HELL ON EARTH – CHOREOGRAFIE: CONSTANZA MACRAS/DORKYPARK
wieder vom 11. bis 14. Januar 2012 / 19.30 Uhr / HAU 1
„Manchmal kann das Theater sämtliche Gender-, Immigrations- und Identitätsdebatten in einer einzigen Szene zugleich bündeln, ironisieren und bestens gelaunt in die Luft jagen. Zum Beispiel, wenn sich fünf ziemlich kleine arabische Jungs aus Berlin, denen man den Nachwuchsmacho schon von weitem ansieht, als verschleierte, bunt gewandete Araberinnen verkleiden – um dann als Frauen altklug über die Probleme mit den Machos zu reden: „Die Männer sind sexsüchtig, die wollen immer nur ficken, sogar auf der Waschmaschine, während sie läuft.“ Dazu grinsen sie so unverschämt charmant, dass klar ist, wie viel Spaß ihnen das Spiel mit den schmutzigen Wörtern und der geschlechtsumwandelnden Verkleidung macht.
Constanza Macras’ Tanzstück „Hell on Earth“ im Berliner HAU ist voll von Szenen, in denen sämtliche Klischees über Migranten und deren robuste Vorstellungen von Geschlechterrollen gleichzeitig lustvoll ausgestellt, zugespitzt und umcodiert werden. Und zwar so entspannt und frei von pädagogischen Zuckungen, dass von all dem, was das Leben zwischen den Kulturen und am unteren Rand der Gesellschaft schwer macht, nur noch fröhlich ausgeschlachtetes Spielmaterial übrig bleibt.
Die Klischee-Demontage funktioniert dabei auch jenseits der Travestie. Zum Beispiel, wenn ein kleines Mädchen, dessen Eltern vor einer Ewigkeit aus dem Libanon nach Berlin emigrierten, mit größter Selbstverständlichkeit das aus Überzeugung getragene Kopftuch mit entschlossenem Feminismus kombiniert.
Und genau so, wie die Menschen auf der Bühne ihr Selbstverständnis und ihre Selbstinszenierungen aus vielen Kulturen zusammenklauben, sind auch Macras’ Stilmittel ein Mix aus Popkultur, Theorie-Einsprengseln, durchchoreographierten Szenen und Momenten echten Gefühls. Der hinreißende Abend ist ein Hybrid jenseits des deutschen Reinheitsgebots.“
(
Süddeutsche Zeitung vom 12. April 2008)
Nach zahlreichen Gastspielen rund um die Welt und dem Preis des Goethe-Instituts im Rahmen des Festivals „Politik im Freien Theater 2008“ in Köln kehrt Constanza Macras' „Hell on Earth“ jetzt ein weiteres Mal zurück auf die Bühne des HAU 1.
WIE MAN DEM TOTEN HASEN DIE BILDER ERKLÄRT – REGIE: TIIT OJASOO UND ENE-LIIS SEMPER/THEATER NO99, TALLINN
13. und 14. Januar 2012 / 20.00 Uhr / HAU 2
Estnisch mit dt. Übertiteln
„Kunst muss sein. Ausrufezeichen! Aber warum eigentlich? Es gibt eine Frau, ihr Name ist Hase, sie weiß Bescheid. Denn Frau Hase (estnisch Jänes) ist Kultusministerin im theaterbegeisterten Estland. Kulturförderung dient ihr zur Heimat- und Imagepflege, zur Prestigeaußenpolitik. Frau Ministers Auftritte sind zwar engagiert, ihre Gedanken allerdings weit einfacher gestrickt als ihre Trachtenkostüme. Sie meint es vermeintlich gut mit ihren Künstlern, aber ‘leider ist immer zu wenig Geld da'.
Wir sind alle Künstler. Ausrufezeichen! Aber inwiefern? Joseph Beuys, der einmal sagte, seine größte Kunst bestehe darin, Lehrer zu sein, erklärte 1965 einem toten Hasen seine Bilder. Die Vernissage-Besucher konnten diese Erklärungen nicht hören, sie sahen Beuys, den Kopf mit Honig bestrichen und mit Blattgold beschichtet, einen Hasen auf dem Arm.
Diese beiden Hasengeschichten sind Ausgangspunkt einer leichtfüßigen Performance aus Estland, die namentlich zwar Ministerin Laine Jänes auf den Arm nimmt, dabei aber auf den Kunst- und Theaterbetrieb im Allgemeinen zielt.
Die Regisseure Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper fragen nach gesellschaftlichen Funktionen von Kunst und kreieren daraus einen gewitzten Theaterabend, der traditions- und diskursbewusst das Schaffen und Leiden von Künstlern und Aspekte wie Finanzierung, Konkurrenz und Kreativität reflektiert.
Das Ergebnis ist zugleich kluge Kopfkunst und körperbetonte, energetische, sinnliche, amüsante und verspielte Performance. Das zehnköpfige, ausdrucksstarke und charmante Ensemble des Theater NO99 bietet alles, was das Hasenherz begehrt. Auf der Bühne im Beuys-Westen-Beige formen sie alle Requisiten zur großen Christo-Skulptur, sich selbst zum Menschenknäuel und zur sozialen Plastik, sie nutzen Video, Artistik und Hasenkostüme, verbinden Sprech-, Tanz- und Improvisationstheater.” (
nachtkritik.de vom 14. Juni 2010)
BEFORE YOUR VERY EYES – GOB SQUAD, BERLIN & CAMPO, GENT
wieder vom 18. bis 21. Januar 2012 / 19.30 Uhr / HAU 1
Niederländisch mit dt. Untertiteln (am 21. Januar Niederländisch mit engl. Untertiteln)
„Meine Damen und Herren! Gob Squad präsentieren eine Live-Show mit ECHTEN Kindern. Eine seltene und großartige Gelegenheit! Seien Sie dabei und sehen Sie mit eigenen Augen sieben Leben im Schnelldurchlauf... Before Your Very Eyes!“
Zum ersten Mal in ihrer siebzehnjährigen Geschichte geben
Gob Squad die Bühne frei für eine Gruppe von 8-14 Jährigen. Während das Publikum sie in einer Art „Schutzraum“ aus einseitig verspiegeltem Glas beobachtet wie Insekten im Marmeladenglas, blicken die Kinder in die Zukunft – auf sich selbst als Erwachsene – und gleichzeitig nostalgisch zurück in ihre jüngste Vergangenheit. Und während wir versuchen, den Prozess des Alterns aufzuhalten und die Jugend zu konservieren, bereiten sie sich darauf vor, die Kindheit für immer hinter sich zu lassen.
"Was die Inszenierung neben den umwerfenden Darstellern so bezaubernd macht, ist die gänzlich unsentimentale Verbindung zwischen dem leichten, heiteren Spiel und der nüchternen Melancholie des Erwachsen- und Altwerdens. Es ist wahrscheinlich, zumindest für den etwa 46-jährigen Teil der Zuschauer, die schönste und wahrste Aufführung des Jahres." (
Süddeutsche Zeitung vom 03. Mai 2011)
„Before Your Very Eyes” ist der letzte Teil der CAMPO-Trilogie, in der Theaterarbeiten mit Kindern für ein erwachsenes Publikum entstanden. Auf den ersten Teil „üBUNG” von Josse De Pauw (2001) folgte Tim Etchells’ „That Night Follows Day” (2007).
STORM END COME – CHOREOGRAFIE: YASMEEN GODDER, TEL AVIV
19. bis 21. Januar 2012 / 20.00 Uhr / HAU 2
„Storm End Come“ ist eine Reise in unbekannte psychische Zustände. Die israelische
Choreografin Yasmeen Godder setzt mit ihrem neuen Stück ihre Recherche zu Zuständen der Ekstase fort, die sie mit dem Stück „Singular Sensation“ begann, das 2009 am HAU zu sehen war. Ausgangspunkt für „Storm End Come“ waren Fragen, die Godder und der
Dramaturg Itzik Guili ihren sechs Tänzern zu deren Identität stellten. Resultat dieser Befragung sind nicht autobiografische Erzählungen. Godder konzentriert sich auf das Essentielle und begibt sich mit ihren Tänzern in Grenzbereiche, in denen soziale Interaktionen plötzlich in gewalttätige Animalität, spielerische Zärtlichkeit in Kontrollverlust umschlagen und energetische Überschüsse zu Tage treten, die im Alltag unentdeckt bleiben. Im kahlen Bühnenraum erfassen die Tänzer unentwegt neue affektive Impulse, die sich als Eruptionen in ihren Körpern spiegeln.
„Storm End Come“ ist ein Kampf zwischen dem Versuch der Selbstbehauptung im Angesicht der Angst, in jemand anderem zu verschwinden, und der Verlockung, die jeder Veränderung innewohnt.