Beachten Sie unsere Führungen durch die Ausstellung, die der zweite Artikel auflistet. Doch zunächst blickt WissensWert zurück in die Geschichte der Künstlerbücher und stellt die erste Generation der Jahre 1957-1975 vor.

Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle umfasst Bücher und Graphiken vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Ausgestellt werden nicht nur die dementsprechend noch jungen Künstlerbücher. In der Sammlung Alte Meister wird in der Lichtwark-Galerie noch bis zum 7. Januar 2018 eine Lutherbibel aus Lüneburg präsentiert. WissensWert stellt sie im vierten Artikel vor.

Seit Dezember 2016 sind weit mehr als 15.000 Werke aus der Hamburger Kunsthalle in der „Sammlung online“ recherchierbar. Die meisten stammen aus dem Kupferstichkabinett und der Bibliothek. Diese Arbeiten auf Papier sind nun erstmals auch über einen Verbundkatalog graphischer Sammlungen im Internet zu finden. „WWW-WissensWert“ nimmt die Suche im neuen „Graphikportal“ unter die Lupe.

Bei den aufgeschlagenen Büchern in einer Ausstellung ist der Buchrücken der am meisten beanspruchte Teil des Mediums. Am Regal wird der Nacken der Leser besonders intensiv gefordert, und das liegt auch an den Buchrücken. Die Gründe dafür erläutert die Rubrik „WissensWertes“.

Das 6. WissensWert-Jahr geht zu Ende. Ich bedanke mich bei allen treuen und neuen Leserinnen und Lesern und wünsche Ihnen Frohe Festtage und einen guten Jahreswechsel.

Viel Vergnügen beim Lesen und Entdecken wünscht

Andrea Joosten
Leiterin der Bibliothek

1. Künstlerbücher – die erste Generation: 1957-1975

Als Dieter Roth (1930–1998) im Jahr 1957 für den Sohn seines Freundes Claus Bremer (1924–1996) ein Kinderbuch entwarf, konnte er nicht ahnen, dass zehn Jahre später zahlreiche Bücher von Künstlern konzipiert wurden. Roth hatte Bremer über die Literatur kennengelernt; vielmehr hatte dieser ihm die Welt der Konkreten Poesie nahegebracht. Eugen Gomringer (*1925) gilt als deren Begründer und auch ihn lernte der in der Schweiz aufgewachsene Roth kennen. Die Schriftsteller der Konkreten Poesie wandten sich gegen einen Sprachverschleiß und forderten einen neuen Umgang mit den Worten. Durch veränderte Kontexte und die Verwendung neuer Sprachsysteme wollten sie auf das Bewusstsein der Leser bzw. Hörer einwirken.

Dieter Roth wurde von dieser Kunstrichtung genauso wie von der Visuellen Poesie, die Texte in Bildformen präsentiert, angeregt. Sein Kinderbuch enthält kein einziges Wort. Grundfarben und –formen beherrschen die Seiten. Durch Ausstanzungen schafft Roth immer neue Durchblicke. Dem Kinderbuch folgte ein Bilderbuch, das auf dem gleichen Prinzip aufbaut, statt dickerer Pappseiten jedoch farbige Folien enthält. Während das Kinderbuch mit einer Spiralbindung zusammengehalten wird, wurden die Folien des Bilderbuchs in einen Ordner geheftet. Der Leser könnte die Reihenfolge des Buches theoretisch verändern und neue Ein- und Durchblicke schaffen. Beide Bücher erschienen zunächst als Unikate ganz privat für einen bestimmten Adressaten. Dieter Roth begann nun aber auch die Herstellung von Künstlerbüchern in größeren Auflagen. Damit kann er als Vorreiter oder Mitbegründer der Kunstgattung Künstlerbuch angesehen werden, bei der der Künstler das gesamte Medium alleine bestimmt und gestaltet.


Dieter Roth (1930–1998): Doppelseite aus dem Kinderbuch. In: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 1: 2 Bilderbücher. Versionen der im Forl. ed, Reykjavik 1957 erschienenen Bücher. Stuttgart und London 1976. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=460408151 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth © Foto: Hamburger Kunsthalle/bpk. C. Irrgang, Hamburg

Roths Künstlerbücher enthalten sowohl Texte als auch Bilder. Mit dem Medium Buch geht der Künstler experimentell um. Kaum ein anderer hat Bücher so exzessiv geschaffen wie Dieter Roth. Sie bilden einen wichtigen Teil seines Oeuvres und sind eigenständige Kunstwerke. Auf diese Definition legen auch die Konzeptkünstler Wert. Diese in Amerika entstandene Kunstform nimmt sich des Buches an, wie zuvor keine andere. Die Künstler sehen in dem Medium die ideale Ausdrucksweise ihrer Kunstauffassung. Sol LeWitt (1928–2007) könnte man als den „Vater der Konzeptkunst“ bezeichnen. 1967 schrieb er die „Paragraphs on Conceptual Art“, 1969 „Sentences of Conceptual Art“. Sie gelten als die Geburtsstunde dieser Kunstrichtung. Die Konzeptkunst reduziert das Objekt auf die Idee, das Konzept des Künstlers. Bereits die Skizze, der Plan, ein Text oder Modell, selbst eine (Bau-)Anleitung wurden zum künstlerischen Oeuvre gezählt; ja mitunter beschränkt es sich auf diese Art von Kunst. Die Idee schließlich ist wichtiger als deren Umsetzung. In den Büchern LeWitts äußern sich seine Ideen in einem Zusammenspiel von Formen und Farben. Der Künstler setzte sich intensiv mit diversen Strukturen auseinander und untersuchte deren Ästhetik. Diese Strukturen können sich in abstrakten Formen oder hervorgerufen durch unterschiedliche Farben äußern (wie z. B. in „Lines & Colors, 1975). Sie können aber auch ganz konkrete Gegenstände betreffen, wie in „Brick wall“, 1977 u. a. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt verschiedene Künstlerbücher von Sol LeWitt.


Sol LeWitt (1928–2007): Doppelseite. In: ders.: Lines & color. Zurich, Bari 1975. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=468347194 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 © Foto: Hamburger Kunsthalle/bpk. C. Irrgang, Hamburg

Als Antwort auf LeWitts erste Definition der Konzeptkunst formulierte Lawrence Weiner (*1942) sein „Statement of intent“. Auch er verweist auf die Idee des Künstlers als zentralem Werk. Diese kann von ihm oder anderen ausgeführt werden, muss es aber nicht. Weiners Künstlerbuch „Statements“ steht ganz im Geiste dieser Kunstauffassung. Es enthält allein sprachliche Anweisungen, Beschreibungen für die Schaffung von Skulpturen und anderen Arbeiten. Das Buch, das 1968 in einer relativ hohen Auflage publiziert und für 1,95 $ verkauft wurde, gilt als wegweisend für die Konzeptkunst und gehört zu den ganz großen Klassikern der Künstlerbuchgeschichte. Neben Sol LeWitt und Lawrence Weiner sind Künstler wie Robert Barry (*1936), Douglas Huebler (1924–1997), Robert Morris (*1931) sowie auch die Hamburger Künstlerin Hanne Darboven (1941–2009) Vertreter der Konzeptkunst.

Unterschiedliche Strömungen der Avantgarde der 1960er Jahre werden in ihr vereint. So auch die Werke von Ed Ruscha (*1937), der mit seinen frühen Fotobüchern für Aufregung in der Buch- und Kunstwelt sorgte. Dabei bezeichnet sich Ruscha selbst gar nicht als Fotokünstler. Doch seine fast immer gleich gestalteten Künstlerbücher enthalten ausschließlich Fotografien. Alles begann mit 26 verschiedenen Tankstellen (Twenty-six Gasoline Stations), die Ruscha zwischen Los Angeles und Oklahoma fotografierte. Jede Buchseite des 1963 erstmals erschienenen Buches zeigt ein Objekt. Der Titel auf dem Pappeinband des Paperbackbandes beschreibt exakt den Inhalt. Das Buch enthält das dort Angekündigte – nicht mehr und nicht weniger. Ruscha führt diese Bücher fort. Aus Tankstellen werden Apartments, kleine Feuer, Baby und Kuchen und vieles mehr. Bei genauem Hinsehen offenbart sich der trockene Humor des Künstlers. Für den Buchmarkt waren Ruschas nüchterne Bücher eine Zumutung und Provokation. „Twentysix Gasoline Stations“ wurde von der Library of Congress, an das ein Exemplar im Zuge des amerikanischen Pflichtexemplarrechts gesandt wurde, aufgrund seiner unorthodoxen Form und des wenig informativen Inhalts abgelehnt. Ed Ruscha nutzte diese Zurückweisung in einer Anzeige für das Buch in der Zeitschrift „Artforum“.


Ed Ruscha (*1937): Twenty-six Gasoline Stations. Alhambra, CA 1969 (3. ed.). Hamburger Kunstthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=538375213 © Ed Ruscha. Foto: Hamburger Kunsthalle © Foto/bpk. C. Irrgang, Hamburg

Die Bücher der Konzeptkünstler bilden den Ausgangspunkt für die Sammlung in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Wie reich und vielfältig jedoch die Beschäftigung der Künstler mit dem Buch ist, zeigt, dass auch Vertreter vieler anderer Kunstrichtungen mit Beispielen in der Sammlung zu finden sind. So hat auch der Pop Art-Künstler Andy Warhol (1921–1987) Bücher konzipiert und gestaltet, die für eine Zusammenfassung seines Schaffens stehen. Sein „Index (Book)“ ist ein Bombardement von skurrilen Ideen und ein Katalog zu den vielfältigen Werken des Ausnahmekünstlers. Neben Büchern schuf Warhol andere Künstlerpublikationen. Er produzierte und gestaltete Schallplatten und publizierte Zeitschriften. Zum Teil findet man diese anderen Publikationsformen auch in „Andy Warhol’s Index (Book)“, das zahlreiche Beilagen enthält.

Das Buch als Spiel und Experiment führt vor allem in der Kunst des Fluxus zu erstaunlichen Formen, bei denen man durchaus fragen kann, was ein Buch eigentlich ausmacht. Daniel Spoerri (*1930) setzt den Zufall als wichtigste Komponente in den Mittelpunkt seines berühmten, 1966 erstmals in englischer Sprache erschienenen Künstlerbuches „An anecdoted topography of chance. (Re-Anecdoted Version)“ (Anekdoten einer Topographie des Zufalls). Die Frage ist, ob man den Zufall wissenschaftlich beschreiben kann. Das Buch enthält Texte über 80 Alltagsgegenstände, die der Künstler zufällig auf einem Tisch in seinem Hotelzimmer arrangierte. Doch handelt es sich nicht um Beschreibungen, sondern um persönliche Erinnerungen, Zitate, Rezepte etc. Die im Buch enthaltene Zeichnung des Tisches stammt von Roland Topor (1938–1997), der das Möbelstück nur aus telefonisch übermittelten Erzählungen Spoerris kennt. Auch Robert Filliou (1926–1987), Dieter Roth und Emmett Williams (1925–2007), die in weiteren Ausgaben ihre Anmerkungen, Hinzufügungen und Kommentare veröffentlichten, haben den Tisch nie gesehen. Insgesamt gibt es 10 unterschiedliche Ausgaben von Spoerris Künstlerbuch, von dem die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle drei besitzt.


Allan Kaprow (1927–2006): Titelseite. In: ders.: Assemblage, Environments & Happenings. New York 1966. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=469146524 © Courtesy Allan Kaprow Estate and Hauser & Wirth © Foto: Hamburger Kunsthalle/bpk. C. Irrgang, Hamburg

Für die Fluxusbewegung waren Happenings eine viel genutzte Ausdrucksform. Für Alan Kaprow (1927–2006), einen der wichtigsten Vertreter dieser Kunstrichtung, waren sie eine Erweiterung des „Action Paintings“. 1966 veröffentlichte er sein Buch „Assemblage, Environments & Happenings“, in das er den Leser bittet „einzutreten“ wie in ein Theater. In dem Buch erläutert er auf kreative Art und Weise die Charakteristika der neuen Kunstform. Die Erfahrung von Zeit und Raum, unterschiedlichen Klängen, Geräuschen, Gerüchen und Materialien spielt eine wichtige Rolle. Geschaffen werden sollen neue soziale Freiräume. Um diese geht es auch dem deutschen Künstler Jörg Immendorff (1945–2007). Die Publikation „Lidlstadt / Lidlraum“ nimmt sowohl Bezug auf eine Aktion, die Immendorf vom 5. August 1968 bis 10. August 1969 in Düsseldorf durchführte, als auch auf eine Lidlkommune. Das im Selbstverlag in Zeitungsform hergestellte Künstlerbuch besteht aus zusammengehefteten Beschreibungen, Konzepten, Plänen, Fotografien und Berichten.

Schon die wenigen Beispiele machen deutlich, wie die Kunstgattung des Künstlerbuches in den 1960er Jahren geradezu „aus dem Boden schoss“. Das lag sicherlich auch an einer veränderten Produktionsmöglichkeit. Der Offsetdruck machte das Buch erst recht zum Massenmedium, dessen Produktion kostengünstiger möglich war. Die Künstler nutzten diese Chance zur Verbreitung ihrer Ideen und zur Demokratisierung der Kunst. Aus diesem Grund wurden ihre Künstlerbücher in großen Stückzahlen produziert und zu erschwinglichen Preisen verkauft. Dieser Verkauf fand direkt beim Künstler statt. Mit den Künstlerbüchern versuchten die Künstler auch gegen den Kunstmarkt zu protestieren. Sie schufen ihre eigenen Vertriebswege und Ausstellungsräume. Die Bücher wurden zu Ausstellungen erhoben (wie z.B. das „Xerox-Book“). Bei aller Vielfalt gilt jedoch für jedes Künstlerbuch: Das Buch ist ein Kunstwerk.

Wer mehr lesen möchte:
Künstlerbücher. Die Sammlung. Katalog der Ausstellung Hamburg 2017/2018. Hamburg 2017
https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=898947596

2. Die Bibliothek im Dezember 2017

Veranstaltungen:
7.12.2017, 18-19 Uhr
Kuratorinnenführung mit Dr. Petra Roettig
http://www.hamburger-kunsthalle.de/kunstlerbucher-1

9.12.2017, 15-16.30 Uhr
Kunstcaptains (geeignet für Kinder ab 6 Jahren)
http://www.hamburger-kunsthalle.de/kunstcaptains-58

10.12.2017, 15-16 Uhr
Kunstcrew (Familienführung)
http://www.hamburger-kunsthalle.de/kunstcrew-50

10.12.2017, 15-16 Uhr
Öffentliche Führung
http://www.hamburger-kunsthalle.de/offentliche-fuhrung-633

28.12.2017, 18-19 Uhr
Kuratorinnenführung mit Andrea Joosten, im Studiensaal mit der Möglichkeit, in den Büchern zu blättern
http://www.hamburger-kunsthalle.de/kunstlerbucher-2

Hinweisen möchten wir zudem auf:
26.11-10.12.2017 (Mittwochs bis freitags, 14-19 Uhr)
Pop-up Shop Booky McBookface im 8. Salon in der Trommelstrasse 7
Sowie zahlreiche Veranstaltungen rund um das Künstlerbuch
Programm: https://bookymcbookface2017.wordpress.com/

12.12.2017, 19 Uhr
Buchbiographien. Ein Film von Heiko Volkmer, im Abaton-Kino, Allendeplatz 3
https://bookymcbookface2017.wordpress.com/blog/

Bibliotheksbestände in Sammlungspräsentationen und Ausstellungen:
Transparentes Museum
Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie, Erdgeschoß
http://www.hamburger-kunsthalle.de/transparentes-museum

15.9.2017-7.1.2018
Lucas Cranach d.Ä., Maler der Reformation
Hamburger Kunsthalle, Alte Meister, Sammlungspräsentation
http://www.hamburger-kunsthalle.de/lucas-cranach-d-ae-maler-der-reformation

20.9.2017-4.2.2018
Melbye – Maler des Meeres
Hamburg, Altonaer Museum
http://www.altonaermuseum.de/de/sonderausstellungen/melbye.htm

29.9.2017-07.01.2018
Wechselblicke. Zwischen China und Europa 1668-1907
Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Kunstbibliothek
http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/kunstbibliothek/ausstellungen/detail/wechselblicke.html

15.10.2017-14.1.2018
Das Licht der Campagna. Die Zeichnungen Claude Lorrains aus dem British Museum, London
Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum
http://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/das-licht-der-campagna

Handapparate im Studiensaal:
Anita Rée
Künstlerbücher. Die Sammlung
Das Licht der Campagna. Die Zeichnungen Claude Lorrains aus dem British Museum, London
 

3. Bilder vom Aufbau der Ausstellung „Künstlerbücher. Die Sammlung“

Die Ausstellung „Künstlerbücher. Die Sammlung“ umfasst elf Räume, die gesamte Etage des 2. Obergeschosses der Galerie der Gegenwart. „WissensWert“ gewährt Ihnen eine kleine Auswahl erster Bilder der Ausstellung, die während des Aufbaus entstanden.


Der Ausgangs- und Schwerpunkt der Sammlung sind die Werke der Konzeptkunst, z. B. von Sol LeWitt (1928–2007), Ed Ruscha (*1937) und Lawrence Weiner (*1942) – allesamt heutige Klassiker der Künstlerbücher. © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg


Blick auf die Werke der Fluxuskünstler, z. B. Joseph Beuys (1921–1986) und Daniel Spoerri (*1930) © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg


Raum mit Werken des Hamburger Künstlers Claus Böhmler (1939–2017) © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg


Künstlerbücher aus dem Materialverlag, dem Verlag der Hochschule für Bildende Künste Hamburg © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg


Raum der aktuellen Künstler und letzten Erwerbungen der Bibliothek. Der Hamburger Künstler Stefan Marx (*1979) zeigt seine Bücher in einer eigenen Präsentation in Vitrinen und an der Wand. © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

4. Bücher in Ausstellungen: Biblia. Das ist: Die gantze H. Schrifft… Lüneburg 1643

In der Sammlungspräsentation „Lucas Cranach d. Ä., Maler der Reformation“ wird in den Räumen der Alten Meister in der Hamburger Kunsthalle auch eine Lutherbibel aus dem Bestand der Bibliothek ausgestellt. Die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache ist das Hauptwerk Martin Luthers, das er 1534 vollendete. Dabei hatte es bereits zuvor Übersetzungen biblischer Texte gegeben. Von Beginn des Christentums an gab es Teilübersetzungen. In der Frühkirche wurde das Alte Testament vom Hebräischen ins Griechische übersetzt. Das Neue Testament wurde direkt in griechischer Sprache verfasst. Lateinische Bibeltexte gab es ab dem 2. Jahrhundert. Spätestens in der Mitte des 3. Jahrhunderts lag die gesamte Bibel in lateinischer Sprache vor. Durch wen sie übersetzt wurde, ist allerdings unbekannt. Bis zum Jahr 383 entstanden diverse Bibelfassungen, die sich durch regionale sprachliche Sonderformen oder Anpassungen unterschieden. Der Kirchenvater Hieronymus (347–420) schließlich gab im Jahr 383 eine Einheitsbibel in lateinischer Sprache heraus, die sogenannte „Vulgata“. Sie setzte sich im Laufe des Mittelalters für den Gebrauch im gesamten Christentum durch. 1546 beschloss das Konzil von Trient eine offizielle Druckausgabe der Vulgata. Da hatte Luther seine Übersetzung bereits veröffentlicht. Doch auch schon zuvor hatte es volkssprachliche Bibelübersetzungen gegeben, z. B. im 4. Jahrhundert eine Gebrauchsschrift des westgotischen Bischofs Wulfila (311-383). Deutsche Übersetzungen entstanden meist aus der sprachlichen Praxis des Gottesdienstes, z. B. im 8. Jahrhundert auf der Klosterinsel Reichenau. Hinzu kamen Wörterbücher und Glossare zur Erläuterung der biblischen Texte.


Meister der Bibel des Jean de Sy: Eingangsseite. In: Bible historiale. Paris 1375. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, Signatur: Ill. M.S. franz 1-4 © Hamburger Kunsthalle

Im französischen Sprachraum wurde die sogenannte „Bible historiale“ von Guyart des Moulins (1251– um 1322) zur Standardausgabe. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle besitzt einen Band dieser Bibelausgabe in Form einer wertvollen Handschrift, die 1375 für den französischen König Karl V. (1338–1380) gefertigt wurde. 1496 erschien die „Bible historiale“ erstmals im Druck.

Seit dem 14. Jahrhundert gab es immer mehr Übersetzungen. 1485 druckte der Augsburger Drucker Günther Zainer (1430–1478) eine wichtige Neubearbeitung, die als „Zainer-Plenar“ in die Buchgeschichte einging. Zwei Jahre zuvor entstand in Nürnberg die Koberger-Bibel, die große Verbreitung fand. Was also war das Besondere an Luthers Neuübersetzung der biblischen Texte?

Martin Luther (1483–1546) begann mit der Übersetzung des Neuen Testaments im Dezember 1521. Bereits im März 1522 brachte er das Manuskript nach Wittenberg. Er besprach die Texte mit seinen Freunden, darunter Philipp Melanchthon (1497–1560), der über ausgezeichnete Griechisch-Kenntnisse verfügte. Martin Luther kannte die lateinischen Texte der Vulgata sehr gut. Das hatte er in seiner Lehrtätigkeit seit 1513 sowie in seinen bisherigen Schriften hinreichend bewiesen. Für seine Übersetzungen griff er jedoch, erstmals seit der Übersetzung von Wulfila vor ca. 1.000 Jahren, wieder auf den griechischen Originaltext des Neuen Testaments zurück. Hierfür stand ihm eine neue Textausgabe zur Verfügung, die Erasmus von Rotterdam (um 1469–1536) 1519 herausgegeben hatte. Eine weitere Besonderheit ist Luthers Orientierung an der gehobenen Sprechsprache seiner Zeit. Die Grundlage für seine Übersetzung ins Deutsche war die thüringisch-sächsische Kanzleisprache. Damit wollte er eine überregionale Schrift schaffen, frei von sprachlichen Besonderheiten, die man nicht überall verstehen konnte.

Luthers erste Bibel erschien im September 1522 in Wittenberg mit 21 Holzschnitten von Lukas Cranach d. Ä. (um 1472–1553). Sie enthielt zudem mehrere Einleitungstexte, Vorreden, Erläuterungen und Inhaltsangaben, z. B. zu den Briefen des Heiligen Paulus. Obwohl der Preis des Buches dem Wochenlohn eines Handwerkers entsprach, waren die 3.000 gedruckten Exemplare schnell vergriffen. Luther hatte den ersten Bestseller der Buchgeschichte geschaffen. Bereits im Dezember 1522 erschien eine zweite, verbesserte Auflage. In den nächsten elf Jahren sollten weitere 83 Auflagen folgen. In der Zwischenzeit hatte Martin Luther auch das Alte Testament übersetzt, so dass 1534 eine erste vollständige Bibelausgabe bei Hans Lufft (1495–1584) in Wittenberg gedruckt werden konnte. Sie trug den Titel „Biblia, das ist: die ganze Heilige Schrift Deutsch“. Bis 1584 wurden 100.000 Exemplare in zahlreichen Auflagen und Nachdrucken verkauft. Bis zum Tode Martin Luthers wurde der Text 400 Mal neu aufgelegt. Das bedeutete, dass jeder dritte oder vierte Mensch, der des Lesens und der deutschen Sprache mächtig war, ein Exemplar der Lutherbibel besaß.

Die Ausgabe aus der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle, die derzeit ausgestellt wird, wurde ca. 100 Jahre nach der ersten Bibelgesamtausgabe in Norddeutschland gedruckt. Um 1588 hatte der Hamburger Goldschmied und Formschneider Jakob Mores (1540/51–1612) 96 Holzschnitte für die sogenannte „Barther Bibel“ geschaffen. Der auf 168 Graphiken angewachsene und beliebte Bilderzyklus fand danach bei mehreren Druckereien Verwendung, z. B. 1596 in der sechs-bändigen „Biblia polyglotta“, die der Hamburger Drucker Jacob Lucius d. J. (–1616) herstellte.

Seit ca. 1613 wird der Lüneburger Buchbinder und –händler Hans Stern (–1614) die Druckstöcke der Mores-Holzschnitte besessen haben. 1614 begann der Goslarer Drucker Johann Vogt mit ersten Bibeldrucken. Er gab sie im eigenen Verlag heraus oder arbeitete als Lohndrucker für Hans Sterns Söhne Johann (1582–1686) und Heinrich (1592–1665). 1620 verwendeten die „Sterne“ die Mores-Illustrationen für einen ersten Bibeldruck, der der „Biblia polyglotta“ sehr ähnelt.


Haus der ehemaligen Druckerei Stern, Am Sande 31 in Lüneburg © By Clemensfranz (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Seit 1624 betrieben die Brüder Stern eine eigene Druckerei, die ihren Sitz Am Sande 31 in Lüneburg hatte. Die Holzschnitte von Jakob Mores erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Die „Sterne“ verkauften sie und weitere Illustrationen als Klischees an andere Druckereien. Hierfür wurde die Bildseite der Holzstöcke auf einer Gießbleiplatte abgeformt. Diese wurde auf einen Holzunterbau genagelt und auf Schrifthöhe justiert. Ursprünglich wurden Klischees nur für Probeabzüge angefertigt, doch Stern druckte mit Hilfe dieser Technik ganze Bibeln. Die Originaldruckstöcke wurden auf diese Weise geschont, und es ließ sich kostengünstig eine hohe Auflage erzielen.

1614 stellte Stern im Klischeeverfahren eine reich illustrierte Lutherbibel im Folioformat her, die als „Biblia germanica“ bekannt wurde. Bebildert war die Bibel mit den Illustrationen von Jakob Mores. Eine Textillustration im Mittelfeld wurde von vier schmaleren stabförmigen Schmuckelementen und vier breiteren Zierleisten umfasst. Die Bordüren, die ebenfalls von Mores geschaffen wurden, stehen ganz in der Tradition der Spätrenaissance. Der Setzer kombinierte die vier verschiedenen Rahmen mit den Textillustrationen ganz nach eigenem Belieben. Die Brüder Stern waren inzwischen für ihre kunstvollen Lutherbibeln über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Familie war in den Adelsstand erhoben worden. Die Mores-Illustrationen verwendeten sie für 27 Bibelausgaben.


Jakob Mores (1540/51–1612): Holzschnitt auf der Titelseite. In: Luther, Martin: Biblia. Das ist: Die gantze Heilige Schrifft / Deutsch. Lüneburg 1643. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, Signatur: Ill. XVII. Mores 1643-8 © Hamburger Kunsthalle. Foto: A. Joosten, Hamburg

Das Exemplar der Hamburger Kunsthalle ist eine Ausgabe aus dem Jahr 1643. Die voluminöse Vollbibel umfasst ca. 1.500 Seiten. Die Illustrationen von Jakob Mores waren eigentlich längst veraltet. Matthäus Merian (1593–1650) hatte neue Maßstäbe gesetzt. Doch die Käufer liebten Mores’ Holzschnitte. 1672 erschien bei Stern eine weitere Prachtbibel, von dem Hamburger Matthias Scheits (um 1630–um 1700) illustriert. Sie sollte die Mores-Bibel ersetzen; doch es gelang ihr nicht. Noch weitere 28 Auflagen erschienen von dem Bestseller, 13 davon in Lüneburg bei Stern. Hergestellt wurden diese alle im Klischeeverfahren.

Im 18. Jahrhundert wechselte die Druckerei auf die feinere Technik des Kupferstichs. In ihren Hochzeiten beschäftigte Stern sogar 14 eigene Kupferstecher. In der Druckerei standen sieben Buchdruckpressen. Das Ende des Bibeldrucks in Lüneburg lag im 19. Jahrhundert. 1821 wurde die letzte Lutherbibel bei Stern gedruckt. Die Druckerei bestand jedoch weiterhin. Sie ging mit der modernen Zeit der Industrialisierung. 1851 wurde eine Schnellpresse installiert. Im 20. Jahrhundert spezialisierte man sich auf den Zeitungsdruck. Im Jahr 1982 verließ die Druckerei das Haus Am Sande, wo sie mehr als 350 Jahre gewirkt hatte. Bis heute existiert das Unternehmen, inzwischen in der 14. Generation. Die Stern’sche Druckerei in Lüneburg ist damit die älteste in Familienbesitz befindliche Druckerei der Welt.

Wer mehr lesen möchte:
Beutel, Albrecht: Thesen und Testament. Beginn der Reformation, ältere Bibel-Übersetzungen und Septembertestament. In: Die Bibel Martin Luthers. Ein Buch und seine Geschichte. Leipzig, Stuttgart 2017, S. 55-75

Schellmann, Wolfgang: Klischeeverwendung vom 16. bis 18. Jahrhundert im Bibeldruck. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens. Bd. 65. Berlin 2010, S. 157-171

Schmidt, Philipp: Die Illustration der Lutherbibel. 1522–1700. Ein Stück abendländischer Kultur- und Kirchengeschichte. Mit Verzeichnissen der Bibeln, Bilder und Künstler. Basel 1962
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek. https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=164350004 

Volz, Hans: Martin Luthers deutsche Bibel. Entstehung und Geschichte der Lutherbibel. Hamburg 1978
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek,
https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=023246146

5. WWW-WissensWert: Graphikportal

Aus der Bibliothekswelt kennt man seit vielen Jahren eine ganze Reihe von Verbundkatalogen. Verschiedene Institutionen arbeiten zusammen und erschließen ihre Bestände in einem gemeinsamen Katalog im Internet. Der Gemeinsame Bibliotheksverbund (GBV, http://gso.gbv.de/DB=2.1/LNG=DU) ist ein solcher Verbund, der die Bestände zahlreicher norddeutscher Bibliotheken vereint, so auch die Katalogisate der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle.

In der Museumswelt gab es bisher keinen derartigen Zusammenschluss. So ist es ein Novum, was der Betreiber, das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte, Bildarchiv Foto Marburg (http://www.fotomarburg.de/), in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Graphik vernetzt (https://www.arthistoricum.net/netzwerke/graphik-vernetzt/) jetzt geschaffen hat. Der Arbeitskreis, in dem auch das Bildarchiv in Marburg sowie die Hamburger Kunsthalle ein federführendes Mitglied sind, bildete sich im März 2011. Inzwischen zählt er ca. 70 Sammlungen aus den deutschsprachigen Ländern, Italien, Frankreich und den Niederlanden zu seinen Mitgliedern. Zur Vorbereitung auf den gemeinsamen Verbundkatalog sprach man erst einmal über die Erschließung der Kunstwerke.

Während die Bibliotheken bereits seit der Einführung der Preußischen Instruktionen (PI) zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein übergreifendes Regelwerk besaßen, gab es für die Museen bisher nicht die Notwendigkeit, die Werke auf genau dieselbe Art und Weise zu beschreiben. Zwar gibt es gültige Standards, die von allen Sammlungen gleich praktiziert werden, aber jedes Haus schuf doch seine eigenen Hausregeln, die in einigen Punkten voneinander abweichen. Die EDV jedoch zwingt eine andere Herangehensweise und Vereinheitlichung. Die Grundlage für die gemeinsame Erschließung der Werke auf Papier ist ein Datenformat, das international entwickelt wurde. Anders als im Bibliotheksbereich lässt es den Teilnehmern immer noch große Freiheiten. So können die Maße eines Werkes beispielsweise in Millimeter oder in Zentimeter angegeben werden.


Der Gemeinsame Feldkatalog Graphischer Sammlungen. Quelle: https://www.arthistoricum.net/netzwerke/graphik-vernetzt/feldkatalog/

Der Arbeitskreis Graphik vernetzt entwickelte nun einen gemeinsamen Feldkatalog (https://www.arthistoricum.net/fileadmin/groups/arthistoricum/Netzwerke/Graphik_vernetzt/Feldkatalog_Graphik_1.0.pdf). Parallel dazu einigte man sich auf ein kontrolliertes Vokabular, z. B. zur Beschreibung der künstlerischer Technik. Für die Ansetzung von Werktiteln griff man auf gängige Standardliteratur zurück, z.B. auf die Grundlage, die Adam von Bartsch mit seinen 21 Bänden „Le peintre graveur“, Wien 18021821 geschaffen hatte (Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=150550286).

Dieser Aufwand war notwendig, um den ersten Verbundkatalog für Kunstwerke auf Papier ins Leben rufen zu können – das Graphikportal. Bei seinem Launch am 11. November 2017 sind 25 Sammlungen aus den deutschsprachigen Längern beteiligt, darunter sieben Bibliotheken und Archive, zwei Forschungsinstitutionen und 16 Museen. Sie erschlossen und digitalisierten Handzeichnungen, Malerei auf Papier und Druckgraphiken aus ihren Beständen und spielten die Daten und Digitalisate in die Oberfläche ein, die das Bildarchiv Foto Marburg zur Verfügung stellt.


Suchbildschirm "Répertoire des peintures françaises des XVIIe et XVIIIe siècles en Allemagne". Quelle:

Erstmals lassen sich Bestände damit sammlungsübergreifend durchsuchen. Sämtliche Abzüge einer Druckgraphik lassen sich auf diese Weise verifizieren. Serien, die auf mehrere Sammlungen verteilt sind, können gemeinsam dargestellt werden. Das Graphikportal zeigt große Schätze, die bisher eher im Verborgenen schlummerten, weil Werke auf Papier nicht permanent ausgestellt werden können. Es richtet sich sowohl an Forscher als auch an jeden Interessenten. Die Eingangsseite des Graphikportals ist klar strukturiert und einfach zu nutzen.

In einen Suchschlitz kann man Begriffe, z. B. Künstlernamen oder Themen, eingeben. Das Ergebnis wird als Bildergalerie angezeigt. Wie diese sortiert ist, wird leider nicht verraten. Sucht man beispielsweise nach den Begriffen „vedute di roma“. So erhält man alle Exemplare von Giovanni Battista Piranesis (17201778) großformatigem bekannten Werk mit Ansichten von Rom (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=821965204). Gleichzeitig entdeckt man, dass es durchaus auch weitere Künstler gab, die Ansichten von Rom darstellten, die wiederum in Sammelbänden herausgegeben wurden. Beispiele aus der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle ist eine Publikation des Verlegers Agapito Franzetti, die anonyme Radierungen aus dem 18. Jahrhundert enthält (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=245728902), sowie ein Band des Verlegers Pietro Piale, der ebenfalls Radierungen unbekannter Stecher aufweist (https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=839495935). Sie alle lassen sich im Graphikportal mit Abbildungen der einzelnen Seiten finden.


Giovanni Battista Piranesi (1720–1778):Vedute di Roma – Titelblatt. In: Vedute di Roma“, Band 1, 2. Pariser Ausgabe 1835. Hamburger Kunsthalle, Bibliothek,  https://www.graphikportal.org/document/gpo00130806

Schaut man sich das große Vorbild dieser Bände, die Publikation von Piranesi an, so findet man Exemplare im Kupferstichkabinett Dresden, Berlin und in der Bibliothek der Hamburger Kunsthalle. Vergleicht man die einzelnen Einträge in der Datenbank, so kann man deutliche Unterschiede in den Beschreibungen erkennen, je nachdem welche Erschließungstiefe gewählt wurde. So fehlen in der Aufnahme der Hamburger Kunsthalle Schlagworte (Themen) zur normierten Beschreibung des dargestellten Inhalts. Dafür werden die Beschriftungen der Blätter komplett wiedergegeben, was wiederum andere Sammlungen nicht leisten. Alles dies hat jedoch Auswirkungen auf das Suchergebnis. Solange man die Recherche über den anfänglichen Suchschlitz generiert, führt man eine Volltextsuche durch. Leider fehlt im Graphikportal jegliche Hilfestellung, wie man seine Anfrage am besten formulieren sollte (z. B. kein Komma zwischen dem Nach- und Vornamen des Künstlers oder ein Hinweis auf eventuell vorhandene Trunkierungsmöglichkeiten). Eine direkte Ansteuerung einer Expertensuche ist leider auch nicht vorhanden. Hat man jedoch den Suchschlitz mit Begriffen bestückt, lässt sich das Ergebnis nach Künstler, Werktyp, Technik, Datierung, Thema, Referenz oder Sammlung filtern. Dazu klickt man einfach die jeweilige Kategorie an und erhält eine Liste der vorhandenen Begriffe mit Angabe der Trefferzahl. Alle gesetzten Filter kann man wieder löschen, wenn das Suchergebnis nicht den Erwartungen entsprochen hat. Am Ende der Trefferliste befindet sich die Möglichkeit mittels eines Links die durchgeführte Suche zu speichern.


Ergebnisanzeige der Suche nach „vedute di roma“ im Graphikportal. Quelle: https://www.graphikportal.org/gallery/encoded/eJzjYBKS4WJLzMmJT0kVYitLTSktSZVidvRzUWIuycnWYhCSgMsypWSiyEjBZViK8nMTkeUAe98Uyw**

Registrierte Nutzer können über das Menü am linken Bildrand die Recherche zudem nachvollziehen und sich eine Merkliste interessanter Werke anlegen.

Wer einfach nur stöbern möchte, erhält auf der Startseite diverse Angebote. Ein Link führt zu dem Dokumentarfilm, der in das Graphikportal einführt (https://youtu.be/OtjB_psWqN0). Daneben werden die beteiligten Sammlungen vorgestellt. Unter der Rubrik „Curator’s Choice“ stellen einige Mitglieder des Arbeitskreises Graphik vernetzt ihre Lieblingswerke vor. Ausgewählte Höhepunkte aus den Sammlungen zeigt der Punkt „Meisterwerke“. Aus der Hamburger Kunsthalle sind hier fünf Werke zu sehen: eines von Peter Paul Rubens (15771640), drei Werke von Albrecht Dürer (14711528) sowie eine Zeichnung von Adam Elsheimer (15781610).

Insgesamt wurden ca. 18.000 Werke aus dem Kupferstichkabinett und der Bibliothek in das Graphikportal eingespielt. Anders als in vielen Bibliotheksverbundkatalogen, in denen die Mitarbeiter direkt online katalogisieren, werden die Daten der Kunstwerke zunächst lokal in der jeweiligen Institution erfasst. Es könnte also durchaus sein, dass die „Sammlung online“ (http://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online) der Hamburger Kunsthalle zeitweise mehr Beschreibungen von Kunstwerken enthält als das Graphikportal. Wer ganz sicher gehen möchte, sollte in beiden Datenbanken recherchieren.

Das große Plus des Graphikportals ist die Vergleichbarkeit der Daten von ca. 300.000 Werken. In Sekundenschnelle erscheinen die Digitalisate aus unterschiedlichen Sammlungen auf dem Bildschirm. Die Ergebnisse machen neugierig auf die Originale. Diejenigen aus der Hamburger Kunsthalle kann sich jeder kostenlos zu den Zeiten der Graphikvorlage (dienstags, donnerstags und freitags von 1417 Uhr) im Studiensaal vorlegen lassen.

6. Wissenswertes – Die Rückenbeschriftung bei Büchern

Wenn man in der Bibliothek vor einem der Regale steht, kann es sein, dass man den Kopf immer wieder nach rechts und links bewegen muss, um die Rückenbeschriften lesen zu können. „Wie kann das sein? Gibt es hierfür keine Vereinheitlichung?“, fragt sich so mancher Bibliothekar, der Normierung gewohnt ist, und sicherlich auch der ein oder andere Leser.


Regal mit Bücher über Albrecht Dürer (1471–1528) im Bibliotheksmagazin der Hamburger Kunsthalle © Foto: A. Joosten, Hamburg

Es handelt sich dabei nicht um eine Fürsorge der Verleger, die den Lesern, einer Halsstarre vorbeugend, ausreichend Bewegung verschaffen wollen. In der Regel werden die Bücher auf dem Rücken mit Angaben zum Autor, Titel und Verlag beschriftet, um sie besser identifizieren zu können. Nur bei sehr dicken Büchern kann der Aufdruck so erfolgen, dass er in Leserichtung verläuft. Die meisten Bücher erhalten ihre Beschriftung von unten nach oben. Der Leser muss den Kopf nach links knicken, um den Rücken im Regal lesen zu können. Diese ist zudem lesbar, wenn das Buch mit der Vorderseite nach oben flach hingelegt wird. Das stammt vermutlich aus der mittelalterlichen Lagerung von Büchern in den Skriptorien und Bibliotheken. Eine internationale Norm aus dem Jahr 1985 untermauert dies (ISO 6357, Spine titles on books and other publications).

Wer nun viele deutsche Bücher besitzt, kann genau die gegenteilige Schriftausrichtung beobachten. Bei deutschsprachigen Titeln machen die Verlage traditionell eine Ausnahme. Die Schrift verläuft hier von unten nach oben. Der Leser vor dem Regal muss seinen Kopf nach rechts beugen. Um die Rückenbeschriftung lesen zu können, muss das Buch auf die Vorderseite gelegt werden. Der deutsche Sonderweg begründet sich in den Industrie-Normen, die auf den Grundsätzen des Technischen Zeichnens aufbauen. Diese besagen, dass jede Beschriftung entweder von vorn oder von rechts lesbar sein muss.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels empfiehlt die internationale Variante, aber die Verlage scheinen sich nicht durchgängig daran zu halten. Seit ca. 60 Jahren wird über die Normierung gestritten, so dass das Deutsche Institut für Normung seine Arbeit an der DIN 1429, die diesem Streit eigentlich ein Ende setzen sollte, schließlich aufgegeben hat.

Die nächste Ausgabe von „WissensWert“ erscheint im Januar 2018.

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