Liebe Freunde der Kirchenmusik, sehr geehrte Damen und Herren!

Die musikalische Eröffnung des Jahres in St. Andreas steht am kommenden Sonntag unmittelbar bevor. Herzliche Einladung zu einem Cembalorezital bei Kerzenschein!

Ihr
KANTORAT ST. ANDREAS HILDESHEIM
Bernhard Römer
Kantor und Organist

Cembalorezital bei Kerzenschein

Sonntag, 21. Januar 2018, 18 Uhr
Rezital bei Kerzenschein
Französisch, italienisch, englisch oder deutsch? - Cembalowerke von Johann Sebastian Bach

HILDESHEIM. Das Cembalorezital in der mit Kerzen illuminierten und geheizten Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche hat Tradition. In diesem Jahr räumt Bernhard Römer seinen Platz an den 122 schwarzen und weißen Tasten des Mietke-Cembalos für Fritz Siebert aus Hannover. Der 38-jährige Cembalist rief dort 2010 die Reihe „Tastenmusik“ ins Leben, in deren Rahmen er monatlich Konzerte gibt. 2013 erfolgte eine Gesamtaufführung aller vier Teile der Clavierübung von Johann Sebastian Bach.

In Hildesheim geht er der spannenden Frage nach: „Französisch, italienisch, englisch oder deutsch? - Cembalowerke von Johann Sebastian Bach“.

Karten kosten 10 EUR (Schüler und Studenten 8 EUR) und sind in Service-Center der HAZ, beim Kulturring und in allen Reservix-Verkaufsstellen erhältlich und hier online. Die Tageskasse öffnet um 17.30 Uhr.


Für alle, die es schon etwas genauer wissen möchten:

Johann Sebastian Bach
(1685–1750)

Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816

Studiert man das Nachlassverzeichnis von Johann Sebastian Bach, so wird verständlich, warum er das Spiel auf Tasteninstrumenten wie kein anderer Meister im 18. Jahrhundert prägte: In der dreistöckigen Leipziger Kantorenwohnung standen fünf Cembali, zwei “Lautenclaviere” und ein Clavichord. Vater und Mutter Bach, die musikalischen Töchter und Söhne konnten, wann immer sie wollten, an Tasteninstrumenten üben. Der Vater bekielte und stimmte die Instrumente selbst und gab den Söhnen sowie Studenten der Leipziger Universität Unterricht; die Kantorenwohnung glich einem “Taubenschlag” (Carl Philipp Emanuel Bach), und der Alltag der Bache muss von einem fast permanenten Cembalorauschen begleitet worden sein  – es sei denn, Frau “Mume” Anna Magdalena missbrauchte eines der Cembali als Wickeltisch.

Die sogenannten “Französischen Suiten” lassen uns einen Blick in diesen von Musik durchtränkten Alltag werfen: Bach schrieb die ersten fünf dieser Suites pour le Clavecin in ein Notenbuch, das er 1722 für seine zweite Frau Anna Magdalena anlegte. Bei ihrer Heirat 1721 war sie eine hochbezahlte Hofsängerin und sehr gute Cembalistin. Erst die Übersiedlung nach Leipzig 1723 zwang sie, ihren Beruf der Familie zu opfern – manche Musikerin heute wird nachvollziehen können, was das bedeutet. Die beiden Notenbücher, die ihr Mann für sie anlegte, sind liebevolle Huldigungen an die Cembalistin.

Das Autograph der 5. Französischen Suite legt von der Entstehung dieser clavieristischen Ehegaben beredtes Zeugnis ab. Mitten im wunderbaren Fluss der Allemande hat Bach die Niederschrift unterbrochen – wer weiß, welcher Familienzwist ihn ablenkte. Der Einheit dieses aus Sechzehnteln wunderbar dicht gewebten Gebildes tat die Störung keinen Abbruch. Im zweistimmigen Kontrapunkt der Courante hat er die Geläufigkeit seiner Frau auf die Probe gestellt, in der Sarabande ihre Kenntnis der Agréments geprüft, jener französischen Verzierungen, auf deren Ausführung Bach größten Wert legte. Gavotte und Bourrée, zwei Genrestücke von großem melodischem Reiz und voller witziger Details der Stimmführung, bilden auch graphisch eine Einheit. Vor die fugierte Gigue (mit Umkehrung des Themas im zweiten Teil) hat Bach eine Loure gesetzt, einen von schweren Akzenten geprägten Tanz, der gleichwohl wie ein galanter Gesang wirkt.

Praeludium und Fuge a-Moll BWV 889

Präludium und Fuge a-Moll BWV 889 bilden ein Werkpaar im 2. Teil des Wohltemperierten Klaviers. Das Präludium erscheint als mathematisch ausgefeilte Konstruktion in Form einer zweistimmigen Invention, in zwei Teilen von je 16 Takten. Der symmetrische Aufbau wird noch dadurch betont, dass in der ersten Hälfte des zweiten Teils die beiden Themen in der Umkehrung erscheinen. Der gleichzeitige Stimmtausch an dieser Stelle ist allerdings schon in Takt 2 im doppelten Kontrapunkt vorgegeben. Indessen bewirken ständig auftretende Chromatik und Modulationen, die aber nur selten durch Kadenzen bestätigt oder befestigt werden, zusammen mit der Pausenlosigkeit eine unablässige Spannung auf rhythmischer, melodischer und kontrapunktischer Ebene.

Die dreistimmige Fuge bietet ein Beispiel für den Stylus Phantasticus. Die Fuge erscheint als „einziger Temperamentsausbruch“, sie „kümmert sich nicht viel um Schulregeln“. Das Thema erlaubt keine genaue Angabe seiner Länge, da sein Abschluss im Verlauf der Fuge wechselt. Zum bizarren, wilden Charakter tragen die zahlreichen zerstückelnden Pausen bei, die durch den ungewöhnlich langen Anstieg des Basses über zweieinhalb Oktaven aufgefangen werden. Die 29 Takte bieten zwar rhythmische Lebhaftigkeit mit zahlreichen Folgen von Viertel-, Achtel- und 32stel-Noten, jedoch merkwürdigerweise keinerlei 16tel-Läufe. Die Melodie des Themenbeginns, mit dem Kreuzmotiv und der charakteristischen absteigenden verminderten Septime, war bei Bachs Zeitgenossen und Nachfolgern Allgemeingut. Sie begegnet zum Beispiel auch im Chorsatz „Durch seine Wunden sind wir geheilet“ von Händels Messias, im Finale des f-Moll-Streichquartetts von Joseph Haydn op. 20, sowie im „Kyrie“ von Mozarts Requiem. Bei Bach muss der Hörer jedoch bis Takt 3 warten, um den Grundton a zu hören, und zwar in unbetonter Stellung! Die lapidare Härte des Themas schlägt sich auch in dessen Mangel an Sekundschritten nieder. Diese erscheinen jedoch reichlich in den abgerissenen 32steln und rollenden Trillern des begleitenden Kontrapunktes, der das Bild eines seelischen Unwetters vervollständigt.

Englische Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810

Vielleicht rührt die Bezeichnung von einem englischen Auftraggeber; gleichwohl ist nach wie vor ungeklärt, warum die Suiten "englische" heißen. Ihrer Form nach folgen sie (wie auch die kleineren "französischen" Schwestern und die Partiten) weitgehend dem traditionellen französischen Tanzsuiten-Typus. Zu ihm gehören die ruhig schreitende Allemande, die fließende Courante, die gravitätische Sarabande und einer Gigue als flotter 6/8-Kehraus, wobei Bach ein gewichtiges Präludium voranstellte und meist noch eine Bourrée einfügte. Auch wenn hier keine Perücke mehr ihr Bein hebt: Bachs Zyklen sind sein Beitrag zur Gesellschaftsmusik der Zeit - allerdings auf höchst stilisiertem Niveau, ästhetisch wie technisch-kontrapunktisch.

Italienisches Konzert F-Dur BWV 971

Johann Adolph Scheibe, sonst einer der schärfsten Kritiker Bachs, schreibt 1739 über das Italienische Konzert, das heute als eines der populärsten Klavierwerke Bachs gilt: "Ein vollkommenes Muster eines wohleingerichteten einstimmigen Concerts". Der Prototyp, an dem sich Bach orientiert, ist das instrumentale Solokonzert Vivaldischer Prägung, in seiner typischsten Form eines Violinkonzertes. Wie die italienischen Vorbilder lebt Bachs "einstimmiges Concert" in den schnellen Sätzen von der Kontrastspannung zwischen Tutti und Solo und dem Wechselspiel zwischen markant profilierten Orchesterritornellen und frei und virtuos sich entfaltendem Linien- und Figurenwerk. In Bachs Umsetzung in die Klangwelt des Cembalos "mit zweyen Manualen" (wie es der Titel ausdrücklich fordert)

übernimmt das Hauptmanual als Forte-Register sowohl die Tuttipartien als auch die Solostimme, das 2. Manual, piano registriert, dient zur Begleitung der Soli; doch ist diese Zuordnung nicht schematisch durchgeführt, insbesondere stehen sich im 3. Satz Forte- und Piano-Register auch duettierend gegenüber. In den Soloabschnitten des 1. Satzes findet man als Begleitfiguren auch die im Orchestersatz beliebten "klopfenden" Repetitionsfiguren der Bässe und Mittelstimmen wieder. Im langsamen Mittelsatz des Konzerts zieht sich das imaginäre Orchester ganz auf die Rolle des Begleiters zurück. Über einem dezent ausgeterzten Ostinato, der den Satz eröffnet und ihn in stoischem Gleichmaß unablässig durchzieht, entfaltet sich um so farbiger und reicher die Kantilene des Soloinstruments, üppig durchsetzt mit Verzierungen, wie sie in der italienischen Konzertpraxis damals improvisiert wurden. Klaus Hoffmann

Fritz Siebert

wurde im September 1979 in Hannover geboren und begann seine musikalische Ausbildung an der dortigen Musikschule. Ab 1993 erhielt er Orgelunterricht zunächst bei Uwe Rehling, später bei Marina Zagorski und Ulfert Smidt und gab als Preisträger des Oundle International Festival for Organists 1997 und 1998 Konzerte in England und Norddeutsch-land. In der Folge entwickelte er ein starkes Interesse an Musik für Tasteninstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts, das ihn schließlich zum Cembalo führte – ersten Unterricht erhielt er 1998 bei Thomas Grunwald. Beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ wurde er 2000 in der Kategorie Cembalobegleitung in Berlin mit einem 1. Preis ausgezeichnet.

Im Herbst 2000 begann Siebert sein Studium an der Hochschule für Musik und Theater Hanno-ver bei Zvi Meniker in den Fächern Cembalo und Hammerklavier. Im Frühjahr 2001 nahm er an der 16. Internationalen Händel-Akademie Karlsruhe teil und besuchte dort einen Meis-terkurs bei Jesper Christensen; weitere Kurse bei Bob van Asperen und Menno van Delft folgten. Im Oktober 2003 wechselte er an die Hoch-schule für Musik Köln und setzte sein Cemba-lostudium bei Ketil Haugsand fort. Dem Diplom im Jahr 2005 folgte ein Aufbaustudium bei Christian Rieger an der Folkwang Hochschule Essen, das er 2007 mit dem Konzertexamen abschloß.
Von Ende 2007 bis Anfang 2013 war er Cembalist des Kölner Ensembles NeoBarock, mit dem er seither unter anderem bei den Brühler Schloßkonzerten, den Haydn-Festtagen Eisenstadt, dem Europäischen Musikfest Stutt-gart und dem Bachfest Leipzig sowie den Frankfurter BachKonzerten aufgetreten ist.

Neben CD-Aufnahmen entstanden außerdem Konzertmitschnitte beim WDR, HR, SWR, BR sowie dem Deutschlandfunk. Anfang 2010 rief er in Hannover die Konzert-reihe TASTENMUSIK ins Leben, in deren Rah-men er monatlich Konzerte gibt, solistisch auf Cembalo und Orgel sowie gemeinsam mit Mu-sikerkollegen.

Im Sommer 2010 begleitete er das Ensemble Concerto Köln auf eine Konzertreise nach Ka-nada und Kolumbien.

Im Rahmen der TASTENMUSIKEN erfolgte 2013 eine Gesamtaufführung aller vier Teile der Clavierübung von Johann Sebastian Bach. Im Oktober 2015 ist beim Label cybele eine für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominierte SACD mit Cembalowerken von Johann Sebastian Bach erschienen.

Fritz Siebert spielt ein Instrument von Titus Crijnen, gebaut 2004 nach einem Modell von Johannes Ruckers (Antwerpen 1624).

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